Hansa-Theater: Hamburgs schönstes Drogenopfer - DER SPIEGEL
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Hansa-Theater Hamburgs schönstes Drogenopfer

Seit Jahren kämpft das Hansa-Theater in Hamburg gegen sinkende Besucherzahlen. Nun droht dem ältesten Varieté Deutschlands die Schließung. Schuld an der Misere ist auch die Drogenszene im Stadtteil St. Georg.
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Draußen setzen sich Junkies einen Schuss, minderjährige Prostituierte warten auf Kunden, Dealer machen ihre Geschäfte, und Sex-Shops locken mit greller Leuchtreklame. Drinnen ist die Welt - noch - in Ordnung: In Deutschlands ältestem Varieté, dem Hamburger Hansa-Theater am Steindamm hinter dem Hauptbahnhof, sind die 491 Sessel mit Plüsch bezogen, glänzt das dunkle Holz vom täglichen Polieren, und es blinken die Messing-Kronleuchter. Jetzt steht das 107 Jahre alte Varieté in dem berüchtigten Problem-Stadtteil St. Georg vor dem Aus. Die Theaterbetreiber sehen die Hauptursache in der offenen Drogenszene im Viertel.

"Wenn kein Wunder geschieht, fällt am 31. Dezember der letzte Vorhang. Den 65 Mitarbeitern wurde bereits gekündigt", sagt der Sprecher des Traditionshauses, Helmut Kalkowski. Die Besucherzahlen seien seit Jahren gesunken, und die veränderte Steuergesetzgebung mache es den Besitzern des unsubventionierten Hauses künftig unmöglich, Verluste so wie bisher abzuschreiben. "Die Leute trauen sich nicht mehr her. Auf der Straße wird gedealt und geklaut, in den Hauseingängen lagern Drogensüchtige. Viele benachbarte Geschäftsinhaber haben das Viertel schon fluchtartig verlassen."

Seit mehr als zehn Jahren kämpft Hamburg gegen die offene Drogenszene rund um den Hauptbahnhof, wo Süchtige ihren Konsum von Heroin, Kokain und Crack durch Beschaffungskriminalität finanzieren. Manche verkaufen für den Tod bringenden Stoff das einzige Kapital, das sie haben - ihren Körper. Zwei junge Frauen aus der Drogenszene in St. Georg wurden in den vergangenen Tagen erwürgt. Gelebt haben sie in einem Abbruchhaus, nur ein paar Ecken vom Hansa-Theater entfernt. Der neue Innensenator Olaf Scholz (SPD) bereitet derzeit ein neues Gesamtkonzept zur Bekämpfung des offenen Drogenhandels vor.

Der Stadtteil, schwule Hochburg seit Jahrzehnten, ausländerreichstes Viertel Hamburgs und buntes Multi-Kulti-Zentrum mit Szene-Kneipen, lockt trotz sozialen Sprengstoffes aber auch viele an. Erst vor wenigen Monaten hat das Deutsche Schauspielhaus mitten in St. Georg eine Studiobühne eröffnet. Das Neue Cinema mit Bühnenwerken wie den "Vagina-Monologen" ist fast ständig ausverkauft. "Natürlich ist das hier kein Ort für den großen Klassiker, der traditionelle Abonnent kommt nicht ins Neue Cinema. Wir wollen mit gewisser Leichtigkeit ein Szenepublikum ansprechen", sagt der Intendant des Schauspielhauses, Tom Stromberg, der selbst in St. Georg wohnt.

Manche bezweifeln, dass das liebenswert nostalgische Hansa-Theater der 77-jährigen Telse Grell mit den Veränderungen Schritt gehalten hat. Sprecher Kalkowski wehrt sich: "Man darf nicht die Dekoration mit dem Inhalt verwechseln. Es wäre ungerecht, den Artisten vorzuwerfen, sie seien antiquiert." Die dressierten Pudel auf der Bühne, der Theaterteller mit Häppchen, von Kaltmamsells in weißer Schürze und Rüschenhäubchen zurecht gemacht, die Tischklingeln für die Kellner -für die einen schon fast kultig- schrilles Ambiente, für die anderen vollkommen ernst gemeinte Unterhaltung.

Die Varieté-Besitzer hoffen, dass es für sie weiter geht. Nächste Woche sind Gespräche mit den Behörden geplant. Die Flut von Sympathiebekundungen für das Hansa-Theater hat schon eingesetzt. Artisten aus der ganzen Welt sprechen den Betreibern der Traditionsbühne Mut und Trost zu.

Brita Janssen, dpa