Heute in den Feuilletons: "Anschwellender Handke-Gesang" - DER SPIEGEL
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Heute in den Feuilletons "Anschwellender Handke-Gesang"

Die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis geht weiter: Die "taz" beklagt die immergleichen Reflexe auf Handke. Die "SZ" ist zornig: "So geht das nicht." Die "Welt" findet die Entscheidung der Düsseldorfer Stadträte vernünftig.
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Süddeutsche Zeitung, 31.05.2006

Der Düsseldorfer Stadtrat will Peter Handke nun doch nicht mit dem Heinrich-Heine-Preis auszeichnen. SZ-Literaturchef Thomas Steinfeld reagiert  zornig: "So geht das nicht: Der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf kann nicht bei Peter Handke anrufen, um ihm mitzuteilen, dass er in diesem Jahr den Heinrich-Heine-Preis erhalten wird, wenn wenige Tage später die Fraktionen des Stadtrats beschließen, die Vergabe zu verhindern. So geht das nicht: Der gewesene Historiker, Museumsdirektor und jetzige Politiker Christoph Stölzl kann nicht Mitglied einer literarischen Jury sein und sich, sobald öffentliche Kritik an deren demokratisch gefasster Entscheidung laut wird, in die Kulissen flüchten und erzählen, der zukünftige Preisträger sei nicht sein Kandidat gewesen. So geht das nicht: Dass sich jetzt Politiker reihenweise zu Wort melden und die Preisvergabe als 'schäbig', 'nicht denkbar' oder 'unsensibel' kritisieren, während sie zugleich keinen Zweifel daran lassen, die inkriminierten Schriften Peter Handkes nie gelesen zu haben." Handke hatte seine Forderung nach "Gerechtigkeit für Serbien" 1996 zuerst in der SZ veröffentlicht und damit die bekannten Debatten ausgelöst.

Für die Literaturseite besucht Ingo Petz die neue Nationalbibliothek von Weißrussland in Minsk, eine offensichtlich recht surrealistische Angelegenheit: "Symbolik ist dem homo sowjeticus vieles. Und so steht man vor dem Neubau der Weißrussischen Nationalbibliothek in Minsk und fragt sich: Was ist das? Was bedeutet das? Entfernt erinnert der wuchtige, 72 Meter hohe Bau  an eine Planeten-Abhörstation. Offizielle haben Gefallen daran gefunden, in der Form einen Diamanten zu sehen. Der Internet-Reiseführer 'In your pocket' findet, dass der Polyeder, der das Gebäude dominiert, aussieht wie der Todesstern aus 'Star Wars'."

Weitere Artikel: Im Aufmacher bespricht  Fritz Göttler den Film "Flug 93"  von Paul Greengrass. Matthias Dobrinski analysiert das Unbehagen an der Rede Benedikts XVI. in Auschwitz. Fritz Göttler schreibt zum Tod von Shohei Imamura.

Auf der Schallplattenseite geht's um neue Vivaldi-CDs, darunter eine Aufnahme der lange verschollenen Oper "Motezuma". Und Jörg Königsdorf unterhält sich mit dem Countertenor Max Emanuel Cencic  über die Vivaldi-Renaissance.

Auf der Medienseite berichtet Jens Kiffmeier über Diskussionen bei RTL über die Qualität des Nachrichtenjournalismus im Sender. Außerdem werden die Pläne des Burda-Konzerns im Internet vorgestellt.

Neue Zürcher Zeitung, 31.05.2006

Der Dichter Charles Simic schildert  sein schlimmstes Trauma: die Niederlage Jugoslawiens gegen Brasilien in der Fußball-Weltmeisterschaft 1950. Für den damals 12-Jährigen unfassbar. Denn waren die jugoslawischen Spieler nicht einfach überirdisch? "... für Lektionen in der höheren Kunst des Fußballs setzte ich mich in einen Coiffeursalon, wo alte Männer Erinnerungen an die ruhmvollen Zeiten austauschten. Ich hörte da von einem serbischen Spieler aus den 1920er Jahren, der mit solcher Wucht geschossen haben soll, dass mehrere Torhüter beim Versuch, den Ball zu halten, umgekommen sein sollen. Wenn immer er einen Freistoß treten sollte, wurde eiligst ein Sarg herbeigeschafft. Endlich stellte ihn der Fußballverband vor die Wahl: Entweder würden ihm die Ärzte einige seiner Beinmuskeln entfernen, oder er müsse den Fußball aufgeben. Ich vergaß, was dann angeblich geschah."

Weiteres: Marc Zitzmann besucht  die Chinatown im 13. Pariser Arrondissement. Besprochen werden Luc Percevals "Platonow"  in Berlin, eine Ausstellung  von Annegret Soltau auf der Darmstädter Mathildenhöhe  und Bücher, darunter Feridun Zaimoglus Roman  "Leyla" (mehr in unserer Bücherschau  heute ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 31.05.2006

Unter der Überschrift "Anschwellender Handke-Gesang" kritisiert  Gerrit Bartels auf den Tagesthemenseiten die Rücknahme der Zuerkennung des Heinrich-Heine-Preises an Peter Handke, insbesondere das Verfahren. Die "immergleichen Reflexe auf Handke" zeugten überdies nicht von großer Souveränität. "Man muss Handkes Stellungnahmen für Milosevic mehr als befremdlich finden, seinen Starrsinn - aber man sollte schon zu verstehen versuchen, wie es dazu gekommen ist, wie Handke sich gewissermaßen konsequent verrannt hat, um vielleicht über diesen - auch zweifelhaften - Weg, Gehör zu finden. Man müsste es aushalten, ja, in bester demokratischer Tradition akzeptieren können, dass ein Peter Handke den Heine-Preis erhält."

Der kulturpolitische Sprecher des Düsseldorfer Landtags Oliver Keymis sieht  im Rückzug eine Beschädigung des Preises und des Schriftstellers, findet den Rückszug "politisch nicht in Ordnung" und meint, man müsse Handke "jetzt den Preis auch geben und sich anschließend der Debatte stellen".

Und auf der "Wahrheit"-Seite schreibt  Wiglaf Droste: "Schon möglich, dass Peter Handke einen Dachschaden hat. Wer die Wahrheit sucht, kann sich verirren; wer aber glaubt, sie als Teil der zahlenmäßigen Mehrheit und der Meute automatisch für sich reklamieren zu können, dem muss man erst gar nicht zuhören. Ein Schriftsteller hat jedes Recht auf seine allein ihm eigene Sicht und Betrachtung der Welt; zu verlangen, er solle ein rundum kompatibler Medienmitmischer sein, kommt der Forderung nach Abschaffung des Schriftstellerberufs gleich."

Auf den Kulturseiten berichtet  Katrin Bettina Müller über das Festival In Transit  im Berliner Haus der Kulturen der Welt, das zum fünften und vermutlich letzten Mal stattfindet und seinen Schwerpunkt diesmal auf Taiwan und Brasilien legt. Jochen Becker stellt  Sabine Bitters und Helmut Webers künstlerisches Rechercheprojekt "LIVE LIKE THIS!" über die Megametropole Caracas in der plattform Berlin vor. In der neuen Kolumne dream team denkt  Dirk Knipphals über den "Ball und die Kontingenz" nach. Beschrieben  wird schließlich eine Ankunft auf dem neuen Berliner Hauptbahnhof, der derzeit weniger für Reisende als für Glotzer geeignet zu sein scheint.

Und Tom .

Die Welt, 31.05.2006

Bald werden mehr als die Hälfte der Einwohner von Los Angeles Hispanics sein. Uwe Schmitt wirft  einen Blick auf das boomende Immigrationslabor der USA. "'Das Jahrhundert der Anglos ist zu Ende', prophezeit der Schriftsteller Richard Rodriguez in San Francisco, und die schwarz-weiße, oft tragische Dialektik ist es auch. Wer auf Los Angeles schaut, schaut in das braune Antlitz und die leicht geschlitzten Augen Amerikas in 20 Jahren. Rodriguez, der Präsident Richard Nixon den dubiosen Ehrentitel 'dunkler Vater der Hispanizität' verlieh, weil jener die Kategorie bei den alle zehn Jahre fälligen Volkszählungen einführte, feiert Multiethnizität als Bestimmung und Selbstreinigung der Nation. Alles mischte sich, Weiße mit Indianern, Schwarze mit Weißen, mexikanische Mestizen mit Mulatten aus Puerto Rico. Amerika war nie rein. 'Der Ku Klux Klan war aufgebracht von der Idee des Braunen: Braun, die Farbe von Familiengeheimnissen, verbotener Leidenschaft ... mein ganzes Leben habe ich dem schwarz-weißen Gespräch zugehört, wie man einem streitenden Paar durch eine Motelwand zuhört.' Vorbei die Zeit, wo die beiden Streitenden unter sich waren." Hier  ein ausführliches Interview mit Rodriguez zum gleichen Thema.

Der CSU-Politiker Peter Gauweiler wirbt  im Interview für ein starkes Goethe-Institut und mehr Kulturaußenpolitik. "Uneigennützig, wie wir sind, stellen wir immer noch viel zu oft das zurück, was die eigene Kulturnation zu bieten hat, kommen nicht so 'naiv' wie die Italiener oder Franzosen mit der 'alten' Kultur daher, sondern sagen lieber, wie die anderen ihr Land und die Welt ordnen müssten, um heil zu sein - geschlechtsneutrales Formulieren und Datenschutzbeauftragte inklusive. Wir sollten die Darstellung des eigenen kulturellen Erbes im Ausland nicht verplätschern lassen."

Weiteres: "Ein Glück, dass es in diesem Lande wenigstens vernünftige Politiker gibt." Tilman Krause applaudiert  den Stadträten, die den Heine-Preis für Peter Handke verhindert haben. Recht zufrieden resümiert  Stefan Keim die zehnjährige Intendanz von Anna Badora am Düsseldorfer Schauspielhaus, die allerdings ohne die Ausflüge ins Regiegeschäft noch strahlender gewesen wäre. Mariam Lau gratuliert  dem Orientalisten  Bernard Lewis zum neunzigsten Geburtstag. Die Forderung von Lea Rosh (mehr ) und Ralph Giordano (mehr ), die Monumentalstatuen am Berliner Olympiastadion während der WM abzudecken, kritisiert  Rainer Haubrich für ihre "intellektuelle Schlichtheit". Immerhin 29 der "100 Köpfe von morgen"  in der PR-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zu Berlin kommen aus Berlin, lästert  Oliver de Weert.

Im Magazin ist der letzte Teil  von Urs Gehrigers Porträt von Mahmud Ahmadinedschad zu lesen. (Teil 1  und Teil 2 ).

Besprochen werden eine Wolfsburger Ausstellung  zur Beziehung von Architektur und Skulptur, eine Aufführung  von Franco Alfanos Oper "Sakuntala" an der Oper Rom sowie das Album  Nummer 30 mit dem entsprechenden Titel "XXX" der Band Chicago.

Der Standard, 31.05.2006

Das Feuilleton des Standards ist heute ganz der Handke-Debatte gewidmet. Ein Artikel sammelt  empörte Reaktionen von österreichischen Schriftstellern wie Marlene Streeruwitz, Elfriede Jelinek und Robert Menasse.

Außerdem drei Kommentare: Adelheid Wölfl verteidigt  die Entscheidung des Düsseldorfer Stadtrats: "Es geht nicht darum, dass Handke den Preis nicht bekommen soll, weil er sich in die Nähe Milosevics begeben hat, sondern weil er dafür indirekt gelobt wurde."  Cornelia Niedermeier kritisiert  sie: Handkes "streitbarer Irrtum ist allemal mutiger als der Konformismus jener, die ihn wohlfeil verurteilen". Und Burkhard Müller-Ullrich fragt sich , ob die "Geschäfte des Intellekts und der Dichtung" sich einer öffentlichen Preiswürdigung "vielleicht schlechthin entziehen".

Frankfurter Rundschau, 31.05.2006

"Ein Rumor geht um" über Feridun Zaimoglus hochgelobten Roman "Leyla" , meldet  Christoph Schröder. Ausgelöst wurde das Gerücht durch eine "unveröffentlichte und noch nicht fertig gestellte Studie aus dem universitären Bereich, deren Urheber nicht genannt werden möchte". Diese Studie behauptet, es gebe eine "überraschend hohe Übereinstimmung von Motiven und Topoi" in "Leyla" mit dem 1992 erschienenen Roman "Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus" der türkischstämmigen Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar. Beide Bücher sind bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und hatten mit Verlagsleiter Helge Malchow denselben Lektor, der die Ähnlichkeiten als "zirkulierendes kulturelles Kapital" bezeichnet und in einer "gemeinsamen Kulturgeschichte und gemeinsamen Erfahrungen" begründet sieht.

Weitere Artikel: Anlässlich der heutigen Premiere von Heiner Müllers "Quartett" im Schauspiel Frankfurt  spricht  der Schweizer Regisseur Urs Troller über Reiz und Schwierigkeit der Inszenierung dieses Stücks. Harry Nutt feiert  die Einrichtung des Fernsehmuseums , das nach 20 Jahren Vorbereitungszeit nun im Sony-Center am Potsdamer Platz in Berlin eröffnet wurde, als "Glücksfall". Zu lesen  ist ein Resümee des diesjährigen Kunsten-Festival  in Brüssel. Und in Times mager geht  es noch einmal um den Braunbär, der sich als deutsch-österreichischer Grenzgänger profiliert hat und jetzt offenbar "Bruno" heißt.

Besprochen werden Jan Bosses Inszenierung  von Eugene Ionescos "Kahler Sängerin" in Bochum und Bücher, darunter ein Band  mit Briefen des Literaturwissenschaftlers Hans Mayer und Richard Wagners Roman  "Habseligkeiten". (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages  ab 14 Uhr)

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.05.2006

Heinrich Wefing resümiert eine Tutzinger Tagung über Selbstverständnis und mögliche Veränderungen der Goethe-Institute. Niklas Maak unterhält sich mit dem neuen Direktor des Frankfurter Städel, Max Hollein. Und Rose-Maria Gropp schreibt über Pläne und Veränderungen im Haus. In der Leitglosse meditiert Christian Geyer über die zerschlagenen Brillen und blutunterlaufenen Augen Volker Becks und einer Berliner Lehrerin. Henning Ritter gratuliert der Schriftstellerin Gabriele Goettle, die ihre wunderbaren Reportagen ausschließlich in der taz (und in Büchern) veröffentlicht, zum Sechzigsten. Regina Mönch schildert den Fall der Kreuzberger Nürtingen-Schule, die es mit Mitteln der Montessori-Pädagogik schaffte, im Problembezirk Kreuzberg zu einer attraktiven Schule zu werden und darum nun Probleme mit den Behörden bekommt. Andreas Kilb schreibt zum Tod des japanischen Filmregisseurs Shohei Imamura. Jürgen Tietz fürchtet um den Bestand einer architektonisch interessanten ehemaligen Fernmeldekabelfabrik in Berlin. Oliver Jungen gratuliert dem Historiker Joachim Ehlers zum Siebzigsten. Joseph Hanimann resümiert eine Pariser Tagung über die Kulturgeschichte des Fußballs. In der Reihe über Marbacher Archivstücke wirft Sybille Lewitscharoff einen Blick auf zwei Haarlocken Stefan Georges.

Auf der Medienseite beschreibt  Rainer Schulze, wie Microsoft auf die Berichterstattung der Computerzeitschriften Einfluss nimmt. Andreas Kilb schreibt  zur Eröffnung des deutschen Fernsehmuseums in Berlin. Und Dietmar Dath empfiehlt eine Folge von "CSI", die von Quentin Tarantino gedreht wurde. Für die letzte Seite ergeht sich Gina Thomas in Stratford-upon-Avon, sucht nach Spuren Shakespeares, betrachtet bekannte Porträts des Dichters und Inszenierungen seiner Werke, die in der Stadt gastierten. Andreas Rossmann resümiert eine Düsseldorfer Tagung über die Lage der Geisteswissenschaften. Und Vincenzo Velello porträtiert den spanischen Physiker  Ignacio Cirac, der am Max-Planck-Institut in Garching an der Entwicklung von Quantencomputern mitwirkt.

Besprochen wird eine Neuinszenierung von "Cosi fan tutte" in Glyndebourne.