Heute in den Feuilletons: "Hey-ho, es wird Frühling!" - DER SPIEGEL
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Heute in den Feuilletons "Hey-ho, es wird Frühling!"

In der "FR" erklärt Romancier Alfred Neven-Dumont, warum er nebenbei noch Zeitungen macht. Die "taz" räumt mit Mythen des Internets auf. In der "Welt" fordert Grand Master Flash mehr Respekt vor alten Werten.
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Frankfurter Rundschau, 20.03.2009

Alfred Neven-Dumont, Verleger der FR und neuerdings auch der Berliner Zeitung, hat einen Roman geschrieben: "Reise zu Lena" . Heute erscheint in der FR das Haupt- und Staats-Interview , das sich aber (schon dank des Interviewers Arno Widmann) recht kurzweilig liest. Eine "schreckliche Altersneugier" treibe ihn, sagt Neven-Dumont, und spricht dann auch mehr über die Zeitungen als über den Roman: "Ich möchte ein neues Leben, nicht nur das alte führen. Da ist eine neue Zeitung oder gar ein paar neue Zeitungen genau das Richtige. Ich bin ja ein leidenschaftlicher Zeitungsmann und sehe natürlich den Niedergang der Zeitung und glaube, dass man sich gerade deswegen jetzt um notleidende Kinder kümmern muss. Mein Sohn meinte völlig zu Recht: Ob man zwei, drei oder vier Zeitungen hat - das Problem bleibt dasselbe. Gut, sagten wir: Dann kaufen wir das eben noch dazu."

Krise? Hat noch nicht mal angefangen, meint  der Wirtschaftshistoriker  Niall Ferguson: "Wirtschaftliche Instabilität, ethnische Konflikte und zerfallende Großreiche - eine in der Geopolitik absolut tödliche Kombination. Alle drei Bedingungen sind inzwischen erfüllt. Das Zeitalter des Aufruhrs hat begonnen. Meine Achse des Aufruhrs:
1. Demokratische Republik Kongo
2. Simbabwe
3. Somalia
4. Israel (Gaza)
5. Irak
6. Iran
7. Afghanistan
8. Thailand
9. Ukraine"

Weitere Artikel: Harry Nutt schreibt  zum Tod von Gertrud Fussenegger. Besprochen werden Bücher, darunter Olga Tokarczuks neuer Roman  "Unrast" (Leseprobe ).

Neue Zürcher Zeitung, 20.03.2009

Andrea Köhler hat  in new York den Schriftsteller Michael Greenberg getroffen, der in seinem Buch "Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde" von der psychischen Erkrankung seiner Tochter erzählt: "Greenberg ist ein schmaler und lebhafter Mann Mitte fünfzig, der zu der Selbstbeschreibung im Buch recht gut zu passen scheint. Sally, die nächtelang Shakespeares Sonette mit Kommentaren versieht und ihre Tagebücher mit bizarr schönen Hieroglyphen füllt, versteht die unterirdische Verbindung zwischen ihren beiden poetisch geprägten Wahrnehmungsschärfen genau. 'Ich glaubte allen Ernstes, dass meine Visionen dich zermalmen würden', sagt Sally, nachdem sie aus dem Wellental des Wahns wieder aufgetaucht ist. 'Ich bin von Sallys Wahnsinn im doppelten Sinne des Wortes betäubt: berauscht und vergiftet', schrieb der Vater seinerzeit ins Notizbuch."

Weiteres: Anlässlich von Pedro Almodovars neuem Films "Los abrazos rotos" freut sich  Brigitte Kramer über die Wiederentdeckung der männlichen Seele. Martin Schäfer ist  auf der Suche nach dem wahren Blues. Susanne Ostwald schreibt  zum Tod der Schauspielerin Natasha Richardson, die den Verletzungen eines Skiunfalls erlag . Roman Bucheli liefert  den Nachruf auf die österreichische Autorin Gertrud Fussenegger.

Besprochen werden eine Ausstellung über portugiesische Architektur in der Berliner Galerie Aedes  und eine Aufführung  von Bachs Matthäus-Passion in Zürich.

Auf der Medienseite berichtet  Usahma Darrah, wie das arabische Fernsehen einem jungen Publikum den modernen Islam näherbringen möchte - mit muslimischen "TV-Scheichs" wie Ahmad ash-Shukairi: "Als gutaussehender, sportlicher 35-Jähriger verbindet Shukairi anscheinend mühelos religiöse Glaubwürdigkeit mit weltlich-ausgelassenem Humor. Der Absolvent einer Wirtschaftsschule in den USA nennt den Islam manchmal 'ein exzellentes Produkt, das eine bessere Verpackung braucht'."

Heribert Seifert kritisiert  die einseitige mediale Wahrnehmung der Studie über die angeblich zunehmende Ausländerfeindlichkeit unter Jugendlichen. Die Studie handle von Jugendgewalt im Allgemeinen (im Netz als Volltext nachzulesen hier ), doch nach dem Motto "Bad news are good news" hätten sich die Medien auf das Thema Rechtsextremismus gestürzt und so für eine grobe Verzerrung gesorgt.

Die Tageszeitung, 20.03.2009

Das Schlagwort "Open access" klinge gut, doch auf dem Spiel stehe nicht weniger als die Bewahrung des Wissens unserer Gesellschaft meint  Rudolf Walther, der in einem Artikel dem kursierenden "Schwindel" von der Demokratisierung des Wissens zum Nulltarif auf den Grund gehen möchte. Neben Problemen wie Erpressung und Entrechtung von Autoren und der technischen Halbwerts- und Verfügungszeit des derzeit gespeicherten Wissens stimme noch nicht einmal das Versprechen, auch der Zugang zur Wissenschaft sei gegenüber gedruckten Lexika und Publikationen billiger. Das habe der Philologe Uwe Jochum nachgerechnet: "Im Jahr 2005 kostete es die Universität Yale noch 4.648 Dollar, ihren Forschern einen einzigen Artikel aus einer digital erscheinenden hochspezialisierten biomedizinischen Zeitschrift zugänglich zu machen. Ein Jahr später verlangten die Quasi-Monopolisten 31.625 Dollar pro Artikel. Das entspricht dem Gegenwert von etwa sieben Jahresabonnements für konventionell gedruckte biomedizinische Zeitschriften. Billiger ist 'Open access' also mitnichten - nur schneller. Es wird jedoch verschleiert, wer die Beschleunigung bezahlt. In Yale war es die reiche private Stiftung, hierzulande wären es die Steuerzahler, die Bibliotheken finanzieren."

In einem Gespräch berichtet  die iranische Künstlerin Simin Keramati, deren Arbeiten gerade im Rahmen des Iranfestivals  in Karlsruhe gezeigt werden, über den "ewigen Kampf" in einem Land, das von Zensur, aber auch von Männern dominiert wird.

Besprochen  werden CDs von DJ Koze , Omar S  und DJ/Rupture & Andy Moor . Und in tazzwei spricht  eine deutsche Diplompsychologin über ihre Arbeitserfahrungen in der Schweiz und die kulturellen Unterschiede zwischen Schweizern und Deutschen.

Hier  Tom.

Die Welt, 20.03.2009

Kunst war immer schon "vor allem eins: Broterwerb", lernt  Uta Baier in der großen Niederländer-Ausstellung "Der Meister von Flemalle und Rogier van der Weyden" in der Berliner Gemäldegalerie: "Wenn schnell viel Geld für Brot verdient werden musste, wurden Bilder einfach aus vorhandenen Figuren nach einem bereits erprobten Schema zusammengesetzt. Manchmal funktionierte das, manchmal nicht. So fasst Johannes der am Kreuz zusammenbrechenden Maria auf einem Kreuzigungs-Triptychon aus Bern (dem so genannten Abegg-Triptychon ) aus der Werkstatt Rogier van der Weydens nicht helfend unter den Arm, sondern direkt an den Busen. Das passiert, wenn Figuren in einer Werkstatt kopiert und mehrmals verwendet werden."

Weitere Artikel: "Mehr Respekt vor alten Werten", fordert  Grand Master Flash im Interview mit Sascha Krüger von der Jugend von heute, die sich nur noch für Frauen und dicke Autos interessiert, aber nicht mehr für die Straße und den DJ. Frank Weigand berichtet  von Protesten gegen ein Stück der israelischen Autorin Yael Ronen an der Berliner Schaubühne: Isaak Behar, der Gemeindeälteste der Jüdischen Gemeinde Berlin, "ist erbost darüber, dass dabei die Shoa und die Vertreibung der Palästinenser auf der gleichen Ebene verhandelt werden". In der Randspalte meldet  Gerhard Charles Rump vom Kunstmarkt, dass immer noch genug Geld zum Ausgeben da ist. Ulrich Weinzierl schreibt  zum Tod der österreichischen NS-Autorin Gertrud Fussenegger.

Besprochen werden ein Programm des Niederländischen Nationalballetts, eine Geschichte  des Verlags DuMont, der ZDF-Zweiteiler  "Kampf um Germanien" und die arte-Produktion  "Heute trage ich Rock" mit Isabelle Adjani.

Weitere Zeitungen, 20.03.2009

Der Islamologe Olivier Roy erklärt  im Gespräch mit Le Monde die Herkunft und den Zweck der Begriffe "Islamophobie" und "Verleumdung von Religionen": "Die Muslime werden hier als eine eine neo-ethnische Gruppe definiert. Man sagt 'die Muslime', man sagt nicht mehr 'die Araber' oder 'die Türken'. Es ist eine Neukonstruktion: Man nimmt ein religiöses Untescheidungsmerkmal, den Islam, um eine Gruppe zu definieren, die in den Augen der Menschen als ethnisch anders gilt. Die Debatte über die Kritik an der Religion, die nach dem Karikaturenstreit aufgeflammt ist, ist keine Debatte über den Islam an sich. Sie ist in bezug auf die muslimischen Minderheiten in Europa aufgetaucht. Da Gotteslästerung kein aktueller Begriff mehr ist, ziehen sie sich auf Gesetze gegen den Rassismus zurück. Der Begriff der Islamophobie wurde in der europäischen Debatte geprägt, bevor er von politischen Führern der muslimischen Welt aufgegriffen wurde."

Süddeutsche Zeitung, 20.03.2009

Afrikanische Erweckungskirchen mit ihrer Mischung aus Ekstase und rigider Moral finden auch unter schwarzen Europäern immer mehr Anhänger, berichtet  Judith Raupp, die eine solche Gemeinde in München besucht hat - in Afrika sind diese Kirchen stärker als traditionelle Protestanten oder Katholiken: "Die Erweckungskirchen kommen in Afrika so gut an, weil sie eher an die afrikanische Kultur anknüpfen...  Zudem stärken die Erweckungsgemeinden das Selbstbewusstsein, weil nach deren Versprechen jeder Einzelne Wohlstand und Gesundheit erreichen kann, wenn er nur das Wort Gottes befolgt. Diese Betonung des Individuums ist besonders attraktiv für aufstrebende junge Afrikaner. Sie begreifen die herkömmliche Verpflichtung, dass jemand, der zu Geld gekommen ist, den ganzen Familienclan unterstützen muss, zunehmend als Fessel. Deshalb sind sie erleichtert, wenn jemand predigt, jeder könne sein Schicksal selbst in die Hand nehmen."

Weitere Artikel: Simon Frith, Professor  für Popmusik an der Universität Edinburgh, ruft uns entgegen: "Hey-ho, es wird Frühling und hier kommen die Pet Shop Boys, lässig posieren sie für jede Musikzeitschrift, Neil und Chris, schick wie wir es gewohnt sind, vielleicht ein wenig onkelhaft inzwischen. Grau sind sie geworden und weltgewandt, und sie haben ein neues Album zu verkaufen." Hier was zum Hören . Michael Tschernek führt ein begleitendes kleines Interview mit dem Pet Shop Boy Neil Tennant. Andreas Zielcke erklärt, was es genau mit den Bonuszahlungen bei der maroden amerikanischen Versicherungsgesellschaft AIG auf sich hat. Kristina Maidt-Zinke schreibt zum Tod von Gertrud Fussenegger. Fritz Göttler schreibt zum Tod von Natasha Richardson.

Besprochen werden Sasha Waltz' Choreografie zur Einweihung des Neuen Museums in Berlin ("eine grandiose Weihehandlung, die das theatralische Moment der Chipperfieldschen Konzeption zum Vorschein bringt", schwärmt Dorion Weickmann), Paul Hindemiths Oper "Cardillac" in Dresden, eine Ausstellung mit Mode und Mode-Experimenten von Martin Margiela in München  ("irgendetwas muss es sein, jenseits von schlechtem Wetter und gutem Essen, das in Belgiern den Sinn für das Surreale wachsen lässt", grübelt Georg Diez) und Bücher, darunter Niklas Holzbergs Studie "Horaz - Dichter und Werk".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2009

Wiebke Hüster muss sich erst mal zur Ordnung rufen , bevor sie über Sasha Waltz' neue Choreografie schreibt: "Es ist die absichtsvolle Kunstlosigkeit, mit der sich ihre Tänzer auch hier im Neuen Museum in Berlin in die Ecke werfen und plötzlich die Zehen eines in die Luft erhobenen Fußes spreizen. Sieh an, ein waidwundes sterbendes Rehkitz, ein vom Sockel gefallenes antikes Statuettchen - ach nein, es ist ja abstraktes deutsches Tanztheater. Streichen wir also das Wort Kitsch durch, stellen wir uns vor, die Wörter Kunsthandwerk und Kitsch existierten in einem anderen Begriffssonnensystem als dem unseren."

Weitere Artikel: Giuliano Soria sitzt im Knast, berichtet  Dirk Schümer: Der Präsident des renommierten italienischen Literaturpreises "Premio Grinzane Cavour" soll nicht nur Angestellte sexuell belästigt, sondern auch 900.000 Euro Subventionsgelder für sich abgezweigt haben. Peter Sloterdijk hat auf der lit.cologne aus seinem neuen Buch "Du musst dein Leben ändern" vorgelesen, erzählt aro. atemlos in der Leitglosse. Tobias Rüther stellt Jay Ashers demnächst in Deutschland erscheinenden Bestseller "Tote Mädchen lügen nicht"  vor. Es geht um den Selbstmord einer Schülerin. Angesichts von Winnenden meint Rüther allerdings: "Und deshalb beginnt in diesem Buch auch eine andere Geschichte, die jetzt weitererzählt werden muss, jenseits des Papiers, und die handelt von Jungs." Sarah Elsing resümiert eine etwas abstrakte Berliner Diskussion über Kunst und Natur. Jordan Mejias fasst die - zumeist positiven - amerikanischen Reaktionen auf die Kippenberger-Schau im Moma zusammen (New Yorker , New York Times , New York Magazine ). München, die "Hauptstadt der Bewegung", baut ein NS-Dokumentationszentrum, berichtet Hannes Hintermeier. Walter Hinck schreibt zum Tod der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger. Gina Thomas schreibt zum Tod der Schauspielerin Natasha Richardson.

Auf der Medienseite ist Robert von Lucius froh, melden zu können, dass das Landgericht Braunschweig die Überwachung dienstlicher und privater Telefonanschlüsse von Journalisten der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung für rechtswidrig hält. Das Internet-Fernsehen Joost kommt nach Deutschland, meldet ht.

Besprochen wird Luca de Fuscos Inszenierung von Goldonis "Impresario von Smirna" in Venedig.