Ground Zero: Städtebau als Seifenoper - DER SPIEGEL
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Ground Zero Städtebau als Seifenoper

Bau-Farce in New York: Der Wiederaufbau von Ground Zero ist von Pannen verfolgt. Der Freedom Tower muss völlig neu entworfen werden, Star-Architekt Daniel Libeskind wurde entmachtet, potenzielle Großmieter suchen entsetzt das Weite.
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New York - Daniel Libeskind ist ein Optimist. Von seinen großen Visionen für Ground Zero in New York ist zwar nicht mehr viel übrig, dennoch versucht der Star-Architekt weiter, das Beste draus zu machen. "Es ist sehr positiv, dass wir dem Plan gerecht werden, obwohl es eine Verzögerung gibt", windet er sich - Worte, die wohl als der innere Widerspruch des Monats gelten dürfen. "Ich halte den Aufschub für gut, zumal wir für die nächsten 100 Jahre bauen."

So sie bis dahin überhaupt zu bauen begonnen haben. Denn Libeskinds Seufzer, kolportiert von der Zeitung "New York Observer", markiert die jüngste Episode der städtebaulichen Soap Opera, zu der die Neugeburt Manhattans geraten ist. Immer neue Wendungen nimmt diese Tragikomödie um die größte Baugrube der Welt, in der sich bis heute die Emotionen einer Nation sammeln. Doch die letzte Panne ist die tollste: Nach über zwei Jahren Planung und mehr als 1,4 Milliarden Dollar Anlaufkosten müssen alle Beteiligten nun wieder zurück zum Reißbrett - und ganz von vorn anfangen.

Über zwei Jahre: So lange ist es her, dass Libeskind den Design-Wettbewerb um das Terrain gewann, auf dem einst das World Trade Center stand. Ein halbes Jahr später enthüllte die Stadt das Modell des Freedom Towers - nunmehr eine von oben verordnete Zwangs-Kollaboration Libeskinds mit seinem Erzivalen David Childs, die, als Anker des Megaprojekts und Metapher amerikanischen Trotzes, einmal der höchste Wolkenkratzer der Erde werden sollte. Vorigen Sommer wurde der Grundstein gelegt, nach langem Zank der Design-Diven.

Für Autobomben anfällig

Seither aber ruht die Baustelle und wird, wie sich nun herausstellt, notgedrungen auch noch eine ganze Weile weiter ruhen. Das symbolhafteste Stück Weltarchitektur seit Generationen - "auf dem Papier eingefroren" ("New York Times"), zur Provinzposse mutiert.

Denn alles, was schief gehen kann, ist schief gegangen - noch vor dem ersten Spatenstich - mit dem Ergebnis, dass keine der Ideen für Ground Zero in ihrer ursprünglichen Form überlebt hat. Von der kühlen Gedenkstätte über Libeskinds Skyscaper-Dominos bis hin zum Freedom Tower, der, als vorerst letztes Opfer dieser Bürokraten-Farce, plötzlich von Grund auf neu entworfen werden soll, was weiteren, monatelangen Aufschub bedeutet.

Schuld am jüngsten Eklat hat das New York Police Department (NYPD). Denn das hatte sich die Baupläne für den Freedom Tower noch mal in Ruhe angeguckt und festgestellt, dass die ihren Sicherheitsmaßgaben nicht genügten: Der Turm stehe viel zu nahe an der West Street, einer belebten Durchgangsstraße, und sei deshalb für Autobomben-Attentate anfällig.

Der Tunnel muss weg

Sicherheitsfragen nagen schon seit jeher an dem Großprojekt. Doch erst ein Protestbrief des NYPD an die Eigentümerin des Ground-Zero-Areals - die Hafengesellschaft Port Authority - und die zeitgleiche Intervention eines einflussreichen, bisher stillen Akteurs setzten das Thema jetzt auf die Tagesordnung.

Dieser stille Akteur hieß Goldman Sachs. Das Investmenthaus wollte gegenüber vom Freedom Tower sein neues Welthauptquartier errichten: 40 Stockwerke Glas, zwei Milliarden Dollar teuer, die erste Investition eines Wall-Street-Giganten an Ground Zero - ein Zeichen, dass in dieser Stadtbrache bald wieder das Herz des Kapitalismus schlagen könnte.

Auch Goldman hatte Sicherheitsbedenken. Einerseits wegen der Autobomben-Frage. Andererseits wegen eines 860 Millionen Dollar teuren Straßentunnels am Freedom Tower, der direkt vor der Eingangstür des Unternehmens enden sollte. Das NYPD und die Ground-Zero-Planungsgesellschaft LMDC sahen in diesem Tunnel eine Lösung des Bomben-Problems. Goldman sah in dem Tunnel eine Gefahr für seine Klienten und 10.000 Angestellten. Der Tunnel, verlangte Goldman, müsse weg.

Ein "vernichtender" Schlag

Die Planer hielten das für einen Bluff. Doch es war keiner: Goldman legte seine Downtown-Pläne jetzt wieder auf Eis und machte sich statt dessen demonstrativ auf die Suche nach einem anderen Grundstück. Die Gezerre um Ground Zero sei dem Konzern "zu wirr und chaotisch" geworden, ließ sich ein Insider zitieren. "Die unterschätzen den Ernst der Lage völlig."

Der Immobilienmakler Michael Cohen nennt den Verzicht Goldmans auf die Nachbarschaft zu Ground Zero einen "vernichtenden" Schlag für das gesamte Zwölf-Milliarden-Dollar-Wiederaufbauvorhaben. Es sei "fast unmöglich", einen Arbeitgeber und Steuerzahler zu ersetzen, der auf einen Schlag Millionen Quadratmeter Bürofläche beziehen könnte, sagte Cohen der "New York Times".

Zumal auch das einzige bisher existierende Gebäude auf dem Geviert leerzustehen droht: der neue Wolkenkratzer 7 World Trade Center. Der gehört dem Immobilienmagnaten Larry Silverstein, der als langfristiger Pächter des Ground-Zero-Geländes der einzige Privatfinanzier für den Freedom Tower ist, für den Steuergelder allein nicht ausreichen.

Nur die "grobe Lage" bleibt

Silverstein hat 7 World Trade Center in aller Eile hochziehen lassen, als Ausdruck seines Engagements. Doch leider hat er bis heute noch keinen einzigen Mieter gefunden für den 52-Etagen-Koloss. Und Goldmans Rückzug macht die Gegend nicht unbedingt attraktiver, im Gegenteil. "Viele Firmen reagieren auf die Unsicherheit", sagt Immobilienexpertin Mary Ann Tighe. So verzichten auch Morgan Stanley und "Newsweek" vorerst auf einen Zuzug.

Besagte 1,4 Milliarden Dollar, die Silverstein bisher in die Planung des Freedom Towers gesteckt hat, sind die erste Rate von rund 4,6 Milliarden Dollar, die er sich von den Versicherungen erklagt hat, als Ausgleich für die Zerstörung des World Trade Centers. Denn auch ohne die Mieterträge der Zwillingstürme muss Silverstein ja weiter 110 Millionen Dollar Pacht im Jahr an die Port Authority zahlen. So geht ihm langsam das Geld aus, und kaum jemand glaubt mehr, dass es noch Mittel geben wird für die anderen Libeskind-Wolkenkratzer.

Und nun das. Nach dem Goldman-Debakel und der NYPD-Sicherheitskrise beschlossen Gouverneur George Pataki und Bürgermeister Mike Bloomberg Anfang Mai, den Freedom Tower komplett neu zu überdenken. Nur die "grobe Lage" des Super-Skyscrapers und die symbolische Höhe von 1776 Fuß bleiben, getreu dem Geburtsjahr der USA. Alles andere, um das sich die Architekten so lange zankten, steht wieder zur Debatte: die charakteristisch-asymmetrische Form, die Glasfassade, das Gittergeflecht der oberen Etagen, die an die Freiheitsstatue erinnernde Stahlspitze.

Zwischen den Instanzen zerrieben

Für Libeskind zudem höchst unerfreulich: Diesmal hat David Childs allein das Sagen. Und dessen Stil ist viel nüchterner als der patriotische Symbolismus des polnischen Immigranten Libeskind, der mittlerweile zum "Berater" degradiert wurde.

Doch Childs hat eigene Sorgen: Ein Ex-Student der Yale University hat ihn wegen Ideenklaus verklagt. Thomas Shine aus Massachussets behauptet, Childs (bisheriger) Freedom Tower sei mit seinen eigenen Skizzen für einen Wolkenkratzer von 1999 identisch. Das Schadenersatzverfahren ist derzeit vor einem Bezirksgericht in Manhattan anhängig, eine vorläufige Entscheidung wird bis Juni erwartet.

Bei den Plänen für die 350-Millionen-Dollar-Gedenkstätte zu Füßen des Freedom Towers hakt es ebenfalls. Der preisgekrönte Entwurf des 35-jährigen Designers Michael Arad hat sich längst zwischen den Instanzen zerrieben. Arad musste sein Memorial beforsten, die Zahl der Rampen zu den Reflektionsbecken halbieren, die Becken verschieben, die Gestalt der Wasserfälle ändern. Arad lässt sich von all dem wenig anmerken. Doch der New Yorker Baubeauftragte David Burney berichtet, der junge Mann, für den dies der erste Großauftrag ist, sei im Begriff, "innerlich zu zerfallen".

Der "Eierkopf" lächelt nur

Der gesamtverantwortliche LMDC-Planungschef Kevin Rampe verlor unterdessen ganz die Nerven und ist zurückgetreten. Und auch Libeskind scheint die Lust zu verlieren. Als sich die Diskussion um Ground Zero zuspitzte und in New York die jüngsten Entscheidungen fielen, war er gar nicht in der Stadt, sondern reiste durch die Weltgeschichte, um andere Projekte an Orten zu betreuen, wo ihm keiner dazwischenfunkt: Irland, Italien, Hongkong.

Selbst die jüngste Breitseite entlockt Libeskind nur noch ein müdes Lächeln: Der Immobilien-Mogul Donald Trump hat ihn öffentlich einen "Eierkopf" genannt. Und für Ground Zero hat der Selfmade-Milliardär seinen ganz eigenen Vorschlag - typisch Trump: "Ich finde, das World Trade Center sollte wiederaufgebaut werden. Nur stärker und ein bisschen höher."

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