Heute in den Feuilletons "Botox mit Trüffelduft"
Neue Zürcher Zeitung, 10.09.2004
Im Interview spricht der Regisseur Errol Morris über seinen Dokumentarfilm "The Fog of War" , der ein langes Interview mit dem ehemaligen US-Verteidigungsministers Robert McNamara und experimentell aufbereiteten Bildern des Vietnamkriegs mischt. Morris schildert die Achtung, die er seinem Gesprächspartner entgegenbrachte: "Das heißt nicht, dass ich all seine Taten guthieß oder fand, er habe den Lauf der Geschichte positiv beeinflusst. Im Gegenteil. Aber irgendwie war ich gerührt von der Tatsache, dass dieser alte Mann jahrzehntelang den Versuch unternommen hatte, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Nicht dass es ihm leicht gefallen wäre. Sein Zeugnis sprach von inneren Kämpfen, von der enormen Schwierigkeit, die Vergangenheit und seine Rolle darin zu akzeptieren." Zum Gespräch mit Morris gehört eine Kritik von Christoph Egger.
Außerdem auf der Filmseite eine kurze Besprechung des Anwaltsfilms "Laws of Attraction" von Peter Howitt.
Im Feuilleton beschreibt Joachim Güntner die vom Feuer versehrte Anna-Amalia-Bibliothek : "Die Dielen des Fußbodens wölben sich, denn das Füllmaterial darunter, Sägespäne, ist aufgequollen. Die zweite Galerie existiert nicht mehr, die zu ihr führende Treppe endet nach der siebten Stufe im Nichts." Schlimmster Verlust sind - wie Güntner von Direktor Knoche erfahren hat - die verbrannten Noten zu Goethes Singspiel "Das Jahrmarktsfest zu Plundersheim".
Weitere Artikel: Paul Jandl meldet , dass die Stadt Wien ihre Ehrengräber prüft. Besprochen werden eine Werkschau des Architekten Renzo Piano in Genua, die Inszenierung von "Nathan der Weise" im Wiener Burgtheater ("Ein Graus", so Barbara Villiger-Heilig), ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Valery Gergiev beim Lucerne Festival (gegeben wurde unter anderem Tschaikowskys Sechste, "aber schon in der Mitte des Satzes hatte der Dirigent die Kontrolle, hauptsächlich die über sich selber, verloren", so ein entsetzter Peter Hagmann) sowie die Aufführung der Oper "Hanjo" von Toshio Hosokawa in Brüssel.
Auf der Medienseite
setzt sich der Anwalt Peter Studer mit der kniffligen Frage auseinander, wer letztlich den Wortlaut von Interviews bestimmen darf und kommt dabei auch auf die in Deutschland übliche Prozedur des "Autorisierens" von Interviews zu sprechen. Und "ras." bezweifelt die Lauterkeit all jener Medien in Deutschland ("von edelgrauen bis kunterbunten Produkten"), die sich gegen das Caroline-Urteil wenden. Ferner finden wir eine Meldung , wonach Silvio Berlusconi die RAI zum Teil privatisieren will, und eine weitere Meldung über einen geplanten englischsprachigen Dienst des arabischen Satellitensenders al-Jazira.
Die Tageszeitung, 10.09.2004
Der tunesische Regisseur Nouri Bouzid spricht im Interview über "Puppen aus Ton", so heißt sein Film über die in seinem Land allgegenwärtigen Hausmädchen, die so genannten Bonnes: "Als ich jung war, war die Hausangestellte diejenige, mit der wir unsere ersten sexuellen Erfahrungen machten, denn wir waren im gleichen Alter. Als meine Frau eine Hausangestellte wollte, sagte ich: Hör zu, wenn du eine Bonne nimmst, lege ich mich nachts zu ihr. Wir Tunesier haben alle diese Fantasien, sie hat mit unserem Erwachsenwerden zu tun. Die Gegenwart der Haushälterin als Körper, der uns zur Verfügung steht - das ist das Paradies für ein Kind ... Ich wollte eine Geschichte aus der Sicht der Hausangestellten drehen und darüber, wie der Markt mit den Mädchen läuft. Und über Frauen, die sich diesem System verweigern. Ich zeige immer Personen, die rebellieren, die mit der herrschenden Ordnung brechen. Das sind gebrochene, moderne Charaktere. Aber in Tunesien, in den arabischen Ländern allgemein gibt es die Obsession, alles zu kaschieren. Ich glaube, das ist ein ganz grundlegender Zug der Muslime."
Weitere Artikel: Guido Kirsten berichtet von der Vorstellung des Dokumentarfilmes "Disbelief" von Andrei Nekrasov in der Berliner Akademie der Künste . Auf der Meinungsseite unterhält sich Philipp Gessler mit dem Geschäftsführer des American Jewish Committee (AJC) David A. Harris über selbstbewusstes Lobbying.
Besprochen werden Harald Peters DDR-Komödie "Kleinruppin Forever" . Christina Nord mag Wim Wenders "Land of Plenty" nicht, in dem sie trotz Anstrengung die "Schönheit und Modernität nicht entdecken" kann, so dass es "in keinem Augenblick etwas anderes als ein Pflichttermin ist". Tobias Rapp widmet sich drei neuen Soulalben: Paul Wellers "Studio 150", Roy Ayers ' "Mahogany Vibe", bei dem die Rhythmen " den nötigen Platz zur fluffigen Entfaltung" haben und zuletzt Jill Scotts "Beautifully Human", das "gerade eine der schönsten Platten des Nouveau Soul" ist.
Einen Paradigmenwechsel im Hiphop konstatiert Tobias Kniebe, nachdem er Videos zu den zwei neuen CDs von Nelly gesehen hat: Hier zeige sich eine "symbolische Abkehr vom fröhlichen Swingertum, die den HipHop gleich insgesamt erfasst zu haben scheint. Das klassische Zuhälter-Modell 'Pimp', das bisher alle Selbststilisierung bestimmte, weicht immer mehr dem neuen, verantwortungsbewussten Modell 'Pate'. Und zwar, ganz recht, nach dem Vorbild Marlon Brando, der bei Coppola ja auch ein Familienmensch war. Der Pate nun kann nicht einfach eine beliebige Schnepfe an seiner Seite haben, er braucht eine echte Queen, mit eigenem Kopf und eigenem Selbstbewusstsein. P. Diddy hat es mit Jennifer Lopez vergeblich versucht, Jay-Z, der frühere Superpimp, ist mit Beyonce Knowles schon erfolgreicher. Jay-Z, von den lästigen Pflichten des Musikmachens entbunden, und Knowles repräsentieren inzwischen wie ein Königspaar - eindrucksvoll zu sehen bei den MTV Awards, wo er mit weißem Anzug und Hut erschien."
Da dachte man, das Sommerloch ist endlich vorbei, da kramen sie diese alte Klamotte noch mal hervor: Es gibt einen neuen Aufruf , eine Quote für den deutschen Pop im Radio einzurichten. Die SZ druckt ein Pro von Antje Vollmer: Nur eine Quote "garantiert dem Publikum die Wahlfreiheit, sich überhaupt informieren zu können, was es gibt", und ein Contra von Johannes Grotzky, dem Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks: "... deutsche Liedtexte, die ich erhielt, habe ich im Rundfunkrat verlesen. Man kam zum Schluss: So was darf nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesendet werden. Die Texte waren politisch angreifbar oder gingen weit unter die Gürtellinie." Johannes Willms stellt die Quotenregelung in Frankreich vor, und Karl Bruckmaier zählt zehn Gründe gegen eine Quote auf.
Weitere Artikel: Marcus Jauer war dabei, als Andrej Nekrassow seinen Film "Nedowerije" in der Berliner Akademie der Künste vorstellte: Nekrassow geht dem Verdacht nach, den Anschlag auf ein russisches Wohnhaus am 9. September 1999 habe der russische Geheimdienst verübt, um einen Vorwand für den Einmarsch in Tschetschenien zu haben. Andrian Kreye hat eine Pressekonferenz von Daniel Libeskind besucht und wundert sich über den Gleichmut, mit dem der Architekt den Kompromiss über die Neubebauung von Ground Zero trägt. Susan Vahabzadeh schreibt aus Venedig über Filme von Wim Wenders, Gianni Amelio, Marziyeh Meshkini und Gregory Jacobs. Thomas Becker hat mit der Xbox-Spielekonsole den Fifa Worldcup 2005 ausprobiert. Robin Detje stellt das Jahrbuch 2004 von Theater heute vor. Thomas Steinfeld warnt die Germanisten vor einer Flucht in Identitätsparolen. Burkhard Müller erklärt uns, warum Geiselnehmer den Staat so wirkungsvoll vorführen können. Jürgen Berger stellt einen etwas ideenlos wirkenden Frank Hartmann als neuen Intendanten der Ruhrfestspiele vor.
Besprochen werden Lukas Hemblebs Inszenierung des Nathan am Wiener Burgtheater ("Seine Inszenierung ... ist von einer solchen Ehrfurcht getragen, dass sie in edler und gewissenhafter Pflichtübung erstarrt", schreibt Christine Dössel), eine Ausstellung von Werken aus dem Folkwang-Museum in der Münchner Hypo-Kunsthalle und Bücher, darunter Bodo Kirchhoffs Roman "Wo das Meer beginnt" sowie Bücher von und über Schelling (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Frankfurter Rundschau, 10.09.2004
Ursula März denkt über Bilder leidender Kinder nach, betrachtet einen Band mit Fotos von Pulitzer-Preisträgern, um dann bei den Bildern von Beslan eine Unerträglichkeit festzustellen, "die auf dem Eindruck der Strategie des Effekts beruht. Es ist der Eindruck angestrebten ikonografischen Terrors. Er zielt auf die Dokumentation der Aktion. Er zielt auf die Überbietung existierender Bilder und Bildsujets, wobei die Kinder die Rolle von Bildstatisten einnehmen. Und er zielt indirekt auch darauf, der Welt die reflektierende Beschäftigung mit dieser sadistischen Strategie zu erschweren - weil es eine berechtigte Scheu, ja eine Art Tabu gibt, sich mit den formalen Aspekten ein paar Tage alter Bilder zu beschäftigen, die erschossene, verwundete, blutüberströmte, traumatisierte Kinder zeigen."
Daniel Kothenschulte unterhält sich mit M. Night Shyamalan, dem Regisseur von "The Village" , der auch ein paar Worte über Michael Moore verliert: "Michael Moore erinnert mich ein bisschen an den Typ, der im Wilden Westen die Wundermittel verkaufte: Ich habe die Kur gegen Ihre Glatze! Ich lasse Ihre Haare wieder wachsen! Er hat viel davon in seiner Stimme, was mich sehr gut unterhält. Dabei ist er zugleich ein kluger Mann, der über wichtige Sachen redet. "
Weitere Artikel: Peter Michalzik kommentiert die Wahl des "Theaters des Jahres" durch das Magazin Theater heute , die in diesem Jahr auf das "Hebbel-Theater am Ufer" (HAU ) gefallen ist. Harry Nutt liest das September-Doppelheft des Merkur, das sich provokant mit dem Thema des Ressentiments auseinandersetzt. Theresa Valtin schickt Notizen vom Festival in Edinburgh . Anatolij Koroljow erzählt eine Episode aus dem Leben Dmitrij Schostakowitschs, dem einst im Traum ein alter Mann erschien um Voraussagen zu machen und der daraufhin eine Oper nach Tschechows ähnlich gelagerter Novelle "Der schwarze Mönch" schreiben wollte. Und in Times mager
nutzt Hans-Jürgen Linke den 30. Geburtstag der Jungen Deutschen Philharmonie zu einer Meditation über den Reformbedarf in unserem Konzertbetrieb.
Gemeldet wird, dass Ulla Unseld-Berkewicz die ramponierte Anna-Amalia Bibliothek mit dem Gesamtprogramm der Verlage Suhrkamp, Insel und der Deutschen Klassiker-Bibliothek beschenkt.
Auf den Kulturseiten spricht Gregor Dotzauer mit dem amerikanischen Schriftsteller Jonathan Safran Foer über politische Ängste und wie sie in den USA geschürt werden: "9/11 war ein trauriges Ereignis, aber es war nicht einzigartig. So etwas geschieht immer wieder, bekommt aber nicht so viel Aufmerksamkeit. Ich glaube eher, dass George Bush viele Menschen in politische Angst versetzte. Meine Generation war lange keinem Krieg ausgesetzt. Unter Soldaten stellte ich mir Leute vor, die mit den besten Absichten nach Ruanda oder Bosnien einmarschieren - nur meistens zu spät. Die letzten drei Jahre haben uns in dieser Hinsicht desillusioniert. Es geht nicht darum, die Zivilbevölkerung zu schützen, sondern militärische Übungen durchzuführen, die viele zivile Tote zur Folge haben. 9/11 war der Wendepunkt für diese Veränderung".
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2004
Die Schriftstellerin A.L. Kennedy erzählt, wie sie, die Calvinistin, sich einmal beinahe amüsiert hätte, beim Baden auf Sylt, in jenem "exklusiven Gebiet", wo die einzige Bademode aus "unerschwinglichen Sonnenbrillen und, besonders verstörend, Designerhaut" besteht: "Hier lagen Nackte, die, wie wir sehen konnten, ohne mit der Wimper zu zucken, das Bruttosozialprodukt von Ecuador für Botox mit Trüffelduft ausgeben würden - wenn sie überhaupt noch mit einer Wimper zucken konnten. Sie waren nicht nur nackt, sie waren enthüllt. Ehefrauen räkelten sich kunstvoll und stellten ihren Schambewuchs zur Schau. Ehemänner standen besitzerstolz daneben: die Hüfte mit einer Entschlossenheit nach vorn gereckt, als erwarteten sie jeden Moment, ein Silbertablett unter ihre prachtvollen Genitalien gestellt zu bekommen. Gebräunte Schenkel zeigten die Farbe eingeölten Teaks, Ellbogen knarrten leise wie feinstes Ziegenleder, und jeder einzelne reiche, nackte Körper war von einer Aura der Selbstgewissheit und Zufriedenheit umgeben, die sämtliche Füllungen meiner Backenzähne vibrieren ließ."
Michael Althen berichtet aus Venedig recht skeptisch über Wim Wenders neuen Film "Land of Plenty" , offfensichtlich einer Art Parabel über den Krieg gegen den Terror: "Wo sich früher bei Wenders die großen Themen wie beiläufig aus der Erzählung herausgeschält haben, da geht er seit einiger Zeit den umgekehrten Weg: Er versucht seine Anliegen in Erzählung zu verwandeln."
Weiteres: Gerhard Stadelmaier hat an der Wiener Burg die "erste Untat der neuen Saison" erlebt : Klaus Maria Brandauer als Nathan: "Er macht sich in einem schamlosen schmieranten Akt selber zum Götzen. Startheater als Gotteslästerung, feist, fett und selbstgefällig."
Heinrich Wefing berichtet, wie schwer sich das Goethe-Institut dabei tut, zu sparen und gleichzeitig Mittel nach Osteuropa zu lenken, wo immerhin zwei Drittel jener Menschen leben, die Deutsch lernen wollen. Ganze acht Jahre sind für die nun angedachte Kontinentalverschiebung (von zehn Prozent der Gelder) eingeplant. In der Leitglosse konstatiert Christian Geyer die Unfähigkeit der Menschenwürde, übertrieben zu werden. Jordan Mejias prophezeit revolutionäre Veränderung in künftigen Wahlkämpfen durch das Internet und solcher Wählerinitiativen wie MoveOn : "Nur zu sagen, das Fernsehen werde demnächst vom Internet abgelöst, gäbe jedoch eine allzu vage und verengte Vorstellung von den Umwälzungen, die zumindest denkbar sind." Hannes Hintermeier porträtiert Lothar Menne, der für Bild und Weltbild nun die "Bild-Bestseller-Bibliothek" herausgeben soll. Im update erzählt Andreas Kilb von Andrei Nekrasows Film "Disbelief".
Auf der Medienseite wird gemeldet, dass Le Monde weitere hundert Mitarbeiter entlässt.
Besprochen werden der Frankfurter Saison-Auftakt an der Alten Oper mit der Jungen Deutschen Philharmonie , und Bücher, darunter Barbara Honigmanns "Ein Kapitel aus meinem Leben" und Lutz Rathenows Prosastücke "Fortsetzung folgt" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).