Grimme-Preis Vom Westen nichts Neues
Marl Mit Worten aus dem letzten Jahr eröffnet die Marler Bürgermeisterin Uta Heinrich die Zeremonie: "Wer als Filmemacher nicht scharf ist auf den Grimme-Preis, der lügt." Auf Loretta Walz trifft das zu. "Überrascht" sei sie gewesen und schon stolz, "überhaupt nominiert" worden zu sein. Aufgeregt und ungeschminkt steht die unbekannte Preisträgerin im Rathaus, das eher an ein Hallenbad erinnert, als an ein Parlamentsgebäude.
Ohne Glanz und Glamour übt die Westfälische Arbeiterstadt alljährlich eine starke Anziehungskraft auf Deutschlands Fernsehmacher aus. Man scheut keine Kosten und Mühen um der Preisverleihung beizuwohnen.
Wenig später sitzt Deutschlands Fernsehelite zur Übergabe der Preise im Neubau des Stadttheaters. Bettina Böttinger vom WDR moderiert trocken, streng und betont seriös. Eine "Schamanin aus dem Reich der Töne" begleitet sie musikalisch mit experimentellen Trommelklängen. Die öffentlich-rechtliche Unterhaltung beweist hier ihren eigenen Charme.
Ein "ganz besonderer Jahrgang" werde hier gekürt. Und die meisten "Spitzengewächse" kommen aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm, sagt Böttinger offen vorweg. Sie geht damit auf die immer wiederkehrende Kritik ein, der Grimme-Preis schließe das Privat-Fernsehen vom "Prädikat Wertvoll" aus.
Denn von den 14 Preisen für Unterhaltung, Information und Kultur geht lediglich einer an eine Sendung aus dem Privaten Fernsehen. Die ProSieben-Comedy über den unsympathischen Bürohengst "Stromberg" ist einer der wenigen Gewinner, der nicht nur der Jury, sondern auch dem jubelnden Publikum bekannt ist. Dagegen dürfte die einhelligste Entscheidung der Jury kaum jemand gesehen haben: Der Dokumentarfilm von Loretta Walz, "Die Frauen von Ravensbrück", ist wahrlich keine leichte Kost. Als "streng und klassisch-einfach" lobt die Jury den Zusammenschnitt aus Gesprächen mit 48 KZ-Häftlingen. Im Fernsehen erreicht der Film nur ein kleines Publikum.
Quotenplatz für private Sender
Doch genau dafür steht der Grimme. Der Preis versteht sich als unabhängig von Einschaltquoten und damit von der Medienindustrie. Deswegen befindet sich das Institut auch nicht in München oder Köln, sondern in der Modellstadt Marl. Das Adolf-Grimme-Institut will seit 1964 "Wallfahrtsort für Fernsehkultur" in Deutschland sein, so Instituts-Direktor Uwe Kamman. Föderal, liberal in Marl also. Doch das Arbeitermilieu dient nur als wohlgemeinter Rahmen. Anwesend ist Deutschlands intellektuelle Fernsehelite - was die Marler fernsehen, bekommt hier vermutlich keinen Preis.
Der Volkshochschul-Vorsatz, Kultur fürs Volk nahe am Volk anzusiedeln, mag den einen oder anderen ostdeutschen Filmemacher an den "Bitterfelder Weg" erinnern. Auch auf der anderen Seite Deutschlands wurde nach dem Motto "Greif zur Feder, Kumpel!" in der Chemiestadt Bitterfeld beschlossen, Kultur müsse näher ran an die Arbeiter. Von dieser Parallele will Kamman aber nichts wissen. "Volkserziehung" sei nicht das Ziel.
Zwar betont der Direktor, dass er gerne mehr witzige - aber intelligente - Quotenrenner wie Stromberg auszeichnen würde. Allerdings wird man den Eindruck nicht los, dass der Grimme-Preis sich gerade durch Raritätenfilme profiliert. Ziel ist offensichtlich nicht, den Mainstream zu bedienen. Vielmehr scheint die Jury sich jedes Jahr einen einzigen Quotenplatz fürs Privatfernsehen aufzuheben, letztes Jahr für Stefan Raab.
Die Gastgeber loben sich selbst
Dass es schwierig ist, sich fernab vom Mainstream als bedeutender Fernsehpreis zu behaupten, macht sich an diesem Abend bemerkbar. Unermüdlich verweist die Moderatorin Böttinger auf den konkurrenzlosen Ruf des Grimme-"Awards". Vom Grimme als "großes Glück", bedeutender als alle anderen Fernsehpreise, als "erreichtes Klassenziel" ist bei jeder einzelnen Übergabe die Rede. Etwas genervt reagiert Preisträgerin Monica Bleibtreu: "Nö", der Grimme sei keine Steigerung zum Deutschen Fernsehpreis, den sie bereits für die Rolle in "Marias letzte Reise" erhielt. "Und außerdem geht er leicht kaputt." Ihr erster Grimme aus dem Jahr 2000 sei bereits zerbrochen.
60er-Jahre Bauten, 70er-Jahre Diskomusik, 80er-Jahre Grimme-Trailer die Veranstaltung lässt für einen Abend die alte Bundesrepublik aufleben. Und das Publikum fühlt sich sichtlich wohl. Allein für zugereiste Preisträger aus den neuen Bundesländern könnte der Vorgang etwas Exotisches haben. Der Ostberliner Autor Alexander Osang nimmt seinen Preis entgegen und erzählt: Die Bundesrepublik gab ihm anfangs das Gefühl, die falschen Zigaretten zu rauchen oder die falschen Bücher zu lesen. Und auch der Grimme-Preis war ihm erstmal nicht bekannt, gibt er in einem Gespräch zu. "Das ist ein Preis, der gut klingt. Irgendwie." So richtig scharf ist wohl nicht jeder auf den Grimme.