Hamburger Schauspielhaus Hedda macht Theater!
Man wähnte sich in "Heddas Tante": Gleich zu Anfang des auf schrill gebürsteten Ibsen-Abends gaben die Lacher den Ton an. Die gute Tante Juju räumt in zehnfacher Ausgabe als Kümmer-Ballett Heddas Zimmer zur Rückkehr nach der sechsmonatigen Hochzeitsreise auf und schwirrt wie ein emsiger, aber leicht lästiger Bienenschwarm um die spärliche Bühnendeko - alles sehr hübsch und nahezu niedlich. Auftritt Hedda: Ganz in schwarz, groß und gebieterisch, mit ausgebreiteten Armen. Die Herrscherin kommt zurück nach Mandalay, Hitchcocks "Rebecca" lässt intensiv grüßen. Theatralisch, dominant, zickig und zerbrechlich zugleich gibt die amazonenhafte Wiebke Puls eine Hedda Gabler, die unablässig fordert, ordert, dirigiert und mit ihren Fingern pistolengleich die anderen in die Enge treibt. Der zarte Tango zu Beginn des Höllentanzes ist nur eine Metapher für die abgezirkelten Bewegungen.
Ihr Mann Jörgen Tesman, ein farbloser, kleiner Wissenschaftler, nervte sie wohl schon auf der Hochzeitsreise. Vom sehr präsenten Bernd Moss als hanseatischer Emil Steinberger gegeben, versucht Tesman zunächst alles, seiner Frau irgendwie zu Willen zu sein, ohne jedoch hinter ihren Überdruss zu spüren. Schlagartig blüht Frau Gabler jedoch auf, als ihre Schulfreundin Thea Elvsted sich schüchtern auf die Bühne schleicht, um ihr ein um vieles waghalsigeres Leben vorzuführen. Thea hat ihren Mann verlassen, um sich mit Eilert Lövborg zu liieren, einem kurierten Ex-Alkoholiker, der ebenfalls Wissenschaftler ist, nur eben einen Tick genialer als der brave Tesman, und Konkurrent zudem für eine anstehende Professur. Außerdem ist er noch ein ehemaliger Lover von Hedda, die zurzeit vom einflussreichen Gerichtsrat Brack umworben wird - da kommt Katastrophenstimmung auf.
Herrschaftsspiele mit den Männern
Die glänzend aufgelegte Caroline Peters gab der zerrissenen und sehnsüchtig melancholischen Freundin Thea ein markantes Profil, bekam für ihren hochemotionalen Monolog sogar begeisterten Szenen-Applaus. Mal wieder waren es die Frauenrollen und ihre Darstellerinnen, die kräftig abräumten - nicht zuletzt dank der gewagten Regie von Sandra Strunz, die sich alle Mühe gab, ihrem Ibsen den Weltschmerz und die Lethargie auszutreiben. Dabei arbeitete das Bühnenbild (effizient erdacht von Katrin Hoffman) der großen, erdrückenden Archivschränke so schön plakativ und eindeutig für die Düsternis - und ließ eigentlich keinen Platz für die musikalische Romantik, die immer wieder schmeichelnd aufblitzte. Selten hörte man so schräge und schön unbeholfen klappernde Chansontexte, die die ungemütliche Seelenverfassung der Gablers rührend karikierten.
Hedda fungiert dabei immer als Dirigentin: Erst mit ihren Armen und Händen, dann mit des Vaters Pistolen, wovon Sie eine dem labilen Lövborg schenkt, nicht ohne den "viel zu Trockenen" zum erlösenden Schluck aufzufordern. Ganz schön gemein, ihm das auch noch als Stärke zu verkaufen, wobei er dann aus der Sammlung der Tesmans die in Alkohol eingelegten Reptilien futtern darf, sozusagen Vollwertkost vom Baum der Unkenntnis. Derweil schäkert Frau Gabler mit dem kantigen und coolen Gerichtsmenschen, der sie durchschaut und daher ein wenig ihren Respekt genießt - so lange er ihre Herrschaftsspiele mitspielt. Erst als Lövborg durch einen Schuss aus besagter Waffe umkommt, dreht er den Spieß um.
Regisseurin Strunz, die zuletzt mit Ibsens "Frau vom Meer" in Hamburg gefiel, verlässt sich früh und gern aufs Ironische und Kabarettistische. Das Tanten-Arrangement - mehr als einmal zur gefälligen Lustbarkeit aufgefahren - präsentiert schon zu Beginn den Einsatz filmischer Elemente, die mit suggestiven Bildern Atmosphäre schaffen. Doch die ständige Reibung zwischen ironischer Distanz und glaubhafter Charakterstudie ergibt am Ende nur Schulterzucken, zumal nach der Pause alle ohnehin eher dezente Schärfe der Personenstudien zugunsten platter Kabaretteffekte drangegeben wurde. Rampentheater par excellence.
Ein Pakt mit dem Teufel
Kernpunkt des finalen Konfliktes wird das Erfolg verheißende Vortragsmanuskript von Tesmans Professur-Rivalen Lövburg. Darum wird gekämpft und gestritten, bis es Hedda schließlich als Macht-Faustpfand ergattert. Dass Sie das schlichte Schriftstück schließlich erst als Masturbationshilfe bei einsamen Würgespielen benutzt, hat noch bizarren, wenn auch stumpfen Charme. Wenn jedoch während ihres bewegenden Verzweiflungsmonologes, den sie als linkisch zuckende, hysterische Zicke absolvieren muss, alle anderen den Kollaps albern und juxig kommentieren, kann man nur noch lachen. Mehr aber auch nicht. Höchstens fragt man sich, was man denn von allem vorherigen Bühnengeschehen halten soll. Die eigenen Protagonisten zu veralbern, ist eine denkbare Regiehaltung, aber gleichzeitig ein Pakt mit dem Teufel. Hedda macht halt ein bisschen Theater.
Was soll man mit dem Selbstmord einer lächerlich gemachten Heldin anfangen? Da mag die Schöne am Schluss noch so bedeutungsschwanger von Brack entkleidet werden, sie verlässt die Stätte unter Wert. Sie habe sich erschossen, berichtet der dann emotionslos (klassisch klar und streng von Clemens Schick gespielt) - doch wen kümmert's? Auf der Bühne anscheinend niemand, und auch die Anteilnahme im Publikum hielt sich ein Grenzen. Eine keineswegs langweilige, aber auch nicht sehr nachhaltige Inszenierung: Zuckerwatte für die Seele, ohne Nebenwirkungen. Gepflegter Beifall mit Bravos für die kämpferischen Darsteller, und ein paar Buhrufen für die Regie. Es war kein Abend für die große Kontroverse, die möglich gewesen wäre. "Ich habe gelacht - aber unter meinem Niveau!" - Fritz Kortner kannte die Probleme des Theaters.