Hamburger Theater: Zwischen Selbstreflexion und Soap - DER SPIEGEL
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Hamburger Theater Zwischen Selbstreflexion und Soap

Ende September starten Ulrich Khuon am Thalia Theater und Tom Stromberg am Deutschen Schauspielhaus ihre Intendanz. Die beiden großen Hamburger Theaterbühnen stehen damit vor Neuanfängen mit höchst unterschiedlicher Ausrichtung.
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Hamburg - Die Fußstapfen, in die sie treten, sind groß. Frank Baumbauer hat das Schauspielhaus mit einem mutigen Spielplan, einem hervorragenden Ensemble und preisgekrönten Produktionen an die Spitze der deutschsprachigen Bühnen gebracht. Jürgen Flimm verschaffte dem Thalia mit dem Schwerpunkt auf Klassiker-Inszenierungen und einem deutlich anderen Profil einen Platz weit vorn in Kritiker- und Zuschauergunst. Ihre ersten Trümpfe in kreativer Konkurrenz ums Publikum werden Khuon und Stromberg zur Saisoneröffnung ausspielen.

Khuon, vom Staatsschauspiel in Hannover an die Elbe gewechselt, will zum Auftakt seiner ersten Spielzeit den Blick auf Randgruppen der Gesellschaft lenken. Aktuelle soziale Zusammenhänge mit alten und neuen Werken zu beleuchten, sei "ureigenes Thema des Theaters", meint der 49-jährige Schwabe, der vor allem auf junge Regisseure und Dramatiker, dazu auf ein starkes Ensemble setzt. Saisonstart am Thalia ist am 21. September mit der Premiere von Maxim Gorkis "Nachtasyl" in der Regie von Andreas Kriegenburg. Zwei Tage später folgt die Uraufführung von "Republik Vineta", einem Werk Moritz Rinkes, inszeniert von Stephan Kimmig. William Shakespeares "Hamlet" wird Jürgen Krause am 14. Oktober in Szene setzen. Die deutsche Erstaufführung von Dea Lohers Stück "Klaras Verhältnisse" steht unter der Regie von Mark Zurmühle am 26. Oktober auf dem Programm.

Der Thalia-Intendant will Anstöße geben und auf der Basis kontinuierlicher Ensemblearbeit Neues entwickeln. Theater, meint er, soll zum einen die "geistigen Kräfte in der Selbstreflexion dieser Zeit bündeln". Ebenso gelte es, das volkstheatralische Element mit gefühlvollen, trivialen und komischen Formen herauszustellen. "Öffentlich subventioniertes Theater soll nicht einlullen oder ablenken, es hat eine tiefgreifende Aufgabe", meint Khuon, der eine Werkstattbühne für junge Regisseure plant und die Autorentage von Hannover nach Hamburg mitnimmt. Der Dramaturg und Schriftsteller John von Düffel wird ein Autoren-Projekt leiten, in dem für Thalia- Schauspieler Texte entstehen. Im Zentrum von Khuons Arbeit steht das zur Hälfte ausgewechselte Ensemble mit 40 Schauspielern.

Stromberg, der den einen als kreativer Theatermanager mit Risikofreude und Lust am Experiment gilt, den anderen eher als Gastspiel-Organisator ohne großen Sinn für Ensemblearbeit, will in seinem Theater keine Antworten geben, sondern Fragen stellen. Der Leiter des Expo-Kulturprogramms in Hannover startet mit einem spektakulären Wochenende in seine erste Spielzeit. Vom 29. September bis zum 1. Oktober stehen jeweils vier Produktionen auf dem Programm im Großen Haus, im Malersaal und in der neuen Studiobühne Neues Cinema. Jan Bosse inszeniert die Uraufführung von Helmut Kraussers "Haltestelle.Geister", Ingrid Lausund zeigt ein neues eigenes Stück. Ute Rauwald - ebenso wie Bosse und Lausund Hausregisseurin - setzt "Gier" von Sarah Kane in Szene, und der Franzose Jerome Bel zeigt erstmals seine Tanzperformance "The Show must go on!".

Knapp 30 fast ausschließlich sehr junge Schauspieler hat der Wilhelmshavener Stromberg, der von 1986 bis 1996 das Theater am Turm (TAT) in Frankfurt leitete, engagiert. Vier Dramatiker werden in der ersten Spielzeit als "Authors in Residence" in Hamburg wohnen und arbeiten: Die Schwedin slowakischer Herkunft Lucia Cajchanova, der Argentinier Rafael Spregelburd, der französische Autor Lionel Spycher und der Deutsche Rene Pollesch, der in dem mit vier neu gestalteten Bars und Restaurants ausgestatteten Theater wöchentlich eine Soap bieten wird. Auf dem genreübergreifenden, sehr aktuellen und internationalen Spielplan stehen auch der Flame Jan Lauwers und seine Need-Company, der Pop-Experte Stefan Pucher, der Komponist Heiner Goebbels, Peter Zadek und Gastspiele von William Forsythe vom Frankfurter Ballett.