Hans Werner Holzwarth (Hg.) Art Now! Vol. 4 - DER SPIEGEL
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Künstler-Übersicht: Zweifelhafte Hit-Liste

Foto: Albert Oehlen/ Foto: Lothar Schnepf

Künstler-Übersicht Nur für Solvente

Der Taschen Verlag hat einen vierten Band in der Reihe "Art Now" über zeitgenössische Kunst herausgegeben. Wie die vorigen Bände soll das Buch eine Übersicht über die Kunst geben, die gerade angesagt ist. Schafft es aber nicht wirklich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auch dieser vierte Band heißt, wie seine Vorgänger, "Art Now", will ein "Who's who der aktuellen Kunst" sein, und man soll am Beispiel von 106 Künstlern erfahren, "wie sich die Kunst seit 2008 verändert hat" und "welch großartige Werke in diesen Jahren geschaffen wurden". Das jedenfalls verspricht der Umschlag-Klappentext.

Der Aufbau ist bewährt, die Künstler werden alphabetisch geordnet in einem kurzen Text (auf Deutsch, Englisch und Französisch) vorgestellt, dazu kommen Angaben zu Ausstellungen sowie eine dreiseitige Bildstrecke. Wenn man das Buch durchblättert, scheint sich in der Kunst seit 2008 nicht allzu viel verändert zu haben, denn die meisten der Künstler und Künstlerinnen dürfte ein kunstinteressierter Leser kennen, und immerhin 70 der 106 Genannten waren auch schon in "Art Now Nr. 3" dabei - von Ai Weiwei bis Yang Fudong, von Cosima von Bonin bis Kara Walker.

Man wüsste gern, warum ausgerechnet jetzt verdiente Klassiker wie Georg Baselitz, Chuck Close, David Hockney, der 90-jährige Ellsworth Kelly, Bruce Nauman, Gerhard Richter oder John Baldessari vorkommen. Es sind zwar neuere Arbeiten abgebildet, aber weder Baselitz noch einer seiner Kollegen hat sich in der Zwischenzeit neu erfunden. Und spielen die allseits bekannten "Stars" wie Richard Prince, Cindy Sherman, Jeff Koons, Takashi Murakami oder Olafur Eliasson wirklich immer noch eine so große Rolle in der Kunst?

In Sachen Auktionspreise schon, die kann man im Anhang nachlesen, aber manche ihrer Arbeiten sehen schwer nach müden Ideen zu alten Themen aus. Und warum, fragt man sich, kommt wieder Günther Förg vor, wenn die vier abgebildeten Arbeiten aus der Zeit von 2007 bis 2009 sind?

Blick nach Ostasien

Natürlich gibt es auch Erfreuliches. Mit Adel Abdessemed und seiner Kunst beginnt das Buch. Er gehört zu den Künstlern der jüngeren Generation, seine sensationelle Einzelschau im Pariser Centre Pompidou schoss ihn im letzten Jahr in die Erfolgslaufbahn. Der 43-jährige Algerier, der in Paris lebt, war aber auch davor nicht unbekannt - kein Wunder, denn im Anhang liest man nach, dass ihn die New Yorker Mega-Galerie Zwirner vertritt und dass seine Papierarbeit "Oia" von 1997 schon im Mai 2008 bei Christie's 46.765 Dollar erzielte. Vier Arbeiten sind von Abdessemed abgebildet, davon sind zwei von 2007, eine von 2008 und eine von 2011/2012. Da hätte man sich eine etwas sorgfältigere und neuere Auswahl gewünscht. Trotzdem schaut man sich die vier Seiten gern an, und der Text gibt einen guten Einblick in Abdessemeds Arbeitsweise.

Auch Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla sind zwar erfolgreich, aber nicht jeder hat ihre Kunstwerke schon gesehen. Drei der vier Fotos zeigen die multidisziplinären Arbeiten des Künstlerpaares im amerikanischen Pavillon auf der Venedig Biennale 2011, und der Text bezieht sich ausschließlich darauf, so dass auch Nicht-Venedig-Besucher einen Eindruck bekommen.

Text und Installationsfotos der Documenta-13-Arbeit von Theaster Gates geben einen Eindruck von der Verwandlung des verwahrlosten Hugenotten-Hauses in ein Gesamtkunstwerk, und an den Argentinien-Pavillon in Venedig 2011 von Adrián Villar Rojas erinnert die Abbildung seiner dort gezeigten großen Skulptur. Die große Bandbreite der Arbeiten von Haegue Yang zeigt "Art Now" mit vier Fotos von völlig unterschiedlichen Skulpturen und Installationen, darunter auch die choreografierte Jalousie-Installation von der Documenta 13.

Neu sind in Band 4 die Features über den Kunstboom in Ostasien. Über "Neue Spielregeln für die Kunst" nach 1989 schreibt die in Peking lebende Kunsthistorikerin Karen Smith, ein anderer Text schildert die "Drei Wege zur Avantgarde" in China, Japan und Korea, und in zwei Interviews geht es um die spezielle Situation von jungen Künstlern in Japan und Südkorea.

Auf rosafarbenem Papier gibt es am Ende einen Serviceteil mit den Galerien der Künstler und erzielten Auktionsergebnissen, einem Art Guide für die asiatischen Metropolen und einem Glossar zu Begriffen aus der Kunst und Kurzbiografien der Autoren.

Ein Nachschlagewerk ist "Art Now" nicht, dafür ist die Auswahl der Künstler zu eng, nicht nachvollziehbar oder zu subjektiv. Es ist auch kein "kundiger und kühler Berater" für den Kunstkauf, wie es in der Ankündigung steht. Denn die Sammler so teurer Kunst, wie sie hier vorgestellt wird, suchen für ihre finanziellen Entscheidungen sicher nicht Rat in einem Buch wie diesem.


Hans Werner Holzwarth (Hg.): Art Now! Vol. 4. Hardcover auf Deutsch, Englisch, Französisch, 21,5 x 27,4 cm; 576 Seiten; 39,99 Euro.