Große Koalition und Medien: Das Ende der Talkshow - DER SPIEGEL
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Große Koalition und Medien Das Ende der Talkshow

Kuscheln statt Zoff - insbesondere fürs Fernsehen ist die Harmonie der großen Koalition ein Problem. Ohne schillernde Politikerpersönlichkeiten ist die mediale Inszenierung schwierig. Die neue Herausforderung für Journalisten heißt: Sachthemen erklären.
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Schlagzeilen sind mit der neuen Regierung kaum zu machen: Viereinhalb Monate Große Koalition sind um und der Kuschelkurs der großen Parteien scheint längst etabliert. Die Berliner Politik kommt fast ohne große Konfrontationen aus und die neuen Akteure sind unaufälliger, sachlicher als die vorigen. 

"Als Beobachter der Politik ist es faszinierend, dass Angela Merkel und Matthias Platzeck, beide Ostdeutsche, beide pragmatisch statt ideologisch, das genaue Gegenteil zu Fischer und Schröder sind", sagt Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Die Zeit der Selbstdarstellung, getragen von den Vertretern der Alt-68er, sei eben vorbei.

Was für die Politiker nervenschonend sein mag, ist für Journalisten das Gegenteil - aufreibend: Nachrichtensendungen, Magazine, Talkshows und Seiten müssen trotzdem gefüllt werden, auch wenn es wenig Stoff dafür gibt und noch weniger Kontroversen. "Zuerst ging es immer noch um den politischen Führungsstil von Angela Merkel - aber das ist jetzt auch abgeebbt", sagt Lothar Mikos, Professor für Fernsehwissenschaft.

Ein aktuelles Beispiel zeigt, dass sich nicht nur die Persönlichkeiten der neuen Regierung unaufgeregter darstellen, sondern dass auch politische Prozesse plötzlich nahezu abgeschirmt von Medien stattfinden: Die Reform des Gesundheitswesens etwa verläuft bislang fast geräuschlos. Die neue Regierung setze nicht auf transparente Willensbildungsprozesse, erklärt Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte SPIEGEL ONLINE. "Die Disziplin in der jetzigen Regierung ist größer als unter Rot-Grün. Damals ist es öfter vorgekommen, dass Leute aus der Regierung Journalisten Themen zugespielt haben", sagt Werner Kollhoff, seit kurzem Berliner Büroleiter der "Saarbrücker Zeitung", unter Schröders Regierung zuletzt Leiter der Gruppe Koordination im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. 

"Biedermeierlich oder sachlich?"

Manch ein Chefredakteur wird sich nach den alten Draufgängern der Berliner Politik zurücksehnen - trotz Joschka Fischers Schelte, "die Medien" hätten Rot-Grün von der Regierung weg geschrieben. Die politischen Akteure der Gegenwart verkörperten eine neue "Biedermeierlichkeit", meint Norbert Bolz. 

"Personalisierte Berichterstattung ist mit Angela Merkel kaum zu machen", sagt auch Kollhoff. Unter Rot-Grün indes seien "relativ kleine Affären" wie der Fischer-Visa-Skandal - zu "großen persönlichen Geschichten aufgebauscht" worden.

Insbesondere für das Fernsehen ist dieser neue Stil der großen Koalition  - ob man ihn nun "biedermeierlich" oder einfach "sachlich" nennt, ein Problem. "Während in den Printmedien das Verständnis von Debattenjournalismus und kritischer Berichterstattung noch ausgeprägter ist, haben die politischen Magazine der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender seit langem tendenziell eine skandalisierende Berichterstattung betrieben", so Lothar Mikos.

Aber was in der "Elefantenrunde" der Öffentlich-Rechtlichen am Abend nach den Bundestagswahlen mit Schröders Ausfall gegen Angela Merkel seinen Höhepunkt hatte - ist heute kaum noch vorstellbar - die Inszenierung eines Streits mit Politikern, die bewusst auf Showeffekte setzen. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte hält die große Koalition gar für "strukturell fernsehuntauglich". Aber gerade das Abflauen der Showeffekte bietet nach Meinung Kortes ganz neue Möglichkeiten: Er erwartet eine Rückkehr des Politischen. "Bisherige Formate passen nicht zur großen Koalition", sagte er auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik.

"Durch das System des Aushandelns, das die Koalition in Berlin praktiziert, gibt es jetzt keine Sieger und Besiegte mehr - die Konsequenz daraus ist das Ende der herkömmlichen Talkshows." Die Umstellung von Politik und Medien habe bereits begonnen: Schon vor den Bundestagswahlen sei es viel mehr um Inhalte gegangen als in den Jahren davor. "Plötzlich haben sich Politiker in Talkshows hingestellt und gesagt, dass Ministerpräsidenten und Minister keine Arbeitsplätze schaffen können", so Korte zu SPIEGEL ONLINE. 

Gibt es denn ein ausreichendes Interesse des Publikums an einer auf Inhalte konzentrierte, politischen Berichterstattung? Korte glaubt ja: "Großpopulisten kommen nicht mehr an. Die Menschen haben gemerkt, dass in einer komplexen Gesellschaft wie der unseren nicht mit einem Gesetz alles geändert werden kann."

"Große Chance für Analysejournalismus"

Weniger optimistisch als Korte, den konstruktiven Umgang der Medien auf die veränderten Politikumstände in Berlin betreffend, ist Norbert Bolz: Es sei zwar ein anderer Typ von Politiker an der Macht, die Probleme aber hätten sich keinesfalls geändert oder gar verringert. "Eigentlich gibt es also eine große Chance für hintergründigen Analysejournalismus." Diese Möglichkeit aber sei noch nicht genutzt worden. "Ich sehe in dieser Hinsicht kaum fruchtbaren Boden, auf den das fallen könnte", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Gerade Bildmedien wie das Fernsehen hätten ein Problem: Die Welt und grundsätzliche Haltungen an Hand von politischen Persönlichkeiten zu erklären, sei jetzt schwieriger geworden. "Früher wurde etwa das deutsch-amerikanische Verhältnis einfach an der Person Joschka Fischers illustriert", erklärt Bolz. Wer "einfachen Journalismus" wieder interessant machen wolle, der habe nach dem Abgang des Medienkanzlers im Grunde nur noch eine Möglichkeit, glaubt er: "Den Totalangriff auf die Politik, eine ideologische Kritik am gesamten politischen System, wie sie etwa in den siebziger Jahren in den Medien stattgefunden hat." Dass es dafür aber auch einen Rückhalt in der Bevölkerung gebe wie damals sei momentan nicht zu erkennen.

Dass die Berichterstattung trotz neuer Sachlichkeit in Berlin wieder grundsätzlich kritischer wird, sei auch deshalb unwahrscheinlich, weil "nun nicht mehr Journalisten mit den jeweils anderen Parteibüchern in den Redaktionen sitzen - so wie es war, als die CDU oder die SPD an der Regierung war", sagt Fernsehwissenschaftler Lothar Mikos. Denn dass die Medienmacher aus eigenem Antrieb wieder härter gegen die Regierung schreiben, sei nicht zu erwarten. "Aber wenn eine der Oppositionsparteien vernünftige Medienpolitik betreiben würde, würden wohl viele auf den Karren aufspringen", so Mikos.

So bleibt zunächst wahrscheinlich einzig das erklärende Format als Herausforderung und Notwendigkeit für alle Journalisten, die über deutsche Innenpolitik berichten. Karl-Rudolf Korte glaubt, dass die Fersehformsendung der Zukunft eine Verbindung aus Talkshow und Telekolleg sein könnte.

Die Chefs der großen Fernsehsender haben sich schon dahingehend geäußert: Auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik haben Peter Kloeppel (RTL), Hartmann von der Tann (ARD) und Nikolaus Brender (ZDF) ihren Willen zur "besonders erklärenden" Präsentation von Themen wie Globalisierung und Generationenvertrag erklärt. 

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