Goldene Kamera: Mut zur "Wut" - DER SPIEGEL
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Goldene Kamera Mut zur "Wut"

Die Goldene Kamera ist eine TV-Antiquität. Für ein paar Überraschungen taugt sie aber immer noch. Zum Beispiel die Ehrung von anspruchsvollen Dramen - das ließ sich sehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die grundsätzliche Rollenverteilung bei den hiesigen Fernseh- und Medienpreisen ist klar: Grimme steht für Relevanz ohne Glanz. Der Deutsche Fernsehpreis bemüht sich mehr oder weniger erfolgreich um eine Kombination aus beidem; Burdas Bambi und Springers Goldene Kamera sind traditionelle Branchen-Institutionen, deren Kriterien zwar keiner recht durchschaut, die aber auch niemand mehr groß kritisiert. Deswegen werden die beiden verlagseigenen Dauerwerbesendungen ja auch schmerzfrei zur Primetime im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen.

Im Großen und Ganzen folgte die gestrige 42. Verleihung der "Hörzu"-Trophäe dem bekannten Schema: Die vom ZDF ausgestrahlte Live-Show aus der Berliner Ullstein-Halle des Axel-Springer-Verlags, zum zehnten Mal moderiert von Thomas Gottschalk, schnurrte – bei standesgemäßer Überlänge von fast 45 Minuten – routiniert ab.

Krude Kategorien, kreative Klasse

Der relativ dezent gekleidete "Wetten, dass…?"-Matador führte weitgehend peinlichkeitsfrei durch die Ehrungs-Arie. Mit Nicolas Cage, Pierce Brosnan und Lionel Richie waren zur Hebung des Glamour-Faktors ein paar internationale Stars vor Ort. Wer wollte da schon über die kruden Kategorien sinnieren (der mit dem Privatjet angereiste Ex-Bond-Darsteller Brosnan wurde für sein Umwelt-Engagement gegen militärische Sonargeräte geehrt) oder böswillig Zusammenhänge mit gerade anstehenden Tourneen beziehungsweise Filmstarts konstruieren?

Umso erstaunlicher, wenn gelegentlich Ansätze zur Ernsthaftigkeit aufblitzten. Schon die Schauspieler-Auszeichnungen für Corinna Harfouch, die sich gegen Andrea Sawatzki und Nadja Uhl durchsetzte, sowie für den "Polizeiruf"-Mimen Edgar Selge, der gegen Christian Berkel und Ulrich Mühe gewann, waren zwar nicht unbedingt zwingend, aber seriös.

Was aber in der Rubrik Bester deutscher Fernsehfilm vor sich ging, kann tatsächlich sensationell genannt werden: Mit dem so brillanten wie zuschauerschwachen Sat-1-Mehrteiler "Blackout", dem zeithistorischen ZDF-Stück "Neger, Neger, Schornsteinfeger" und dem herausragenden ARD-Drama "Wut" waren ausnahmslos schwere, anspruchsvolle Stoffe nominiert. Die Entscheidung für Letzteren, der im eigenen Haus mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, war so mutig wie glücklich.

Zum Ausgleich durfte sich das ZDF über den (Publikums-)Preis in der Sparte Polit-Magazine freuen – 62 Prozent der "Hörzu"-Leser hatten für Theo Kolls "Frontal 21" votiert. Und damit das Ganze nicht zu ambitioniert wurde, gab es auch die unglaubliche Rubrik "Bester Promi-Werbespot", in der Oliver Kahn und Waldemar Hartmann mit ihrem Bier-Spruch "Auf der Bank isses doch am schönsten" das Rennen machten. Der Bundesliga-beanspruchte ehemalige Nationaltorhüter allerdings hatte als Vertretung seine Freundin Verena Kerth entsandt, die sich verschüchtert hinter dem Rücken des ARD-Mannes versteckte.

Klang nach Durchschnitt

Ansonsten blieb das Spektakel eher blass. Weder die musikalischen Einlagen der ebenfalls geehrten Musik-Combos Rosenstolz, US 5 und Katie Melua noch die ganz hübsche, mittlerweile aber auch etwas wohlfeile Kabarett-Einlage von Mathias Richling, der Stoiber parodierte, liefen Gefahr, unvergesslich zu werden. Wobei als Laudatorinnen Nicolette Krebitz und Christiane Paul durch wohlgesetzte Worte, Yvonne Catterfeld und Eva Mendez vor allem durch knappe Kleidung hervorstachen. Leider unwitzig geriet die Dankesrede der im Bereich Comedy prämierten Cordula Stratmann, eher unspektakulär der Ansagerinnen-Auftritt der wiedervereinigten No Angels.

Momente echter Rührung waren rar gesät und blieben, wie so oft bei solchen Veranstaltungen, den ganz jungen und den Alten vorbehalten. So wie die mit einer "Mireille-Mathieu-Gedächtnisfrisur" (Gottschalk) erschienene Nachwuchsaktrice Anna Fischer ("Lichter", "Liebeskind") durch ihre unverstellte Freude für Erfrischung sorgte, so bewegend gestaltete sich der Auftritt der 77-jährigen Lilo Pulver an der Stelle, an der im vergangenen Jahr der inzwischen verstorbene Rudi Carrell geehrt wurde: Die in Lila gewandete TV-Dame erhielt die Kamera für ihr Lebenswerk und wurde mit Standing Ovations gefeiert.

Fast noch denkwürdiger aber geriet das "Klassentreffen" von Cast und Crew des Filmklassikers "Das Boot", der anlässlich des 25-jährigen Jubiläums bedacht wurde. Als Jürgen Prochnow "seine" Männer "noch mal zum Appell" antreten ließ, wurde trotz der Versicherung des Regisseurs Wolfgang Petersen, es sei ja gar keiner älter geworden, eben genau das Gegenteil deutlich: Insbesondere der Anblick von Martin Semmelrogge und des arg derangierten Otto Sander machten deutlich, dass auch im Show-Business - bei aller professionellen Routine - nicht alles endlos währt.