Hamburger Staatsoper: Wechselbad der Emotionen und Klänge - DER SPIEGEL
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Hamburger Staatsoper Wechselbad der Emotionen und Klänge

Mit Hans Werner Henzes "We Come to the River" startete Hamburgs Staatsoper zeitgemäß in die neue Spielzeit. Der 75-jährige Komponist war angereist und nahm den Premierenbeifall entgegen.
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So viel Aktualität für ihre erste Neuinszenierung der frischen Saison hatten sich Intendant Louwrens Langevoort und Musikchef Ingo Metzmacher wohl gar nicht gewünscht. Doch Henzes engagiertes Werk um Krieg, Schuld und Verantwortung passt gut in die Zeit einer angespannten politischen Lage, gerade weil es kein bestimmtes Regime an den Pranger stellt. Uraufgeführt 1976 als Höhepunkt von Henzes politisch motivierten Arbeiten ist die Parabel um den verdienten General, der an seinen Taten und der Welt verzweifelt und letztlich irre wird, von bedrückender Aktualität. Doch trotz aller Zeitkritik spielte in dieser Inszenierung die Musik die Hauptrolle.

Und die kommt gleich von drei Orchestern, die auf verschiedenen Ebenen auf der Bühne platziert sind. Klassische Streichinstrumente, darunter Viola da Gamba, reiben sich mit aggressiven Bläsern, akustischer Gitarre, Celesta, Klavier, Orgel und einer breiten Palette von Schlagzeug und Percussion, die jeder Szene, jedem Handlungsbild eine eigene Klangwelt geben. "Handlungen für Musik" nannte dann auch der britische Librettist Edward Bond ("Gerettet", "Lear") seinerzeit die Szenenfolge, die in ihrer zeitweiligen Drastik ebenso wie seine ehemals umstrittenen Theaterstücke mittels Provokation ihre Botschaft unterstreichen sollten.

Mit Ingo Metzmacher fand Henzes Opus den vielleicht idealen musikalischen Macher, denn als ausgewiesener Experte für Musik des 20. Jahrhunderts setzte er alles daran, die verwirrende Fülle der Stile, Einflüsse und Klangebenen der "River"-Partitur hörbar zu machen. Zwölftönendes, Marschmusik, elegische Chöre und Wagnereinflüsse fügten sich unter seiner Leitung zu einer zwingenden Einheit, die bis zum Schluss spannende Details und eruptive Tutti blendend vermittelte. Entgegen Henzes ursprünglichen Wünschen von einer auch optisch grellen Präsentation der verschiedenen Orchester, spielten Metzmachers Musiker allesamt in dezentem Schwarz, ohne Fräcke freilich, und auch der Maestro dirigierte von wechselnden Plätzen schlicht in Hemd und Hose.

Einen großen Abend hatte der General in Gestalt von Bariton David Pittman-Jennings, dessen stimmliche Souveränität mit seiner darstellerischen Kraft wetteiferte, die der Wandlung des dienenden Feldherren zum entrückten "blinden Seher" glaubhaft Gestalt verlieh. Inmitten der zeitweilig mehr als hundert Akteure auf der Bühne war er das Zentrum, doch gleiches Lob verdiente das Ensemble, das ohne Schwachstellen sämtliche dramaturgischen Facetten mit Bravour meisterte.

Durch die vorgegebene Bühnenaufteilung, die den Orchestern als Teil des Bühnengeschehens eine Menge Raum einräumt, musste die Inszenierung zwangsläufig blass bleiben. Der junge Regisseur Falk Richter hangelte sich ein wenig steif an der Szenenfolge entlang und konnte die Struktur kaum aufbrechen. Da halfen auch keine Truppenauf- und -abmärsche durchs Publikum. Großartig hingegen gelangen die Parts in der Irrenanstalt des zweiten Teils (exzellente Kostüme: Martin Kraemer), wo vor allem der Chor der Wahnsinnigen einmal mehr die Ensemble-Power der Hamburger Truppe belegte. Zarte Harmonien und spröde Explosionen - ein Wechselbad der Emotionen und Klänge.

So gab es einige laute Buhrufe nur für die Inszenierung. Musikalisch setzte Ingo Metzmacher zum Start der Spielzeit einen weiteren starken Akzent. Sein frischer Wind wird der Hamburger Oper weiterhin gut tun. Und auch der jubelnde Beifall für den Komponisten Hans Werner Henze zeigte, wie gut die Wahl des "River"-Opus für die Staatsoper war.

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