Hauptstadt-Serie Berlin dreht durch
Fred Riedel sitzt im Café Einstein unter den Linden und zuckt zusammen, als der Riese neben ihm auftaucht. Der ist noch größer als Philipp Mißfelder, größer sogar als Kohl. Er lässt sich ausgerechnet neben ihm nieder, im Tellergeklirr zur Mittagszeit. Fred Riedel, der Stadthistoriker, ist 165 Zentimeter hoch an guten Tagen, und der Riese mindestens 2,30 Meter. "Der ist ja doppelt so viel wie ich", sagt Riedel eingeschüchtert und nimmt einen Schluck Milchkaffee. Immer wieder wandert sein Blick verstohlen zur Seite. "Der Soldatenkaiser hätte den sofort geklaut."
Der Soldatenkaiser, der Vater des großen Friedrich, brauchte lange Kerle. Den kultivierten, schmalen Riedel hätte er glatt übersehen. Von den mokkabraunen Wänden aus gerahmten Porträtfotos schauen die Eheleute Reich-Ranicki, schauen Wim Wenders und andere Künstler ein wenig melancholisch, als ob sie genau wüssten, wovon Riedel spricht.
Riedel besteht auf historischer Linearität. Um den Potsdamer Platz zu verstehen und diesen Boom zu begreifen, muss man die früheren begriffen haben. Dass Berlin dazu verdammt sei, "immerfort zu werden und niemals zu sein", hatte bereits Frank Scheffler festgestellt, und das war 1910.
Ein weiterer schüchterner Blick auf den Riesen. Riedel holt aus - und bleibt wieder hängen. Einstein-Wirt Christian Uhlig beugt sich über ihn, grüßt, wendet sich Renate Schmidt zu, der Familienministerin von gestern, die ungerührt über einem Riesenteller Rotkraut mit Knödeln sitzt.
Einen Tisch weiter "FAS"-Feuilleton-Chef Claudius Seidl im Gespräch mit seinem Kolumnisten Maxim Biller. "Keiner ist hier freiwillig", sagt Seidel, der Münchner. In ein paar Wochen kommt sein neues Berlin-Hasser-Buch auf den Markt. Berlin wird hoch und runter geschrieben, immer gekonnter, das ist Feuilletongewerbe, man muss Schritt halten mit dieser Stadt, in der es ständig hoch und runter geht.
Riedel geht ganz runter, weit zurück für Berliner Verhältnisse. Also: Preußische Kultur, sagt er, war zunächst nichts als Soldatenkultur. Als Berlin vor zweihundert Jahren zur Metropole aufstieg, eher Kaserne als Stadt, ein vorgeschobener Posten, eine ganz jähe, arme Hauptstadt im märkischen Sand, fehlte es an allem, und es fehlte, wie der große Friedrich dann ausrief, an "Menschen, vor allem Menschen". Hugenotten, Katholiken, Holländer, alle waren ihm recht, die tolerante Aufgeklärtheit dieses modernsten Monarchen Europas war durchaus auch wirtschaftliches Kalkül.
Friedrich II. (1712-1786) mochte Berlin nicht, er sprach nur gebrochen deutsch, er baute sein Versailles nach Potsdam und nannte es Sanssouci, ohne Sorgen, und in den Berliner Dialekt sickerten französische Verballhornungen wie "mutterseelenallein", das von "moi du seul" herrührt, und wenn die Schrippen "alle" sind, dann sind sie "aller", ausgegangen.
Selbst die Sprache also ein Konstrukt, und heute schnappen Berliner gieriger als alle anderen nach Anglizismen, nach meeting points und dates. Andere deutsche Städte und die meisten europäischen Metropolen waren römische Siedlungen, waren harmonisch gewachsen, hatten Stadtkerne und ethnische Identität, hatten Seele, Sprache. Berlin dagegen wurde gemacht. Und seither wurde es immer wieder gemacht, und jetzt erneut.
Was heute historischen Glanz aufschimmern läßt, allenfalls, hier Boulevard unter den Linden mit seinen klassizistischen Schinkel-Bauten, setzte sich die aufstrebende europäische Großmacht Preußen zwischen 1780 und 1860 hin, in der Epoche, die sich Eklektizismus nannte, ein architektonischer Zitatenkarneval, die erste Postmoderne, der für Berlin angemessenste Stil, und heute sind sie Schaustücke und Autosalons.
Da gab es die jüdische Intelligenz zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der Salon der Varnhagen, die Geistespracht der Berliner Gelehrtenrepublik, der Zeitungskorrespondent Heinrich Heine, Fichte, Hegel, Schelling. Humboldt schrieb in der Oranienburger Straße an seinem "Kosmos", dem Weltwissen, drunter hat er es nicht gemacht, drunter machte man es in Berlin selten.
Dann kamen die Gründerjahre, mit dem Pomp der Reichsgründung und Kaiserkrönung nach dem Sieg gegen Frankreich, die großen Fabrikanten-Dynastien wie Borsig und Siemens, die Industrie-Moderne. Deutschland war die modernste Nation der Erde, und Berlin versammelte unzählige wissenschaftliche Genies, Literaten und Künstler. Alles strömte auf Berlin zu. Es folgte die Hurra-Katastrophe des Ersten Weltkriegs, die geschlagenen Kriegsheimkehrer, die George Grosz ins Berliner Straßengewirr stanzte, die Revolutionswirren, die Parteiaufmärsche, rumms, rumms, all das Gehämmer und Gewummer ist schließlich nur in Döblins Zwanziger-Jahre-Berlin denkbar.
Berlin - Schauplatz der Weltgeschichte
Aus dem Trümmerhaufen von 1945 wühlte sich Berlin wieder empor, wurde Bühne für Weltdramen im folgenden Permafrost der Blöcke, und auf der Plattform über der Mauer rief Kennedy "Ich bin ein Berliner", rief Ronald Reagan: "Mr. Gorbatschev, tear down this wall".
Heute ist ein Kennedy-Center unter dem SPIEGEL-Büro am Pariser Platz untergebracht, auf ewig jung scheinen der Präsident und seine Frau Jackie dort unten im schwarzen Rahmen, das Camelot-Paar, und in den Boden sind Monitore eingelassen, auf denen die beiden Tennis spielen. Kürzlich gab es hier eine Premierenfeier nach einem Film über Bobby Kennedy, und die Gäste liefen über Camelot hinweg auf dieser Party, und sprachen über ihre Prenzlauer und Schöneberger Alltagssorgen, undramatisch, geschichtsvergessen, leicht.
Wie schön, dass das Brandenburger Tor nachts nur noch aussieht wie eine niedliche Tischbeleuchtung, und dass die Dramen mittlerweile woanders stattfinden. Manchmal, wenn es spät geworden ist, läuft SPIEGEL-Redakteur Stefan Berg durchs Tor, von Ost nach West. Er genießt diesen stillen Gang. Damals, 1989, stand er im Osten, und er traute seinen Augen nicht. Berg ist ein fröhlicher Mensch. Er freut sich über die Weltgeschichte.
1989, da war das Herz durch die Mauer getrennt. Da war das Todes-Brache und der Potsdamer Platz eine Wiese. Und genau darunter, im Parkhaus, sucht nun Fred Riedel mit seinem blauen Mercedes einen Stellplatz. Ausgerechnet hier, unterm ehemals schwer gesicherten Todesstreifen, verliert Riedel komplett die Orientierung. In der neuen Grenzenlosigkeit verirrt man sich leicht.
Schnell hinauf, hinaus. Schauen, was oben drauf gesetzt wurde an Architektur-Karneval und Downtown-Kulisse für geschätzte 10 Milliarden Euro in gerade mal 15 Jahren. Die Passage dahin führt an Souvenir-Müll vorbei, an "Cultix"-Shops und Fruchti-Bars. Schließlich das geziegelte Kollhoff-Hochhaus, hinauf im "schnellsten Fahrstuhl Europas", der die Höhe von 90,85 Metern in 20 Sekunden nimmt, und eine Besucherinnen-Gruppe aus Bottropp juchzt.
Oben im Nieselregen der unvermeidliche Berliner Bär, oben am Turm-Sims goldene Klauen, ein New Yorker Zitat, dann das Sony-Zelt, die Preisbullen-Architektur ringsherum. Mehrere zehntausend Bauarbeiter waren hier über ein Dutzend Jahre beschäftigt, um Wohnungen und 1,2 Millionen Quadratmeter Büroraum zu bauen. Heute stehen rund 100.000 davon leer.
Unten der Tiergarten, der sich alle Mühe gibt, wie der Central Park auszusehen. Es ist die B-Movie-Version, doch darauf kommt es gar nicht an, denn die Zukunft Berlins, das sagte ausgerechnet der eher konservative Baumeister Kollhoff jüngst, sei Las Vegas, sei eine Zukunft als Entertainment-Metropole. Das hieße: Natürlich braucht Berlin keine drei Opernhäuser. Es braucht vier!
Berlin, so Kollhoff, ist eine Wüsten-Gründung wie Las Vegas, beide spielen mit Zitaten. Der Unterschied: In Las Vegas sind Zitate getürkt, in Berlin sind sie echt. Zum Beispiel im Ritz Carlton gegenüber, das wie eine stählerne Rahmung um die Fassade des alten Esplanade-Hotels gebaut wurde. Sie liegt nun hinter Glas wie ein Souvenir im "Cultix"-Shop.
Fred Riedel, der Spurenleser, fröstelt. Früher mal verdiente er sich als Jazzpianist in der "Eierschale" am Halensee sein Studium, im freien Westen. Sein Terrain ist diese Retortenstadt hier nicht. Es ist viel eher das Westberlin der Schaubühne unter Peter Stein, der Philharmoniker unter Karajan. Sein Berlin ist das alte Einstein an der Kurfüstenstraße, die Stipendiaten des DAAD wie György Dalos, das Literaturhaus am Wannsee. Doch am Kudamm kaufen jetzt die reichen Russen die Chanel-Boutiquen leer, und die Schaubühne wird bevölkert von kulturlosen 25-Jährigen. Die allerdings sitzen genauso in der Volksbühne und im Berliner Ensemble. "Peymann passt ins neue Berlin", sagt Riedel über dessen Dauer-Intendanten. "Er kann auch nicht alt werden."
Nicht nur die Bevölkerung hat sich ausgetauscht, die ganze Stadt hat sich gedreht. Früher war Riedel mal im SDS. Heute ärgert er sich über die Berliner Unhöflichkeit. Auch Riedel hat sich geändert. Die Stadt ist auf Touren gekommen, und sie dreht sich ein wenig zu schnell. Neben dem postmodernen Café, das Starbucks heißen könnte, aber hier mit dem Traditionsnamen "Café Josty" überklebt wurde, greift Riedel in einen der Zettelkästen und fischt einen Reklame-Flyer heraus: "Berlin dreht durch", steht da. Der Flyer wirbt für die Tanzschule "Traumtänzer". Nun ja, es gibt doch noch Kontinuität - waren Berliner nicht schon immer Traumtänzer?
Riedel liest in Berlin wie in einem Buch voller Apokryphen, die entziffert werden müssen, all diese Ablagerungen, all diese Kulissen zwischen Abrisswahn und Aufbauwillen, diese kleinen Fetzen an Beständigkeit. Dort drüben, das gelbe Barockhaus wurde von Schleiermacher bewohnt, und rechts liegt Goebbels' Propagandaministerium, und dort hinten wohnte Heinrich von Kleist. Wo liegen Philosophie und Barbarei und poetische Herzraserei dichter beieinander als hier?
Nun, am Ende der Tour, geht es ganz zurück. Die Brücke, dort hinter der Fischerei-Insel, wo Berlin mit ein paar Rasthäusern für die Fellhändler aus dem Osten begann. Mauern wurden hochgezogen und wieder abgerissen, Stadtmauern, Zollmauern - der letzte kleine Rest steht hinter dem Lokal "Letzte Instanz". Ein Gässchen. 20 Meter Mittelalter.
"Hierher hat Schröder den Chirac eingeladen", sagt Riedel, und natürlich hält Riedel das für eine wunderbare Pointe, dass der pompöse Chirac dahin eingeladen wurde, wo Berlin am engsten und kleinsten ist, also in die größte denkbare Untertreibung.
Berlin hat keine Proportionen, aber das heißt noch lange nicht, daß es nicht mit ihnen spielt. Und Riedel steht vor der ältesten Mauer der Stadt, die Heimat werden sollte für Riesen und Mörder und Traumtänzer und zierliche Herren.