"Groß und klein"-Premiere: Wie man Botho Strauß flach legt - DER SPIEGEL
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"Groß und klein"-Premiere Wie man Botho Strauß flach legt

Schon ein bisschen hochtrabend, der Bühnenklassiker "Groß und klein" von Botho Strauß. Am Deutschen Theater Berlin sollte das Stück modernisiert werden. Herauskam jedoch leider nur eine Verflachung.
Von Christine Wahl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Alles ist sehr einfach: Nichts klappt." Diese Diagnose, mit der eine allein gelassene Mittdreißigerin ihre Lage in einer Pauschalurlaubshölle auf den Punkt bringt, dürfte orts- und zeitenübergreifend reichlich identifikationstauglich sein. Im vorliegenden Fall heißt die Frau Lotte, trägt ein ältliches grünes Kostüm sowie - als arbeitslose Grafikerin - ständig eine Zeichenmappe mit sich herum und wirkt auch ansonsten recht aus der Welt gefallen.

Was Wunder, dass sich dieses Gefühl eher verstärkt als verflüchtigt, wenn sie – aus Pauschal-Marokko zurück – eine Art Odyssee durch die bundesdeutsche Wirklichkeit antritt. Denn die Zeitgenossen, auf die sie unterwegs trifft, empfehlen sich nicht gerade als Werbeträger für die "Du-bist-Deutschland"-Kampagne.

Da wäre zum Beispiel diese 17-Jährige, die infolge konsequenten Frustessens so dick geworden ist, dass sie statt üblicher Klamotten eine Art Stoff-Iglu trägt und daher von ihren Mitmietern schlicht "das Zelt" genannt wird.

Oder der vertrocknete wissenschaftliche Assistent, dessen Pascha-Allüren gegenüber seiner Kollegin und Gespielin Gudrun nur aus einer beneidenswerten Begabung zur Selbstüberschätzung geboren sein können. Und schließlich Lottes alte Schulfreundin Meggy, die gar nicht einsieht, warum sie Besucher zu sich heraufbitten soll, wo es doch so tolle moderne Errungenschaften wie die Gegensprechanlage gibt.

Bei aller Diesseitigkeit dieser Vorgänge versah Botho Strauß, der jene Szenen um die vereinsamte Empfindsame unter dem Titel "Groß und klein" vor dreißig Jahren veröffentlichte, Lottes Trip reichlich mit Bibelzitaten, philosophischen Anspielungen und literarischen Reverenzen, etwa an August Strindbergs "Traumspiel".

Wenn Klischees die Hauptrolle spielen

Die Regisseurin Barbara Frey hat nun das Stationendrama, dessen Schaubühnen-Uraufführung 1978 durch Peter Stein mit Edith Clever in der Hauptrolle als Inszenierungslegende gilt, im Berliner Deutschen Theater weitgehend aus diesen Überbauten herausgeschält. Das ist zwar einerseits verständlich, weil man dem Ton der Vorlage seine Entstehungszeit zweifellos anmerkt.

Aber andererseits muss, wer Lottes Passionsgeschichte derart verweltlicht, höllisch aufpassen, dass er sie dabei nicht gleich heillos verflacht. Dann landet er nämlich schnell in den stereotypen Niederungen der bösen großstädtischen Gefühlskälte, des dumpfen männlichen Kommunikationsverweigerers und der ach so sensiblen Weiblichkeit, die einfach zu gut ist für diese Welt. Und mit diesem Problem hat Freys Inszenierung leider gewaltig zu kämpfen.

Wo die Noch-Hausregisseurin des Deutschen Theaters, die Mitte nächsten Jahres die Intendanz des Schauspielhauses Zürich übernimmt, offenbar Strauß'schen Humor hervorkehren wollte, landet sie allzu oft in der platten Karikatur. Der Mann, der Lotte verlassen hat (Christian Grashof): ein emotionsbehinderter Autist, der in schweigsam Runden durchs imaginäre Zimmer dreht, während sie mit ihm spricht.

Lottes späterer 14-Tage-Lover (Matthias Bundschuh): ein derart verklemmtes Bürowürstchen, dass man sich fragt, wie so etwas – erhöhter Verzweiflungsgrad hin oder her - überhaupt je einer Frau unterlaufen konnte. Und der fürs Alternative zuständige Gitarrenspieler, mit dem Lotte nicht ungern ein Date hätte: ein lederbejackter Möchtegernmacho.

Schal und eindimensional

Kurzum: Wenn man von der Schauspielerin Margit Bendokat absieht, die ihre beiden Altfrauenrollen gleichzeitig mit ehelicher Hingabe, Verzweiflung und bösartiger Trockenheit ausstattet, ist Eindimensionalität gar kein Ausdruck für diese Bühnen-Paare und -Passanten. Das könnte ja möglicherweise als Stilmittel durchgehen, die Vorlage in Richtung Farce zu lenken. Aber dafür ist Frey das Sujet im allgemeinen und Lotte im besonderen dann doch eindeutig zu ernst.

Nina Hoss spielt diese vereinsamte Unglückliche, die gleichzeitig vom Wahn befallen ist, ihre nichtsnutzigen Mitmenschen beglücken zu müssen, ziemlich laut. Gemessen an ihrem Spiel in anderen Inszenierungen (und Filmen) greift sie hier überraschend stark zu äußerlichen Illustrationsmitteln.

Kratzt sich nervös die Beine, wenn Wahnvorstellungen darzustellen sind, bebildert Vereinsamungsgefühle mit Selbstberührungen, turnt hibbelig auf Stühlen herum. Was anfangs wie eine inszenatorisch plausible Abwehrstrategie gegen die feindliche Außenwelt wirkt, setzt sich bis ans Ende und ins Selbstgespräch hinein irritierend fort - und nutzt sich ab.

So mäandert das Stationendrama, obwohl die Szenen mitsamt ihrer Handvoll Schauspieler in wechselnden Rollen äußerlich flott auf der fast leeren Drehbühne von Bettina Meyer vorbeirollen, mit ziemlichen Durststrecken seinem Ende entgegen.

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