Goldene Kamera: Rudi, der brave Showsoldat - DER SPIEGEL
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Goldene Kamera Rudi, der brave Showsoldat

Gewöhnlich ist die Verleihung der Goldenen Kamera ein eher langweiliges Spektakel der medialen Selbstbefriedigung. Der anrührende Auftritt des schwerkranken Entertainers Rudi Carrell sorgte gestern Abend jedoch für ein kurzes, aber wirksames Innehalten der rasanten Fernsehwelt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der brave Showsoldat zündete seine letzte Pointe: Ganz am Ende nahm Rudi Carrell den Preis für sein "Lebenswerk" entgegen, seine Stimmbänder waren vom Lungenkrebs im fortgeschrittenen Zustand stark geschwächt. Doch unter der im Karibikurlaub erworbenen Sonnenbräune wurde schon der nächste launige Witz vorbereitet: "Mit so einer Stimme wird man in Deutschland noch Superstar", piepste Carrell. Anschließend dankte er seiner Krankenkasse und der Pharmaindustrie, dass sie ihm diesen Fernsehauftritt, dem wohl kein weiterer folgen wird, ermöglicht haben.

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Foto: REUTERS

Es gibt Menschen, die behaupten, sie hätten in den 40 Jahren, die der Holländer nun schon das deutsche Fernsehen mitgestaltet, nicht ein einziges Mal über ihn gelacht. Doch sein letzter Gag blieb vom Tempo und vor allem vom Timing her unerreicht: Rudi, der Kampfunterhalter, hat es bei der "Goldenen Kamera" noch mal allen gezeigt.

Dieser humorvolle Auftritt des Todgeweihten, der alle anderen Momente der Preisverleihung im Rückblick zweitrangig erscheinen lassen muss, hintertrieb höchst effizient die allgemeine Stimmung, die auf traditionsreichen Veranstaltungen wie diesen naturgemäß herrscht: dass immer alles so weitergehen könnte wie bisher.

Denn eigentlich ist es das Prinzip Wiederholung, das "Die Goldene Kamera" bestimmt: Ein blonder Erfolgsmoderator bittet einen anderen blonden Erfolgsmoderator auf die Bühne, der dann einem dritten blonden Erfolgsmoderator eine Trophäe überreicht. Gestern Abend war das Gastgeber Gottschalk, der den Laudator Kerner herbeirief, damit dieser dann den Kollegen Pilawa (neben Carmen Nebel und Hugo Egon Balder) in der Kategorie "Beste Unterhaltung" auszeichnete. Gut möglich, dass nächstes Mal der Kerner den Pilawa herbeiruft, um diesen den Gottschalk ehren zu lassen. Oder gab es das schon mal?

Das Fernsehen ist ein Apparat, der sich selbst bestätigt und sich so am Laufen hält. Dabei war dieser Apparat in den letzten Monaten enorm ins Wanken geraten. Denn was wäre passiert, wenn der Axel Springer Verlag tatsächlich die ProSiebenSat.1-Gruppe erworben und sich dafür von seinen Programmzeitschriften getrennt hätte? Dann wäre auch die ehrenwert dahindümpelnde TV-Postille "Hörzu" veräußert worden, die nun schon zum 41. Mal die Fernsehselbstbeweihräucherung ausgerichtet hat. Das hätte das Ende der "Goldenen Kamera" in ihrer jetzigen Form bedeutet.

Und so muss man es wohl auch als vertrauensbildende Maßnahme verstehen, dass Springer-Chef Mathias Döpfner genau einen Tag vor der Veranstaltung verkündete, dass man den Privatfernsehkomplex nicht mehr zu erwerben gedenke. So konnte sich der fröhliche Sanierer gemeinsam mit Friede Springer gemütlich in der ersten Reihe der Springer-eigenen Ullstein-Halle zurücklehnen, um dem Treiben ihrer Gäste auf der Bühne zu folgen.

Im Grunde genommen gab es die gewohnte Mischung aus Medienkompetenz und Peinlichkeit: Harpe Kerkeling übertrat als Laudator patent die Geschmacksgrenzen, wie er das bei Promiaufläufen dieser Art schon häufig gemacht hat. Bob Geldof, der sonderbarerweise ein Vierteljahrhundert nach seinem ersten und letzten Hit mit dem "Ehrenpreis Musik" bedacht wurde, aber eigentlich über die Probleme Afrikas sprechen wollte, überzog leger seine Redezeit und kanzelte Föhnwelle Gottschalk als "Michael Bolton" ab, als der ihn zum Abgang aufforderte.

Jerry Lewis indes, der letztes Jahr schon für sein "Lebenswerk" geehrt wurde, legte als Pausenclown eine sehr senile Variation seiner Musiknummer aus dem Klamaukklassiker "Der Bürotrottel" hin. Und Rudi Assauer, der mit Gattin Simone Thomalla für die beste Promi-Werbung (!) ausgezeichnet wurde, ließ es sich tatsächlich nicht nehmen, vollmundig die hinter dem Spot stehende Brauerei zu preisen.

ZDF-Boss Markus Schächter, so was wie der oberste Verantwortliche der Gala, schien derweil in ein kleines Intendanten-Nickerchen gefallen zu sein. Immer wenn die Kamera ihn einfing, waren seine Augen geschlossen. Er zwinkerte nicht einmal! Nur bei den singenden Striptänzerinnen der Pussycat Dolls, die erstaunlicherweise in der Kategorie "Pop International" eine Trophäe mitnehmen durften, rieb sich Schächter die Augen.

Trotz solch kleiner Absacker ins Lässige, glaubte man gelegentlich eine neue Ernsthaftigkeit bei der Veranstaltung zu spüren. Im Gegensatz zu früher waren zum Beispiel nur wirklich seriöse Vertreter der Schauspielzunft für die "Goldene Kamera" nominiert. Bei den Frauen waren das Marie Bäumer, Johanna Wokalek und Barbara Rudnik. Bei den Männern Matthias Brandt, Jan Josef Liefers und Ulrich Noethen. Rudnik und Noethen machten das Rennen.

Erschütternd nur, dass ausgerechnet die aufwendige Sat.1-Albernheit "Die Luftbrücke" zum besten Film gekürt wurde - obwohl sie doch mit dem exzellenten Polit-Krimi "Mord am Meer" (ZDF) und dem klugen Beziehungsreigen "Silberhochzeit" (Arte/ARD) konkurrieren musste. Da siegte dann doch die Quote über den Verstand.

So lieferte "Die Goldene Kamera" mal wieder Ehrungen und Ärgernisse. Vielleicht die unterhaltsamste Selbstbestätigungsmaßnahme in dieser sich ewig selbst bestätigenden Veranstaltung namens Fernsehen. Bleibt nur die Frage, wie das deutsche TV die nächsten 41 Jahre ohne den lustigen Holländer über die Runden kommen soll.