Gleichberechtigung: Das System hat versagt - Kolumne - DER SPIEGEL
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Sibylle Berg

meinung •Gleichberechtigung Das System hat versagt

Der "alte weiße Mann" steht in der Kritik - dabei ist das Problem größer: Das System, das Muskeln, Stärke und Penis belohnt, wurde von allen heterosexuellen Männern geschaffen. Zeit, das zu ändern.
Die G7-Anführer: Gleichstellung geht nicht?
Die G7-Anführer: Gleichstellung geht nicht?

Die G7-Anführer: Gleichstellung geht nicht?

Foto: Ludovic Marin/ AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Entfernen Sie bitte diesen Fremdkörper, möchte man sagen, was sag' ich, schreien will man das, wenn man das wunderbare Symbolbild der Weltmacht im Foto oben betrachtet.

Merkel stört die heterogene Einheit, die klarmacht, dass der lustige Begriff "alte weiße Männer" nicht mehr ist als Humor der Wütenden. Ein Begriff, mit dem sich alle jüngeren oder mittelalten Männer oder diejenigen mit mehr Melanin in der Haut, nicht mitgemeint sehen. Das allein zeigt: Pauschalisierungen wie diese helfen bei gar nichts.

Der kleinste gemeinsame Nenner als Ausdruck einer komplizierten Zeit: die Nazis, die Linken, die Rechten, die Alten, die Jungen, wir hier, die Anderen, die da oben, wir da unten oder anders herum. Vielleicht sind all diese Kategorisierungen, die ich mitunter auch verwende, nichts als Bullshit, die den Kern dessen verwässern, worum es gerade geht: um jene, die an das System glauben, und die anderen.

Das System - von Männern erdacht, erfunden, pervertiert - belohnte immer die Gewinner. Die Starken, Toughen, die mit mehr Muskeln, mehr Erbe, mehr Penis. Dieses System, das auch Wunderbares hervorbrachte wie Madame Curie, Robert Koch, die Brontë-Schwestern. Das immer, fast immer, unsozial war, das Schwächere benachteiligte, Kolonialismus erfand, Hexenverbrennung und Mondlandungen.

Aber vor allem ist die Welt für Männer eingerichtet. Von Männern. Nicht von alten weißen, sondern eben einfach von Männern, und zwar gesunden heterosexuellen, die untereinander kämpfen, sich töten, ausbeuten, verachten, aber eine Einheit bildeten, wenn es darum ging, ihre Vorherrschaft zu verteidigen. Selbst in den ärmsten Gebieten der Welt.

Das weltumspannende, männliche System

Nehmen wir zwei Gebiete, die ich kenne. In den Slums von Bangladesch oder Kalkutta gibt es immer noch jemanden, der unter den armen Männern steht. Es sind die Frauen und die Kinder, die Homosexuellen, die Schwachen und Kranken. Das ist, was unsere Welt zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist: ein Ort des ungebremsten maskulinen Schwachsinns, der Wälder brennen lässt, den Klimawandel wegen des Profits leugnet, Populisten fördert, um noch mehr Profit zu machen.

Es ist also zu einfach, gegen alte weiße Männer zu wettern, auch wenn es lustig ist. Das Problem ist viel größer. Es ist das weltumspannende männliche System, das auf Ausbeutung, Macht und Fraternisierung basiert. Und es reicht in jeden Winkel unseres Daseins. Es definiert unsere Chancen: die Wahrscheinlichkeit, früher zu sterben, und die Wahrscheinlichkeit, vergewaltigt zu werden. Das System gibt vor, dass Frauenarbeit weniger wert ist als die der Männer, und dass die Geburt eines Kindes Frauen in fast allen Fällen benachteiligt.

Wenn wir also von einer Teilhabe oder einer Gleichberechtigung reden, die weltweit fast nirgends erreicht ist, ist das zu wenig. Denn sie bedeutet, dass wir an einem System teilhaben wollen, das sich nicht bewährt hat. Ein System, von dem es immer heißt: Etwas Besseres als Demokratie und Kapitalismus steht nicht zur Verfügung. Das ist richtig.

Wir sollten nicht trödeln

Und doch gibt es zahlreiche neue Denkmodelle: Bestimmung eines Bürgerparlaments per Los, direkte Demokratie in den Gemeinden, Rückführung des gesellschaftlichen Eigentums an die Bürger, Beteiligung der Angestellten an Unternehmen, neue ökologische Modelle und vieles mehr, was Basis neuerer, zeitgemäßer, gerechterer Systeme sein kann.

Es ist eine große Aufgabe, die sich nicht dadurch bewältigen lässt, dass man Menschengruppen gegeneinander ausspielt. Sondern im Gegenteil. Es gilt jetzt, Verbündete zu finden. In den bestehenden politischen Systemen, in der Familie, in der Lokalverwaltung, in der Wissenschaft.

Wir haben nur ein kurzes Leben. Schade, es zu vertrödeln und zu hoffen, dass irgendwie schon alles gut wird. Wird es nicht mehr. Das System hat versagt.