Heute in den Feuilletons: "Ein verhängnisvolles Interview" - DER SPIEGEL
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Heute in den Feuilletons "Ein verhängnisvolles Interview"

Die "NZZ" beobachtet: Der Niedergang Italiens manifestiert sich auch in einem konfusen Defätismus der Intellektuellen. "Der Tagesspiegel" und der Fall der türkischen Anwältin Eren Keskin, die wegen eines Tagesspiegel-Interviews in der Türkei verurteilt wurde. Die "SZ" fragt: Warum sind so viele österreichische Filmregisseure so berühmt?
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Neue Zürcher Zeitung, 22.03.2008

Der viel beklagte Niedergang Italiens zeigt sich nicht nur in der Politik, sondern auch in den konfusen und defätistischen Haltung der Intellektuellen, die kaum noch etwas zum baldigen dritten Wahlsieg Berlusconis zu sagen wissen, berichtet  Franz Haas. Ein Beispiel: "Giorgio Agamben kennt keine Parteien mehr und erklärt unter krausen philosophischen Verrenkungen, was 'meine und übrigens auch Foucaults Untersuchungen beweisen', dass heutzutage sowieso 'nicht mehr die Herrschaft, sondern die Regierung, nicht mehr Gott, sondern der Engel' das wahre Geheimnis seien. Auf die Frage, ob sich der Klerus nicht zu viel in die Politik einmische, antwortet er seinen verblüfften Interviewpartnern, dass das Gegenteil der Fall sei, dass sich die Kirche noch mehr gegen die 'tägliche Schmach, die Ungerechtigkeit und die Armut' einsetzen sollte."

Weitere Artikel: Marc Zitzmann geht  neuen Informationen über die Todesumstände Antoine de Saint-Exuperys nach. Der irische Autor John Banville liefert eine feuilletonistische Antwort auf die offensichtlich in Serie gestellte Frage: "Was ist schweizerisch". Thomas David schreibt  zum Tod des Schauspielers Paul Scofield. Und Thomas Leuchtenmüller schreibt  zum Tod des Schriftstellers Arthur C. Clarke.

Besprochen werden Produktionen  aus Wagners "Ring" in Salzburg und Hamburg und eine DVD-Box mit dem Oeuvre Jacques Rivettes.

Die Beilage Literatur und Kunst bringt eine Reihe von Erinnerungen mehr oder weniger bekannter Autoren an ihre Lehrer oder ihre eigene Lehrertätigkeit (hier  Martin Meyers Editorial). Es schreiben zum Beispiel Bora Cosic (hier), David Albahari (hier), Peter Zumthor (hier), Peter von Matt (hier), Said (hier), Hermann Lübbe (hier), Andrea Köhler (hier), Angela Schader (hier), Andras Schiff (hier), Sibylle Berg (hier), Georg Klein (hier).

Der Tagesspiegel, 22.03.2008

Zu einem halben Jahr Gefängnis ist die türkische Anwältin  Eren Keskin verurteilt worden, die in einem Interview  mit dem Tagesspiegel den zu großen Einfluss des Militärs auf den zivilen Staat kritisiert hatte. Lorenz Maroldt stellt klar : "Das Urteil gegen die Menschenrechtlerin Keskin ist, bei aller gerechten Empörung, kein Vergehen der türkischen Regierung oder gar der Türkei, sondern ein Skandal der dortigen Justiz. Das zu trennen, gehört zur Grundlage unseres rechtsstaatlichen Verständnisses und entspricht auch der Lage in der Türkei... Der Strafrechtsparagraf 301, auf den sich das Gericht bei der Verurteilung Eren Keskins bezog, soll das Türkentum schützen, aber auch die Kritik am Staat. Es ist also nicht die Türkei als solche das Problem, sondern deren Justiz, und auch nicht ein bestimmtes Gesetz, sondern dessen sinnwidrige Anwendung."

Süddeutsche Zeitung, 22.03.2008

Wie es sein kann, dass die "Zwergenwirtschaft" der österreichischen Filmproduktion so viele international anerkannte Regisseurinnen und Regisseure - von Barbara Albert  bis Michael Haneke  und Ulrich Seidl  - hervorbringt, fragt sich Susan Vahabzadeh: "Seidl verweist aufs literarische Erbe, 'ich habe vielleicht etwas mit Thomas Bernhard zu tun und Michael Haneke mit Elfriede Jelinek. Wir kehren in Österreich eben auch gern unter den Teppich.' Das Verhältnis zum Anschluss beispielsweise, Österreich als Opfer der Nazis. 'Vielleicht ist das so, dass in einer Gesellschaft, die zu verdecken versucht, in der Kunst ein besonderer Widerstand entsteht, der das in Frage stellen will. Druck erzeugt Gegendruck.'"

Weitere Artikel: Sonja Zekri informiert über erste "juristische Attacken" gegen die bislang noch unzensierte russische Internet- und Bloggerszene. Gar nicht recht sind der Staatsmacht solche Videos wie über einen betrunkenen Soldaten  im Panzer. Gustav Seibt denkt darüber nach, was ein Klassiker ist und erinnert an den Ostertag des Jahres 1808, in dem Goethes "Faust I" erschien: "Seit Ostern 1808 ist Goethe der größte Schriftsteller der deutschen Literatur." Thomas Urban vermeldet die Empörung der polnischen recht über die nun unter dem Stichwort "Sichtbares Zeichen" beschlossene Dauerausstellung zur Vertreibung. Alexander Menden schreibt zum Tod des britischen Schauspielers Paul Scofield. Auf der Literaturseite finden sich Besprechungen unter anderem zu Deborah Eisenbergs Erzählungen "Rache der Dinosaurier" und Michael Wolffsohns Religionsvergleich "Juden und Christen - ungleiche Geschwister" (mehr dazu in der Bücherschau  des Tages ab 14 Uhr).

Besprochen werden Frank Castorfs Volksbühnen-Inszenierungen der linksradikalen Stücke "Mauser" von Heiner Müller und "Die Maßnahme" von Bertolt Brecht (Peter Laudenbach notiert: "Der Zynismus, mit dem Castorf vorführt, dass ihm inzwischen alles egal ist, hat etwas Abstoßendes"), Philipp Stölzls Baseler Inszenierung von Charles Gounods "Faust" und Jette Steckels Wiener Uraufführung von Philipp Löhles Stück ""Die Kaperer oder reiß nieder das Haus und erbaue ein Schiff".

Im Aufmacher der SZ am Wochenende rechnet Andreas Zielcke angesichts der aktuellen Weltmarktturbulenzen mit dem Kapitalismus ab. Christiane Wirtz stellt die Fotografin Vardi Kahana vor, die in einer gerade in einer Ausstellung das Leben ihrer Familie seit Auschwitz dokumentiert. Auf dem Obersalzberg hat Christian Mayer Heidi Klums Ehemann Seal getroffen. Auf der Historienseite geht es um deutsche Mystikerinnen, vorabgedruckt wird Wolfgang Hildesheimers 1960 für den Rundfunk geschriebene Erzählung "Hier stehe ich und kann nicht anders" und im Interview spricht der Musiker  Holger Czukay ("Can") über "Lärm".

Berliner Zeitung, 22.03.2008

Christian Esch war  bei einem bewegenden Abend im Zentralen Haus des Literaten in Moskau zugegen, als Andrzej Wajda seinen Film über "Katyn"  zeigte. Offiziell wird das Verbrechen an den 20.000 polnischen Offizieren nicht mehr geleugnet, schreibt Esch, es passt bloß schlecht in Russlands historisches Selbstverständnis: " Die im Zentralen Haus des Literaten Versammelten sind anderer Meinung. Es fließen Tränen. Hier will man historische Schuld zu Tage fördern und fühlen, und man tut das noch nicht so routiniert wie in Deutschland. Erst tritt der Filmregisseur  Alexej Simonow auf und rezitiert Alexander Twardowskis Gedicht über die Schuld der Überlebenden, dann erhebt sich der Saal zum nunmehr dritten Mal für den hohen Gast, und schließlich bricht der alten Dissidentin  Ljudmila Alexejewa ganz die Stimme. Die Hand auf Wajdas Hand gelegt, dankt sie ihm für die Scham über die Sowjetverbrechen, die er geschenkt habe - erst mit seinem Film 'Der Kanal' über den Warschauer Aufstand von 1944, dann mit diesem Film. Eine spontane Schweigeminute für die Opfer - zu denen auch Wajdas Vater zählt - folgt."

Frankfurter Rundschau, 22.03.2008

Stefan Keim feiert  die wortarme, choreografische Weimarer "Faust II"-Inszenierung Laurent Chetouanes als skulpturales Ereignis: "Faust und Mephisto kommen kaum noch vor in Chetouanes Inszenierung. Die Texte sind weitgehend frei verteilt, das Stück erscheint als das riesige Gedicht, das es ist. Das Publikum nimmt die Rolle von Faust und Mephisto ein und wandert durch eine absurde, faszinierende Welt voller Kriege, Mythen und wissenschaftlicher Hybris. Diese Aufführung ist mehr ein Essay als eine klassische Regiearbeit. Laurent Chetouane hat eine ganz eigene Theaterform entwickelt, die von den Zuschauern Offenheit, Konzentration und ein bisschen Leidensfähigkeit erfordert. Wer dazu bereit ist, erlebt einen großartigen Abend."

Weitere Artikel: In ihrer USA-Kolumne berichtet  Marcia Pally, wie das Thema Rassismus jetzt doch noch in den Vorwahlkampf der Demokraten geriet. Christian Thomas widmet  dem Athener Akropolismuseum, das jetzt in Berlin für sich Werbung machte, eine Times Mager.

Besprochen weren die neue "B 52"-CD  "Funplex", das Musical  "Miami Nights" in der Frankfurter Alten Oper, die Kasseler  Ausstellung  "König Lustik, Jerome Bonaparte und der Modellstaat Königreich Westphalen", und Claudia Maurer Zencks Buch  "Cosi Fan Tutte" (mehr dazu in der Bücherschau  des Tages ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 22.03.2008

Heute gibt es - das dritte Mal in der Geschichte der Zeitung, erfahren wir - eine Interview-taz. Zum ausführlichen Gespräch wurden unter anderem gebeten die einstige Volksbühnen-Dramaturgin  Stefanie Carp, der Soziologe  Jean-Claude Kaufmann, die von RTL zum ZDF wechselnde Reporterin  Antonia Rados, der Leiter  des Bundeskanzleramts Thomas de Maiziere und der Schauspieler Martin Wuttke, der über seine neue Rolle als "Tatort"-Kommisar meint : "Mich hat das Serielle gereizt. Anders als in einem Spielfilm geht es bei der Serie nicht darum, eine Figur über eine geschlossene Geschichte zu erzählen. Dieser Kommissar wird immer wieder in ganz verschiedenen Situationen auftauchen, in denen man ihn vielleicht erst kennenlernt."

Besprochen werden Frank Castorfs Überblendung  von Brechts "Maßnahme" mit Heiner Müllers "Mauser" an der Berliner Volksbühne und diverse CDs  mit avantgardistischer Musik. Auf den Berlin-Seiten gibt  es eine kleine Winterszene von Detlef Kuhlbrodt.

In der zweiten taz denkt  Ulrich Fuchs grundsätzlich über Kapitalismus und Fußball nach - und zwar anlässlich des Retortenvereins TSG Hoffenheim, der jetzt, mit viel Geld von SAP-Milliardär Dietmar Hopp im Rücken, zum Sprung in die Erste Liga ansetzt.

Und schließlich gibt es noch ein Interview  mit dem China-Korrespondenten Georg Blume über seine Arbeit und Ausweisung aus Tibet.

Und Tom .

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2008

Mark Siemons macht manipulative Berichterstattung westlicher Medien zum Thema Tibet aus, aber er beobachtet zugleich, dass "die chinesische Regierung danach nichts Eiligeres zu tun hatte, als das desaströse Urteil, das sich der Westen in diesem Fall vorauseilend von ihr gemacht hatte, nachträglich zu bestätigen. Mit einer martialischen Sprache ('Volkskrieg'), mit waffenklirrenden massiven Militäraufmärschen, mit kurzen Schauprozessen im Fernsehen, vor allem aber mit der rigorosen Medienabschottung liefert das Regime eine fast schon absurde Karikatur seiner selbst."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel beteuert  in der Leitglosse zum 200. Erscheinungsdatum des "Faust", dass Goethe uns noch viel zu sagen hat. Jürg Altwegg meldet, dass eine Gruppe französischer Intellektueller um Bernard-Henri Levy und Andre Glucksmann wegen Tibet zum Boykott der Olympiade aufruft. Jürgen Dollase besucht für seine Gastro-Kolumne das Restaurant  Perbellini bei Verona. Gina Thomas schreibt zum 70. Geburtstag des Holocaustleugners David Irving. Eduard Beaucamp gratuliert dem Maler Klaus Fußmann zum ebensovielten.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um die Wiederentdeckung der Matthäus-Passion des wegen seines Erfolgs unter den Nazis weithin geschnittenen Komponisten Ernst Pepping, um die Band Los Companeros und um den Elektrokünstler  Sascha Funke. Auf der letzten Seite schreibt der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt anlassbedingt über "Das Selbstopfer".

Besprochen werden eine Ausstellung mit den Zeichnungen Matthias Grünewalds in Berlin, eine von Frank Castorf besorgte Brecht- und Müller-Montage an der Berliner Volksbühne, erste Ereignisse der Salzburger Osterfestspiele, eine Ausstellung des Architekturvisionärs Yona Friedman in Frankfurt  und ein Auftritt  des Popsängers James Blunt in Köln.

Für Bilder und Zeiten hat die Tiermalerin Anita Albus einen sehr hübschen Text über die Findelvögel geschrieben, die sie in ihrem Landhaus bei Dijon mit mütterlicher Liebe aufzieht: "Man kann es fühlen, wenn man so einen Winzling in der Hand hält, wie wild sein kleines Herz pocht, und kann sich vorstellen, wie schrecklich es sein muss, von einer Riesin umklammert und zwangsernährt zu werden."

Außerdem porträtiert Wolfgang Schneider den Autor, Kabarettisten und Schauspieler  Steffen Möller, der in einer polnischen Serie als deutscher Bauer berühmt wurde und nun auf dem deutschen Buchmarkt mit seinem Polenporträt "Viva Piolonia" Erfolge feiert. Verena Lueken erinnert an den Filmregisseur David Lean, der in diesen Tagen hundert würde. Auf der Literaturseite geht's um eine von Rudolf Borchart zusammengestellte und nun wieder herausgebrachte Anthologie mit Renaissance-Lyrik und um den neuen Roman von T.C. Boyle. Auf der letzten Seite unterhält sich  Marco Schmidt mit dem Fimregisseur Milos Forman.

In der Frankfurter Anthologie stellt Sandra Kerschbaumer ein Gedicht Robert Gernhardts vor - "Kant:

Eines Tages geschah es Kant,
dass er keine Worte fand..."