Herbert-List-Retrospektive: Meister des magischen Auges - DER SPIEGEL
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Herbert-List-Retrospektive Meister des magischen Auges

Herbert Lists Aktfotografien der dreißiger und vierziger Jahre inspirieren heute noch - zum Beispiel Bruce Weber bei seiner Werbekampagne für Calvin-Klein-Unterwäsche. Das Münchner Fotomuseum widmet ihm jetzt eine umfassende Retrospektive.
Von Sven Siedenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - Am bekanntesten von Lists Werken sind wohl seine Porträtbilder. Sie zeigen so berühmte Künstler wie Pablo Picasso, Jean Cocteau, Sommerset Maugham oder Marlene Dietrich und sind allesamt psychologische Studien in Schwarz-Weiß. Dabei hat sich Herbert List, als er Mitte der zwanziger Jahre mit dem Fotografieren begann, zunächst gar nicht für Menschen interessiert.

Seine ersten Aufnahmen waren Stilleben, der Bauhaus-Ästhetik nachempfunden und der Neuen Sachlichkeit. Zu dieser Zeit führte er auch noch ein ganz bürgerliches Leben als Kaufmann in der väterlichen Kaffee-Firma in Hamburg. Erst als er, Jude und Homosexueller, Deutschland 1936 verließ und als mittelloser Emigrant in London landete, machte er sein Hobby zum Beruf.

Der 1975 gestorbene Fotograf Herbert List hat ein Werk hinterlassen, dessen Vielfalt noch immer auffällt und das bis heute nachwirkt. So ließ sich beispielsweise der amerikanische Star-Fotograf Bruce Weber bei seiner Werbekampagne für die Calvin-Klein-Unterhosen von Herbert List inspirieren. Genauer: von den Männerakten, die List in den dreißiger und vierziger Jahren schuf und die wie klassische Statuen wirken.

Seine Vorliebe für neoklassizistische Bildkompositionen hat List in Griechenland entdeckt, das er regelmäßig bereiste und wo das Spiel mit Licht und Schatten zum entscheidenden Gestaltungsmerkmal seiner Bilder wurde. Dabei sind oft surrealistische Stimmungen entstanden, weshalb man - in Anlehnung an Giorgio de Chirico - für seine Arbeiten den Begriff der "Fotografia Metafisica" prägte und ihn als "Meister des magischen Auges" titulierte.

Nach Kriegsende kehrte List nach München zurück, wo er durch die Ruinen wanderte und die zerstörte Architektur fotografierte. Anfang der fünfziger Jahre wurde er Mitglied bei "Magnum", es entstanden zahlreiche Foto-Essays in Italien, Mexiko und der Karibik, die in der Kulturzeitschrift "Du" und bei "Harper's Bazaar" erschienen. Dann legte er plötzlich die Kamera weg. Stattdessen sammelte er die letzten zwölf Jahre seines Lebens italienische Barockzeichnungen oder flanierte im Englischen Garten mit seinem Königspudel "Taps". Immer dabei: ein Spazierstock mit elegantem Knauf, von denen er gleich mehrere dutzend besaß. Auch die präsentiert die Ausstellung: als frei schwebende Zauberstäbe.

Herbert List: "The Magic Eye". Fotomuseum im Stadtmuseum, München; bis 26. März; danach wandert die Ausstellung nach Paris, Köln, Barcelona, Hamburg, Montreal, Chicago und Florenz; begleitend ist eine umfangreiche List-Monographie im Verlag Schirmer/Mosel erschienen für 78 Mark an der Museumskasse beziehungsweise 148 Mark im Buchhandel.