Glosse Irritation in der Buchstabenkolonne
Das Wetter macht uns noch alle verrückt. Regen füllt langsam, aber sicher das gähnend geöffnete Sommerloch. Das Gemüt verhagelt, hadert der schlechtwettergeplagte Deutsche mit seinem Organismus: Die Hormone jubeln, alle Säfte und Kräfte sind versammelt, um den erhofft hohen Temperaturen des Sommers zu trotzen. Doch verpufft die saisonale Aufrüstung, versagt jede Einflüsterung der inneren Stimmen angesichts des Dauertiefdrucks über Mitteleuropa.
Überhaupt Einflüsterungen: Bei so viel wetterbedingter Verwirrung kommt es schon mal häufiger zu ausgewachsenen Psychosen. Neben der landläufig verbreiteten Depression ist auch die gute alte Schizophrenie wieder auf dem Vormarsch. Verständlich, dass Realitätssinn und Gefühlslage ins Wanken geraten, wenn die Umwelteinflüsse nicht so strömen wie von jeher gewohnt, da verrutscht schon mal der logische Zusammenhang des Großen und des Ganzen. Zu beobachten ist die Spaltung der inneren Zusammenhänge derzeit ja auch schon bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Erst vor wenigen Wochen, zu jener Zeit wohl noch beflügelt vom viel versprechenden Prachtwetter im Mai, bescherte uns Herausgeber Frank Schirrmacher seine neue Vision des wissenschaftlichen Feuilletons und bedruckte den Kulturteil seines Blattes in der Folge komplett mit einem Teil der Buchstabenkolonne des ganz frisch entschlüsselten Menschen-Genoms. Fortschritt, Avantgarde, ein mutiger, wenn auch großtuerischer Schritt in Richtung Zukunft aus unerwarteter Richtung.
Doch plötzlich ist die Verstörung groß. Am 1. August, pünktlich zum ersten Jahrestag der eigenen Übernahme der Rechtschreibreform will die FAZ wieder zur alten Schreibweise zurückkehren und stemmt sich einsam gegen die mit Müh und Not installierten Neuerungen. Rückschritt, Reaktionismus, wo gerade noch zum Aufbruch gerufen wurde. Zumal zum gefährlichsten aller Zeitpunkte. Denn kaum sind die Politiker ins Sommerexil entschwunden, fehlt den Medien traditionsgemäß die Munition zum täglichen News-Bombardement der Massen. Schon ist die eben gerade befriedete Debatte wieder in vollem Gange, verlegt sich das Sommertheater, eigentlich in Bayreuth und Salzburg gut aufgehoben, wieder in nördlichere Gefilde. An der vereinzelten Schützenhilfe, die der Vorstoß der FAZ erhält, wird mithin das ganze Ausmaß der durch die ausbleibende Sommerlichkeit hervorgerufenen Schizophrenie-Epidemie deutlich. Besonders ältere Menschen scheinen zuerst betroffen zu sein, anders lassen sich die zänkischen Beifallsbekundungen der Herren Reich-Ranicki, Giordano und Kempowski kaum noch erklären. Die hässliche Nebenwirkung: Von der gewünschten Einheitlichkeit der Sprache kann nun erst recht keine Rede mehr sein, wenn die Zeitung, die eigentlich "für Deutschland" sein will, der Nation im Alleingang in die Quere kommt.
Leidtragend ist wie schon gewohnt die Jugend, die sich in der Schule schon gut mit dem neuen Regelwerk arrangiert hatte und nun doch wieder zweifeln soll. Keine Zukunft, keine Rente, noch nicht einmal eine einheitliche Grammatik? Da muß man doch verzweifeln. Muß? Nein, das muss keiner, auch nicht, wenn sich journalistische Referenzen überraschend als ewig gestrig erweisen und demnächst wieder in Sütterlin-Deutsch erscheinen. Denn noch vorher wird der Herbst mit heftigen Stürmen dem Spuk ein Ende bereiten. Wenn bis dahin nicht längst schon wieder die Depression grassiert.