Günter Grass Schluss mit der "Event-Gesellschaft"
Berlin - Nach den Ereignissen der letzten Wochen müsse Schluss sein mit der "Event-Gesellschaft" und einer "Verherrlichung und Ästhetisierung des Schreckens", sagte der Schriftsteller am Freitagabend bei der Eröffnung der Herbst- Mitgliederversammlung der Berliner Akademie der Künste, die von einer lebhaften Debatte über die Auswirkungen der Ereignisse vom 11. September in den USA auch für die Kulturwelt geprägt war.
Dabei wurden immer wieder auch selbstkritische Töne laut. Viele Künstler hätten sich viel zu lange stets nur mit sich selbst beschäftigt und vieles in ihrer Umwelt nicht wahrgenommen. Grass erinnerte an den früheren Bundeskanzler Willy Brandt (SPD), dessen Berichte aus der Nord-Süd-Kommission von einem großen Weitblick gekennzeichnet gewesen seien. Brandt habe schon seinerzeit eine gerechtere Weltordnung gefordert. "Niemand hat ihm zugehört. Niemand hatte diesen Weitblick, die Akademie nicht und wir nicht." Grass war von 1983 bis 1986 Präsident der Akademie der Künste.
Die Taliban als Rote Khmer von heute?
Auf einer weiteren Veranstaltung der Berliner Autorenbuchhandlung in der Akademie der Künste am Sonntag, betonte Grass, er habe großes Mitgefühl mit den amerikanischen Opfern des Terrors, niemand könne aber von ihm verlangen, "mit der amerikanischen Regierung Mitgefühl zu haben", oder mit einer anderen Regierung. Präsident George W. Bush habe auf unverantwortliche Weise die Welt in Gut und Böse eingeteilt. Damit begebe er sich, wie alle, die so urteilten, auf das Niveau der Fundamentalisten.
Der Schriftsteller Hans-Christoph Buch berichtete in der Diskussion von einer unmittelbar zurückliegenden Afghanistan-Reise. Er habe dort erfahren, dass es "das Böse" tatsächlich gibt, in Form einer nie zuvor erlebten Intoleranz und Menschengleichgültigkeit von Talibanführern. In seinen Augen herrsche das Taliban-Regime wie einst "die kambodschanischen Roten Khmer".
Grass warnte vor den Folgen, jetzt mittels Rasterfahndung Terroristen zu suchen, wie zu Zeiten der RAF-Verfolgung, damit würde "das Geschäft der Terroristen betrieben", die Schwächung der Demokratie zu erreichen. Er forderte zu mehr Mut auf, auch andere Krisenherde zu befrieden. So müsse Israel deutlich gesagt werden, dass seine Besiedlungspolitik nicht rechtens sei. Der Nahost-Konflikt müsse dringend mit mehr Druck auf alle Beteiligten gelöst werden.
In der Frage der Rechtmäßigkeit von Militärschlägen erinnerte Grass an Bundespräsident Johannes Rau, der gesagt habe, ein Anschlag auf die Zivilität könne nur auf einem Weg beantwortet werden: zivil.