Gotscheff-Premiere in Berlin: Ein Schwanz als Herz - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Gotscheff-Premiere in Berlin Ein Schwanz als Herz

Theater als freies Spiel der Kräfte: Dimiter Gotscheff inszeniert an der Berliner Volksbühne den Surrealismus-Klassiker "König Ubu" schön schräg als "Ubukönig". Schöner allerdings wäre es gewesen, wenn er den Stoff noch radikaler auf den Kopf gestellt hätte.
Von Henrike Thomsen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Splitternackt platzen die beiden Typen hinter dem großen Ballon hervor, den sie vor sich hergeschoben haben. Sie mustern sich gegenseitig, bis einer die Beine kreuzt, dass nur noch ein Schamhaar-Dreieck zu sehen ist. Er beginnt mit kokettem Blick und fistelnder Stimme zu reden, der andere blickt lüstern. Flink gibt der Noch-Mann seinen Schwanz als Herz aus, das der andere, das Noch-nicht-ganz-Mädchen, prüfend in die Hand nimmt.

Spätestens an diesem Punkt denkt man: Bitte, nicht schon wieder! Keine weitere effektheischende Übung in Körperdrastik! Aber wenn "Ubukönig", die neue Inszenierung von Dimiter Gotscheff in der Berliner Volksbühne, zu Ende geht, ist man gerade deswegen versöhnt, dass es diesmal nicht einer der ganz großen Abende geworden ist, die man von dem Regisseur und den Schauspielern ausgezeichneter Inszenierungen wie "Iwanow" und "Die Perser" kennt.

Denn dieser Anfang ist nichts weniger als eine kleine Theaterschöpfungsgeschichte: Wolfram Koch und Samuel Finzi spielen die Erschaffung von Adam und Eva (mitsamt des berühmten Fingerzeigs gegen die Brust aus Michelangelos Gemälde) und ihren Sündenfall. Gleichzeitig stellen sie den Urmoment der Theaterkunst dar, die durch pure Vorstellungskraft Charaktere, Dinge und Welten entstehen lässt.

Da kann ein Mann als Mädchen firmieren, ein Schwanz als Herz, nichts muss realistisch sein, alles ist erlaubt. So wie die vielen kleinen und großen, bunten und schwarzen, ruhenden und schwebenden Ballons, die die Bühne von Katrin Brack füllen, im Laufe der Inszenierung immer neue Rollen annehmen: Mal respektierte Mitspieler, mal achtlos weggekickte Objekte; mal Spielzeug, mal Mordinstrument.

Die Bälle, die Bracks Seifenblasen und Konfettiregen aus früheren Gotscheff-Inszenierungen beerben, schweben in den Zuschauerraum und überwinden so die Grenze zwischen Bühne und Publikum. Sie sind die weithin sichtbaren Chiffren für Gotscheffs Manifest zum Theater als freiem Spiel der Kräfte und der Phantasie.

Das große Welttheater ist vorbei

Man begreift diesen Gleichnischarakter vom Ende her, wenn der wie ein Rondo gebaute und von der leitmotivischen Musik des Volksbühnen-Komponisten Sir Henry unterstützte Abend zu dem ersten Bild zurückkehrt, diesmal aber in Moll. Der Tyrann Vater Ubu und seine Frau Mutter Ubu, von Finzi und Koch in schwarzen Anzügen gespielt, schieben wieder mal einen Ballon vor sich her. Ihr chorischer Text weist sie als Kriegstreiber und Kannibalen aus, die die fragilen Welten und Wesen um sich herum verschlingen. Mitten in diesem Bild wird die Bühne schwarz, als breche das Auge eines tödlich Getroffenen – und das große Welttheater ist vorbei.

Im Originaltext von Alfred Jarrys "König Ubu" kämen jetzt noch anderthalb Akte: Auf die große Kriegsszene zwischen den polnischen Truppen Ubus und der russischen Armee folgt die erfolgreiche Flucht. Aber die Volksbühne hat den Abend von vorneherein als "Ubukönig" nach Alfred Jarry deklariert. In der Fassung Gotscheffs und seines Dramaturgen Maurici Farré bilden Texte von Heiner Müller den Anfang und den Schluss, zwischendurch sind mehrere Shakespeare-Passagen eingestreut.

Dennoch geht zwischen dem dekadenten Flair von Müllers Gedicht "Herzstück" und der apokalyptischen Traumstimmung aus "Macbeth" die Grundstimmung von "König Ubu" nicht verloren. Das Stück, das im Fin de Siècle-Paris von 1896 mit großem Skandal herauskam, ist in weiten Teilen eine Shakespeare-Parodie und ein Pamphlet gegen das illusionistische Theater. Es ist gespickt mit absichtlich brachialen Momenten und surrealer Grausamkeit.

Zetern und Hampeln

Auch Jarry hatte bei der Uraufführung einen Prolog vorgeschaltet: Er selbst kam auf die Bühne, um das Publikum auf die wüste Sprache und die wüsten Szenen einzustimmen – vergeblich. Das Stück verschwand für zwölf Jahre von den Bühnen und wurde erst nach dem Tod des Autors wieder aufgenommen, von den Surrealisten als Meisterwerk und prophetische Leistung gefeiert. Tatsächlich skizziert der Aufstieg des dumpf-brutalen Ubu zum Herrscher Polens, wie sich eine politisch totalitäre Machtmaschinerie in Gang setzt und nicht mehr zu stoppen ist, sei ihr Anführer auch noch so lächerlich.

All das erzählt die Inszenierung treu und vielleicht ernsthafter, als es ihr gut tut. Die beiden Komiker Wolfram Koch und Samuel Finzi wirken halbherziger und gebremster als sonst. Gotscheff lässt sie erneut als zwillingshaftes Doppel auftreten – bis hin zu den roten Lackpumps, die beide nach dem Prolog wie verkappte Dominas unter ihren Anzügen tragen, und bis zu einem Rollentausch zwischen Vater Ubu (zunächst Koch) und Mutter Ubu (Finzi) nach der Hälfte des Abends.

Diese Nähe schwächt die Spannung zwischen dem Paar, das eigentlich untereinander ebenso Krieg führt wie nach außen. Sebastian König hat als Spießgeselle der Ubus schöne Szenen, wenn das Trio vor Falschheit untereinander nur so trieft und wenn die Ubus schließlich den Handlanger nach gemeinsam vollendetem Königsmord auf perfide Weise erledigen. Man ahnt auch die Vielseitigkeit Axel Wandtkes, wenn er den rechtmäßigen König in einer Kaskade der verschiedensten Tonlagen zetern und hampeln lässt.

Doch der Rest des Ensembles bleibt entweder zu blass oder zu grob. Alles in allem wirkt der Abend zu gewollt, zu kunstfertig und – bei aller Erschöpfung über Körperdrastik und Fäkalien-Effekte – zu glatt. Der Gotscheffs "Ubukönig" ist elegant eingerichtet in seiner universalgeschichtlichen Lesart der bösen Geschichte und der utopischen Kraft von Kunst, aber er bleibt ein bisschen schal.


"Ubukönig" nach einer Bearbeitung von Maurici Farré von Alfred Jarrys "König Ubu", Regie Dimiter Gotscheff: 24./28.5.; 21.6. und 9.7. in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin

Mehr lesen über