Hamburger Schauspielhaus: Hartmann sagt Horáková ab - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Hamburger Schauspielhaus Hartmann sagt Horáková ab

Der Intendant des Bochumer Schauspielhauses Matthias Hartmann geht ab Sommer 2005 ans Schauspielhaus Zürich. Hartmann galt lange als Wunschnachfolger für den Chef des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Tom Stromberg. Kultursenatorin Horáková gerät mit der Absage zunehmend unter Druck.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der eine kommt nicht, der andere liebäugelt mit der Konkurrenz - die Hamburger Kulturpolitik wird zurzeit von zwei Personalien in Atem gehalten. Der Wunschkandidat für die Nachfolge von Intendant Tom Stromberg am Deutschen Schauspielhaus, Matthias Hartmann, 40, kündigte am Freitag einen Wechsel von Bochum nach Zürich im Sommer 2005 an. Eine Bestätigung kam auch vom Verwaltungsrat des Zürcher Theaters.

Hartmann schlug damit das Angebot aus, im Jahr 2005 Intendant am Deutschen Schauspielhaus zu werden. Der jetzige Leiter der Bühne, Tom Stromberg, liegt schon seit Monaten mit der Hamburger Kultursenatorin Dana Horáková im Clinch. Die Senatorin zeigte sich von Hartmanns Absage zwar überrascht, wünschte ihm aber viel Glück für seine Arbeit in Zürich.

Bessere Bedingungen in Zürich

"Die Entscheidung zwischen Hamburg, Bochum und Zürich ist mir sehr schwer gefallen, zumal die Hamburger Kultursenatorin ein attraktives und mit Zürich vergleichbares Angebot vorgelegt hat", erklärte Hartmann. Letztlich hätten die für seine Pläne besseren räumlichen und produktionstechnischen Bedingungen in Zürich den Ausschlag gegeben.

Dana Horáková (parteilos) gerät durch die Absage zunehmend unter Druck. Erst vor kurzem hatte der renommierte Direktor des Hamburger Balletts, John Neumeier, erklärt, eine Verlängerung seines noch bis 2006 laufenden Vertrags sei nicht selbstverständlich. Was Neumeier angehe, ließ die Senatorin indes bereits verlauten, sei es nicht ungewöhnlich, dass einem weltweit erfolgreichen Choreografen wie Neumeier Angebote vorlägen. Das Angebot der Hamburger zu einer Verlängerung des Vertrags bleibe bestehen, es gebe nun jedoch Überlegungen über mögliche Alternativen.

Scharfe Kritik an der Hamburger Kultursenatorin

Die Hartmann-Absage bietet der Opposition in Hamburg gleichwohl willkommene Munition: SPD-Kulturpolitiker Holger Christier erklärte, Horáková wirke "offensichtlich abschreckend auf gute Leute". Die Überraschung in der Behörde über den Wechsel Hartmanns nach Zürich werfe ein peinliches Licht auf die unsouveräne Verhandlungsführung der Senatorin.

Der kulturpolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Karl-Heinz Ehlers, nahm Horáková dagegen in Schutz: "Hartmann hat auf eine Weise gepokert, die nicht mehr tragbar war." Ein höheres Angebot sei aus Verantwortung für den Stadtsäckel nicht zu verantworten gewesen. Ehlers zeigte sich zuversichtlich, dass sich ein geeigneter Kandidat für die Leitung des Schauspielhauses finden lasse. In den Medien werden unter anderem Wilfried Schulz vom Schauspiel Hannover oder Friedrich Schirmer aus Stuttgart als Stromberg-Nachfolger gehandelt.

Horáková "vorübergehende Erscheinung"

Bei ihrem Amtsantritt hatte Horáková "Glanz und Glamour" angekündigt - Hamburg stehe derzeit jedoch mehr wegen Skandalen und Personalquerelen im Fokus der Öffentlichkeit, sagte der Kulturexperte Willfried Maier. Er glaube jedoch nicht, dass große Namen der Stadt wegen ihrer Kultursenatorin fern blieben, die nur eine "vorübergehende Erscheinung" sei. Sie sollten ausreichend Selbstvertrauen haben, um eine Herausforderung in Hamburg anzunehmen. "Sollte auch Neumeier gehen, wären das aber zwei deutliche Rückschläge für die Senatorin", glaubt Maier. Die prompte und in der Wortwahl unübliche Reaktion der Behörde auf die Erklärung des Ballettleiters zeige, dass die Nerven in der Kulturbehörde blank lägen. "Da wurde viel zu schnell zurück geschossen", kritisiert Maier.

Auch von anderer Seite wurden kritische Stimmen laut. Thalia-Intendant Ulrich Khuon sagte, er habe eigentlich mit einer Zusage Hartmanns gerechnet: "Ich hatte den Eindruck, die Verhandlungen waren relativ weit gediehen." Am Geld könne es nicht gelegen haben, so Khuon, denn die finanzielle Situation in Zürich sei ähnlich wie in Hamburg. Als Kulturschaffender müsse man sich die Freiräume grundsätzlich selbst erkämpfen - das sei in Hamburg nicht anders als überall.

Hartmann tritt Nachfolge Christoph Marthalers an

Begonnen hat Hartmann seine Karriere als Regie-Assistent am Schiller-Theater in Berlin. Seit 1985 inszenierte er an zahlreichen bedeutenden Häusern. Unter anderem war er in Kiel, Hannover, München, Wien, Zürich und Hamburg Regisseur und erntete fast immer exzellente Kritiken. In Zürich wird Hartmann Nachfolger von Christoph Marthaler, der zwar künstlerisch hoch gelobt wurde, aber wegen mangelnder Zuschauerauslastung in die Kritik geraten war. Mit Hartmanns Weggang verliert Bochum einen glänzenden Intendanten und Regisseur. Seit drei Jahren füllte er das Haus mit beeindruckenden eigenen Inszenierungen und verpflichtete zahlreiche gute Regisseure für das Haus. Das Theater konnte nach jeder Spielzeit Besucher-Rekorde melden.

Martin Dommer