Theater in der Speicherstadt: Nicht ohne meine Kühltasche
Traditionsstück "Hamburger Jedermann" Der Teufel kratzt sich am Hintern
Wer wissen will, was Open-Air-Kulturveranstaltungen so besonders macht, muss das Stück eigentlich gar nicht sehen, sondern nur den Countdown davor. Vier Stunden vor der Premiere schüttet sich der Hamburger Himmel über der Speicherstadt noch einmal so richtig aus und treibt die Touristen in die Bierzelte eines nahen Festes. Zwei Stunden vor der Premiere stehen die ersten der 900 Zuschauer an. Anderthalb Stunden vor der Premiere hört man aus Reihe neun, es habe aber auch schon mal mehr Beinfreiheit gegeben.
Eine Stunde vor der Premiere sind Kühltaschen und Beine endlich zur allgemeinen Zufriedenheit arrangiert und in Reihe neun kann angestoßen werden. Dazu gibt es Käsewürfel mit Hamburg-Fähnchen, Bratlinge in Sternform, Melone und Cracker. Die Erwartungen sind groß, und die Kühltaschen sind es auch. Denn nur ein Anfänger kommt mit leeren Händen. Zur Mindestausstattung gehören ein Picknickkorb, ein Sitzkissen und ein Regenschirm gegen die allzeit drohende Gefahr des Regens (mehr zu den Gefahren, die Kultur draußen nicht nur schön, sondern abenteuerlich machen, gibt es im aktuellen KulturSPIEGEL zu lesen).
Der fauchende Teufel
Es ist der letzte Freitag im Juli. Und das Stück, das an diesem Abend Premiere hat, ist der "Hamburger Jedermann". Wobei man nicht so genau weiß, ob Premiere überhaupt noch das richtige Wort ist. Denn seit 1994 wird das Stück jeden Sommer unter dem freien Himmel der Speicherstadt in Hamburgs Mitte aufgeführt und ist so längst zu dem geworden, was man eine Institution nennt. Seit 20 Jahren kommen Touristen und Einheimische mit ihren Kühltaschen. Seit 20 Jahren faucht und flucht Erik Schäffler als Teufel, der es auf die Seele eines reichen Hamburger Kaufmanns (Robin Brosch) abgesehen hat. Seit 20 Jahren ruft Wolfgang Hartmann als Tod den Namen dieses Kaufmanns, der zugleich der Name des Stückes ist: "Jedermann".
Man kann den "Hamburger Jedermann" sehen als Stück über einen skrupellosen Kapitalisten, der in der Konfrontation mit seinem eigenen Tod darüber nachdenkt, was das Leben nun ausmacht. Er ist aber mehr als das. Er ist ein Lehrstück darüber, wie man aus einem Theaterabend ein Event macht. Denn es ist schließlich so, wie der Teufel sagt: "Wer Leute locken will, macht ein Event."
Wie aus dem kapitalismuskritischen Bilderbuch
Da gibt es Rauch und Sex und Tanz und gleich sieben betrunkene Matrosen. Und die Speicherstadt sieht im Licht der Bühnenscheinwerfer tatsächlich so schön aus, wie es die Postkarten versprechen. Da gibt es Gesang wie in den Karaokebars auf der Reeperbahn nachts um halb eins und Anspielungen auf die Elbphilharmonie und die Ukraine wie im politischen Kabarett. Da gibt es Kostüme mit den verfremdeten Logos von Tempo und Milka wie aus einem kapitalismuskritischen Bilderbuch. Da gibt es das Brückengeländer, auf dem später der Tod stehen wird, von dem aus man die besten Selfies machen kann. Da gibt es Lokalkolorit und Dialoge über Gentrifizierung und Investoren und Fress-Events, die nirgendwohin besser passen könnten als in diese Speicherstadt. Und vor allem gibt es immer dann einen deftigen Scherz, wenn es anstrengend zu werden droht. Schließlich wurde noch immer gelacht, wenn sich der Teufel am Hintern kratzt.
Diese Inszenierung will gar nicht sehenswert sein, es will selbst eine Sehenswürdigkeit für die Besucher sein. Das macht den "Hamburger Jedermann" zu dem perfekten Stück für diesen Stadtteil, in dem sich Besucher am häufigsten in roten Doppeldeckerbussen fortbewegen oder den Versen eines verkleideten Nachtwächters folgen.
Der Hamburger Jedermann. 25. Juli - 24. August 2014 in der Speicherstadt. http://hamburger-jedermann.de/