Harald Schmidt "Völlige Substanzlosigkeit"
SPIEGEL:
Herr Schmidt, der Chef des Hanser Verlags Michael Krüger hat in der "Frankfurter Allgemeinen" angeregt, dass Sie in der Nachfolge Marcel Reich-Ranickis ein "Literarisches Café" im Fernsehen eröffnen. Haben Sie sich schon die Herbstprospekte der Verlage besorgt?
Harald Schmidt: Selbstverständlich haben wir die hier, denn wir besprechen oft in unserer Sendung neue Bücher. Wir planen zum Beispiel einen großen Wittgenstein-Abend, in dem wir Wittgenstein-Thesen überprüfen und widerlegen wollen. Ich fühle mich sehr geschmeichelt, kann mir aber eine reine Literatursendung nicht vorstellen.
SPIEGEL: Warum nicht? Herr Krüger erklärt, Sie seien mit Ihren Star- und Sternchen-Interviews unterfordert und sollten lieber regelmäßig mit Historikern und Essayisten diskutieren.
Schmidt: Sternchen sehen besser aus als Essayisten.
SPIEGEL: Das ist der einzige Grund?
Schmidt: Nein. So eine Sendung wäre zu entlarvend, sie würde meine völlige Substanzlosigkeit bloßlegen. Meine Bildung trägt nur für die zwei Minuten pro Sendung, in denen ich mein Wissen aufblitzen lasse. Wäre das Eis dicker, hätte ich auch gleich im "Literarischen Quartett" mitmachen können.
SPIEGEL: Und dort kräftig und unterhaltsam gegen Autoren austeilen können.
Schmidt: Das will ich gar nicht mehr, das ist mir viel zu anstrengend. Ich bin inzwischen so versöhnlich, dass ich das Verb "spalten" aus meinem persönlichen Wortschatz gestrichen habe. Ich bleibe bei meiner Show und will mich außerhalb ihrer nicht zu Kultur, Politik oder Ähnlichem äußern. Sonst sitze ich am Ende bei Sabine Christiansen und rede über die Rente.
SPIEGEL: Sie haben das "Literarische Quartett" einmal brillant parodiert. Werden Sie es nicht doch vermissen?
Schmidt: Meine Erfahrung ist, dass man keine einzige Sendung vermisst, die eingestellt wird. Was weg ist, ist weg. Ich hätte es aber gut gefunden, wenn das "Literarische Quartett" erst mit dem unerwarteten Ableben eines Mitglieds während der Sendung beendet worden wäre. Das wäre auch sehr literarisch gewesen: Deckel zu und alle Fragen offen.