Grundsteinlegung auf Ground Zero Wenn Visionen sterben
New York - Der Stein der Weisen wiegt 20 Tonnen, ist aus grauschwarzem, mit Granat gesprenkeltem Granit, hat 14.000 Dollar gekostet und stammt aus den Adirondack Mountains. Tieflaster haben ihn aus dem Norden des Bundesstaats New York zunächst nach Long Island gebracht, wo er in liebevoller Handarbeit zurecht gemeißelt, graviert und poliert wurde, und von dort aus zu seiner letzten Ruhestätte an der Südspitze Manhattans, wo er nun jedoch, Ironie des ganzen Aufwands, unter 20 Metern Zement und Beton begraben wird.
George Pataki, der Gouverneur von New York, nannte den Felsblock ein "Symbol amerikanischer Stärke und Zuversicht". Bürgermeister Michael Bloomberg sprach salbungsvoll von "geheiligtem Boden". Ein Bassist der Metropolitan Opera sang "God Bless America", Sternenbanner knatterten in der heißen Brise, und die Leute weinten still.
Mit bombastischer Symbolik und bleischweren Metaphern legten die New Yorker gestern, am US-Unabhängigkeitstag, den Grundstein für den Freedom Tower, das "höchste Gebäude der Welt" - tief unten in dieser makaberen Baugrube namens Ground Zero, die eigentlich ja keine Baugrube ist, sondern das Trümmer- und ewige Friedhofsloch des World Trade Centers.
Die Strippen ziehen andere
Die Wiedergeburt New Yorks vollzog sich auf einer Sperrholzbühne, unter schwülstigen Reden, Dudelsackmusik und demonstrativen Versöhnungsgesten zwischen Christen, Juden und Muslimen. Der 13-jährige Sohn eines Terroropfers las wacker aus der Unabhängigkeitserklärung von 1776 vor, jenes Datum, das dem Tower seine Höhe in Fuß gegeben hat, als eine Art Über-Metapher dieses Orts, eine Metapher aus Stahl und Glas. Zum Schluss gab's leckere Kanapees für alle.
Einer blieb während der Zeremonie ziemlich still: der Mann, der sich das alles ja überhaupt erst ausgedacht hat. Das Bauwerk, sprach Star-Architekt Daniel Libeskind mit typischem Wortprunk, "wird New York, Amerika und die ganze Welt mit den Idealen von Freiheit und Demokratie inspirieren". Viel mehr hatte der Ex-Berliner aber nicht zu sagen, und im Bericht der "New York Times" über den feiertäglichen Festakt taucht Libeskind gar nicht mal auf.
Kein Wunder. Voriges Jahr noch als neuer Kulturguru Manhattans und Medien-Darling gefeiert, dessen Schuhwerk und Brillenwahl die Klatschspalten füllte, hat sich der Urheber des Masterplans für Ground Zero längst mit einer harschen, hiesigen Realität anfreunden müssen: Die Strippen ziehen andere.
Redengeriesel zum Jubelakt
Die Gestalt des Freedom Towers stammt nun weitgehend aus der Feder eines Rivalen, die Gedenkstätte zu Füßen des Turms auch, von den anderen, hochtrabenden Kernideen des Libeskind-Preisentwurfs für Ground Zero ist ebenfalls kaum mehr etwas übrig. Und ob die restlichen, schillernden Wolkenkratzer des Superprojekts überhaupt noch gebaut werden können, scheint angesichts der Finanzlage des Bauherrn immer fraglicher.
"Der unglaubliche, schrumpfende Daniel Libeskind", titelte das "New York Times Magazine" kürzlich auf seinem Sonntags-Cover und veröffentlichte dazu ein winziges Foto Libeskinds. Diesen Spaß verstand der Bespottete nicht: "Glücklicher Weise bin ich immer noch 1,60 Meter groß", stellte Libeskind in einem 656 Worte langen Leserbrief sofort bissig klar. "Ich scheine nicht zu schrumpfen, weder physisch noch metaphorisch."
Große Bauvorhaben haben natürlich immer ihre Tücken, Skandale und Dramen. Dieses jedoch - das größte, das die USA je gesehen haben - stellt alles Bisherige in den Schatten. Darüber konnte auch das schöne Redengeriesel des gestrigen Jubelakts nicht hinwegtäuschen.
Freudloser Kompromiss
Libeskinds gestutzte Rolle ist dafür das beste Beispiel. "Wo ist Daniel?", wundert sich nicht nur Robert Ivy, der Chefredakteur des Fachblatts "Architectural Record". "Wie viele seiner Ideen bleiben noch bestehen?"
Eine berechtigte Frage. Der ursprüngliche Plan Libeskinds für das 6,5-Hektar-Areal des zerstörten World Trade Centers, im Februar 2003 mit großem Helau als eine Art nationale Art Offenbarung enthüllt, ist heute weitgehend Makulatur. Jene seiner Vorschläge, die in der wunden Seele der Stadt am meisten Anklang fanden und Libeskind schließlich den Sieg im Gestaltungswettbewerb verschafften, sind längst im stadtplanerischen Hickhack verendet oder zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden: die "Lichtschnitte", der "Park der Helden", der 35 Meter hohe Wasserfall, die freigelegten Fundamente dessen, was hier einst stand. Stattdessen sieht die Realität den allerersten, von den New Yorkern mehrheitlich abgelehnten Entwürfen für Ground Zero immer ähnlicher.
Selbst das zentrale Mega-Symbol des Plans, der Freedom Tower, wäre beinahe ganz im Zank der Geister untergegangen. Der New Yorker Immobilienmagnat Larry Silverstein, Pächter des Ground-Zero-Geländes und einziger Privatfinanzier des Mammutdeals, machte seinen Hausarchitekten David Childs von der Großfirma SOM zum Chefdesigner des Towers und degradierte Libeskind zum "Kollaborateur". Die zwei Egos vertrugen sich erwartungsgemäß schlecht; das schöpferische Endergebnis dieser "Zwangsehe" (Libeskind) - eine filigrane Kristallspirale, deren schmale Spitze sich, an den ausgereckten Arm der Freiheitsstatue erinnernd, bis auf 541 Meter in den Himmel schraubt - ließ manche kalt, die den Entwurf als freudlos-konventionellen Kompromiss werteten.
Streit um die Stundenbücher
Ein Großteil der früheren Libeskind-Vision fiel mangelndem Geld zum Opfer, anderes den Reibereien von Stadt, Staat, Bürgern, Justiz und kreativem Geist. Wieder anderes schlichtweg der Diskrepanz zwischen dem, was einer am Reißbrett erträumen kann, und dem, was praktisch wirklich machbar ist, aller Hochbau-Technologie zum Trotze. Ach was, widerspricht Libeskind dieser Sichtweise: Sowohl seine Rolle wie auch der Projektverlauf seien "robust und gesund".
Doch vor allem die Sache mit dem Geld lässt sich nicht schön reden. In mehreren Prozessen haben die Gerichte den Anspruch Silversteins auf 7,1 Milliarden Dollar Versicherungsprämie für den Verlust des alten World Trade Centers auf nunmehr 4,5 Milliarden Dollar reduziert; weitere Abstriche stehen zu erwarten. Ein nächstes Verfahren beginnt im August.
Mindestens 1,3 Milliarden Dollar des Restgeldes soll allein der Bau des Freedom Towers verschlingen. Eine weitere Milliarde wächst derzeit bereits am Nordrand des Gevierts atemberaubend schnell in die Höhe, als Wiederaufbau des 2001 ebenfalls zerstörten Silverstein-Hochhauses 7 World Trade Center. Viel bleibt da nicht übrig für die restlichen vier Wolkenkratzer, die auf den Computer-Grafiken Libeskinds so funkelnd strahlen. Dass der Bauherr langsam knapp bei Kasse ist, ließ sich auch neulich ahnen, als ihm Libeskind seine letzte Rechnung schickte, über 800.000 Dollar für seine "Kollaboration" am Freedom Tower. Silverstein ließ ihm daraufhin mitteilen, er werde nur 125.000 Dollar zahlen, da Libeskind unter anderem keine Stundenbücher geführt habe. Der Disput schwelt offenbar bis heute.
Kurzlebiger Höhenrekord
Derweil gibt es schon erste Überlegungen, auf dem verbliebenen Bauland von Ground Zero zunächst nur banale Flachbauten zu errichten und diese dann je nach Mietbedarf und Finanzlage aufzustocken. So sterben Visionen.
Über derlei Zwietracht versuchten die Redner gestern hinwegzuraspeln. "Heute ist ein bedeutsamer Tag", dröhnte Gouverneur Pataki. "Die Freiheit wird immer bestehen", jubelte Bloomberg. Höhenrekorde dagegen sind bekanntlich kurzlebig: Im Jahr 2008, wenn die ersten Mieter in den Freedom Tower einziehen sollen, dürfte auch in den Arabischen Emiraten ein gigantischer Skyscraper namens Burj Dubai zur Vollendung kommen, mit einer Höhe von 705 Meter. Architektenfirma: Childs SOM.