Hamburger Hochschulschau Ungeschönte Nacktheit
Die Liste der ehemaligen Lehrenden wie Studenten liest sich wie ein Lexikon der deutschen Kulturlandschaft: Fatih Akin, Joseph Beuys und Hanne Darboven zählten zur Professorenschaft der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HfbK). Isa Genzken, Jonathan Meese und Loriot dürfen sich einstige Studenten nennen. So kunterbunt die Namen, so vielfältig die Ideen der heutigen Studenten.
Und das bezieht sich nicht nur auf ihre Kunst, sondern auch auf die Art, wie sie diese in einen Diskussions-Kontext stellen. In der Hochschule gibt es seit nunmehr fünf Jahren einen Ausstellungsraum, in dem die Studierenden ihre Werke öffentlich zeigen können. Die Kuratoren wechseln jedes Jahr, immer sind es Studenten: in diesem Jahr Ulrike Gerhardt von der Uni Lüneburg und Paul Sochaki von der HfbK. Jeden Monat konzipieren sie eine neue Ausstellung, der Name ihrer Reihe ist Programm: "Museum of Art and Ideas".
Dieses "Museum der Kunst und Ideen" widmet sich den "Entstehungsbedingungen und Produktionsgrundlagen künstlerischer Praxis", wie die Kuratoren ein wenig verkopft auf der Homepage zu ihrer Reihe schreiben.
Gezeigt wird das Endprodukt eines Künstlers, aber nicht nur: Die Reihe rückt den Entstehungsprozess des Kunstwerkes in den Fokus. Daher haben die Kuratorinnen den Galerieraum in zwei Bereiche unterteilt: einen Raum für das fertige Kunstwerk und einen Raum für die Ideen und Materialien, die zum fertigen Kunstwerk geführt haben. Die Kuratorinnen wie Künstlerinnen versuchen, die Bezüge der Kunstwerke zu den Geisteswissenschaften offen zu legen.
Die HfbK-Studentin Helena Wittmann stellt Fragmente ihres unfertigen Kunstfilms "Kreisen" vor. Dessen Grundlage sind Notizen und Skizzen: ein Sammelsurium aller Einfälle, die ihr in den vergangenen drei Jahren in den Kopf gekommen sind. Mit ihnen hat sie etliche Bücher vollgekritzelt, sie dann noch einmal durchgeblättert und schließlich intuitiv einzelne Seiten ausgewählt. Diese Motive und Ideen hat sie auf einer großen Fläche ausgebreitet - und so erschlossen sich ihr neue Zusammenhänge, die sie dann in Filmbilder übersetzte. So wenig greifbar wie das klingt, so wenig greifbar ist auch der Gegenstand ihres Films: Sie erzählt keine Geschichte, dokumentiert keine klar umrissene Situation, sondern kreist um die Themen Licht und Schatten.
Wittmann zeigt nicht ihren fertigen Film in dem Galerieraum, sondern nur Teile des Rohmaterials, Bilder vom Filmset, Skizzen der Kamerafrau und ähnliches. Der Betrachter darf etwas sehen, was ihm sonst vorenthalten wird. Er blickt auf den Entstehungsprozess, mit all seinen Irrwegen und Fehlern, die im fertigen Film nicht einmal zu erahnen wären. Er blickt in den Kopf der Künstlerin.
"Klar macht man sich nackig", sagt Wittmann. Das könne auch gefährlich sein. "Man liefert sich schutzlos aus. Aber es tut auch gut, die Ideen, die dem Kunstwerk zu Grunde liegen, zu bündeln und sie dann hier ausgestellt zu sehen. Außerdem interessieren mich die Reaktionen und Gedanken der Zuschauer." Der Künstler wird zum Kulturlaboranten, die intime Freude oder das persönliche Leid des kreativen Prozesses werden dem Publikum zugänglich gemacht.
Der US-amerikanische Künstler Leonard Bessemer, der zusammen mit der Französin Blandine Cattani als externer Künstler vertreten ist, zeigt seinen Film "Introduction to a New Soul". In dieser unaufgeregten und sehr intimen Arbeit treten Menschen auf, die ihm am Nächsten stehen: Verwandte, Freunde und Ex-Freundinnen. Bessemer konfrontiert sie mit seinen Ansichten über ihre gemeinsame Beziehung und filmt dabei ihre Gesichter. Sprechen dürfen sie nicht. Einer anderen Freundin gibt Bessemer dafür in dem Ideen-Raum der Galerie die Gelegenheit, ihre recht harsche Kritik des Film auszustellen - ein Spiel mit den unterschiedlichen Erwartungen, mit denen Künstler und Betrachter an ein Werk herangehen. Auch Bessemer spricht davon, sich in der Ausstellung zu entblößen: durch den Film selbst, aber natürlich auch durch die Kritik. Auch er sieht es als Experiment.
Die Ausstellung "Between Art and Idea" ist unaufgeregt, aber sie trifft den Betrachter ins Mark. Das Konzept ist recht ungewöhnlich und der Kerngedanke, ein Netzwerk zwischen Künstler, Kurator, Kunstwerk und Zuschauer herzustellen, ist ambitioniert.
Doch es gibt auch Gegenstimmen. Da sind zum einen die Neider, Kunststudenten der HfbK, die nicht in der Ausstellung hängen. Zum anderen gibt es diejenigen, denen das Konzept zu wenig gewagt ist, der angestrebte Austausch zu idealistisch. Die Kuratorin Gerhardt findet aber gerade den Austausch spannend: "einfach mal sehen, wie die anderen arbeiten".
Mit einer Leichtigkeit, die nicht an der Oberfläche bleibt, zeigt die Ausstellung eine Alternative im Umgang mit Kunst. Sie macht Lust auf mehr. Mehr Kunst und mehr Diskurs.
Ausstellung "Between Art and Idea" läuft bis 10. Juni 2009 im Museum of Art and Ideas (in der HfbK ), Lerchenfeld 2, 22081 Hamburg, 2. Etage Loft, jeweils Di-Sa 12-18 Uhr.