Heute in den Feuilletons: Tsunami der Jugend - DER SPIEGEL
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Heute in den Feuilletons Tsunami der Jugend

Die "NZZ" beschreibt eine "existenzielle Debatte" im polnischen Theater. Die "Welt" deckt das Netzwerk der Kunstbewertung auf. Die "FR" verliert mit Don DeLillo und seinem 9/11-Roman "Falling Man" jeden metaphysischen Trost. Und die "SZ" beerdigt den Mythos 68.
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Neue Zürcher Zeitung, 27.10.2007

In Polen, berichtet  Dirk Pilz, tobt nach Jahren der Stagnation eine "existenzielle Debatte" um das Theater."Wie viel Gegenwart verträgt die Bühne? Und sollte Theater nicht wesentlich der Vermittlung von (katholischen) Werten dienen, statt Realität abzubilden? Krystyna Meissner, mit 74 Jahren die Grande Dame der Szene und Leiterin des seit 2001 alle zwei Jahre stattfindenden Festivals Dialog in Breslau, findet, das Theater dürfe nicht länger die Wirklichkeit ignorieren, sondern müsse daran teilnehmen: 'Alles darf gesagt, alles darf gezeigt werden.' Sie gibt deshalb bei Dialog wie auch als Intendantin des einflussreichen Teatr Wspolczesny in Breslau gerade den jungen, wilden Stimmen eine Plattform. Leuten wie Zadara eben, den sie zur diesjährigen Festival-Ausgabe Mitte Oktober gleich mit zwei Inszenierungen einlud; oder wie Jan Klata, dessen ‚Orestie’ ein unmissverständlicher Kommentar zum noch immer fremdelnden Umgang mit der Demokratie in Polen ist. Nicht wenige werfen solchem Theater vor, einzig auf Inhalte und Aktualität zu setzen. Vom 'Tsunami der Jugend' spricht die Kritik."

Weitere Artikel: Mona Sarkis versucht , das politisch-konfessionelle Geflecht im Libanon zu entwirren, besondern kompliziert verhält es sich mit der zersplitterten Linken und ihrem Verhältnis zur Hisbollah. Martin Meyer führt  auf einer Kunsttour durch New York zu den Galerien von Chelsea und den Museen an der Upper East Side.

In Literatur und Kunst zeichnet  der Ideengeschichtler Jan-Werner Müller Versuche nach, den amerikanischen Liberalismus philosophisch wiederzubeleben. Beachtenswert findet Müller vor allem die Arbeit des Soziologen Paul Starr, der in seinem Buch "Freedom's Power: The True Force of Liberalism" gegen das neokonservative Leitbild Stärke nicht allein in der Entschiedungsfreiheit sieht, sondern auch in der Selbstbeschränkung: "Verfassungen - die liberale Erfindung schlechthin - kontrollieren die Machtausübung, doch, so Starr ganz ähnlich wie Hannah Arendt, sie kreieren auch Macht. Berechenbare Institutionen schaffen Vertrauen, ziehen verlässliche Verbündete an und haben nicht zuletzt viele materielle Vorteile: Nach der englischen Glorious Revolution und der amerikanischen Verfassungsgebung konnten England beziehungsweise die Vereinigten Staaten zu viel günstigeren Bedingungen Kredite aufnehmen und ihre Armeen erweitern. Verfahrenszwänge und Gewaltenteilung, so liesse sich kurz sagen, ermöglichen Handlungsspielräume, welche es ohne 'checks and balances' gar nicht gäbe."

Außerdem: Martin Mulsow widmet sich  den dialektischen Fängen der Aufklärung. Roman Bucheli würdigt  Büchner-Preisträger Martin Mosebach.

Besprochen werden die Retrospektive  zu Fotograf Daido Moriyama in Kölns Stiftung Kultur und Bücher, darunter Celines Briefe an Freundinnen , Romane  zum 11. September von Don DeLillo, Jay McInerney und Ken Kalfus, Michael Frayns Fleet-Street-Roman  "Gegen Ende des Morgen", die Prachtausgabe  von Georg Forsters "Reise um die Welt" und eine Dokumentation  zur Preisfrage der Preussischen Akademie der Wissenschaften, die 1780 wissen wollte, ob es dem Volk nutze, betrogen zu werden.



Die Welt, 27.10.2007

"Kunst erkennt man am Preis." In der Literarischen Welt erläutert  die Autorin  Piroschka Dossi, wie die Qualität eines Kunstwerks heutzutage bestimmt wird. "Was als Kunst gilt, bestimmen nicht mehr handwerkliches Können oder Regeln der Bildkomposition, sondern ein eng vernetztes Einflusssystem der Kunstbewertung, in dem Galeristen, Händler, Kuratoren, Kritiker und Sammler in wechselseitiger Beobachtung und Beeinflussung miteinander verflochten sind. Die Experten des Kunstsystems geben ihr kulturelles und die Akteure des Kunstmarkts ihr finanzielles Votum für einen bestimmten Künstler ab, wobei sich die beiden Abstimmungen aufgrund der engen persönlichen und teilweise auch funktionalen Verflechtungen über den Zeitablauf angleichen, und entscheiden damit über dessen relative Bedeutung. Dieses Netzwerk bestimmt den Stellenwert eines Künstlers."

Im Kulturteil befragt  Sascha Krüger den britischen Geiger Nigel Kennedy im Interview, warum er nach Krakau gezogen ist. Lothar Schmidt annonciert  die Eröffnung des Prado-Erweiterungsbaus  von Rafael Moneo durch das spanische Königspaar am Dienstag. Das Problem bei Harald Schmidt und Oliver Pocher ist, dass sie sich zu ähnlich sind, weiß  Andre Mielke. Sven Felix Kellerhoff ist hochzufrieden  mit dem Deutschen Historischen Museum , dass am Sonntag seinen zwanzigsten Geburtstag feiert. Hendrik Werner stellt  die "Kleine Enzyklopädie der digitalen Langzeitarchivierung" (pdf ) vor, die von den Forschern des Nestor-Netzwerks  erstellt wurde.

Michael Pilz freut  sich in der einzigen Besprechung über die weltweit erstmalige Ausstellung von Bildern Bob Dylans, und zwar in den Kunstsammlungen  Chemnitz. "Wie der Folksong noch als Rockmusik archaisch bleibt, pflegt Dylan auch das Zeichnen und das anschließende comicartige Kolorieren als geheimnisvolles, altes Handwerk. Ob Hotelzimmer, ob Hof, ob Ferienhütte: Die Gefühle werden wie im Song gebannt."

Frankfurter Rundschau, 27.10.2007

Christian Thomas feiert  Don DeLillos jetzt in deutscher übersetzung erscheinenden neuen Roman "Falling Man", in dem DeLillo den 11. September umkreist: "Don DeLillo hat einen großen neoexistentialistischen Roman geschrieben. Um den Leser zum Augenzeugen zu machen und den Augenzeugen neu sehen zu lassen, wird er an einer horizontalen Kamerafahrt durch den 'Aschesturm' beteiligt. Der Leser auf Augenhöhe des verstörten Keith. Doch dann wird das Irren in der Horizontale überblendet von einer Ablenkung in der Vertikalen - worüber der Blick so etwas wie ein Kreuz schlägt. Doch mit ihm geht jeder metaphysische Trost ins Leere. Denn was in den Blick gerät, ist ein aus der Höhe herunterschwebendes Hemd, eine Hülle ohne Körper. Umso absurder, da 'die Arme kämpften wie nichts in diesem Leben'."

Weitere Artikel: Arno Widmann war  dabei, als Männer der Jahrgänge 1926/27 wie Alfred Neven DuMont und Erhard Eppler aus einem Band über das "Leben unter dem Hakenkreuz" lasen. Marcia Pally berichtet  in ihrer New-York-Kolumne von den "Islamo-Faschismus Awareness-Wochen". In einem Times Mager denkt  Judith von Sternburg über schöne Wörter nach und das nun erwiesenermaßen schönste der Welt: Yakamoz (türkisch für: Widerspiegelung des Mondes im Wasser).

Besprochen werden ein offenkundig begeisterndes Frankfurter Konzert  von Manu Chao, eine Chemnitzer Ausstellung  mit Gemälden von Bob Dylan, eine Frankfurter Inszenierung  von Yasmina Rezas jüngstem Stück "Der Gott des Gemetzels".

Die Tageszeitung, 27.10.2007

Dirk Knipphals weiß  sich den Büchner-Preis für Martin Mosebach (mehr ) so zu erklären: "Die These, dass die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Martin Mosebach den Büchnerpreis keineswegs nur wegen seiner vielen Bücher, sondern vor allem wegen einer solch unbedingten Literaturgläubigkeit zuerkennt, ist keineswegs zu weit hergeholt. Nicht, dass irgendjemand in der Akademie das durchscheinende antiliberale Fasziniertsein im Ernst verteidigen würde. Aber es gibt offenbar ein Bedürfnis nach Autoren, die die Topoi einer klar geordneten literarischen Welt immer wieder noch einmal erzählen. Und genau solche Topoi einer literarischen Ordnung erzählt Martin Mosebach."

Weitere Artikel: Susanne Messmer porträtiert  die in Deutschland kaum bekannte chinesische Schriftstellerin Eileen Chang, von der eine Kurzgeschichte stammt, die Ang Lee in seinem Film "Gefahr und Begierde" verfilmt hat. Barbara Schweizerhof hat das Filmfestival von Rom besucht . In Dirk Knipphals' "Spreebogen"-Kolumne wird es wieder dunkel, der rechte Moment für Gedanken  über Beleuchtung und Licht in der Politik. Besprochen wird Matias Bizes Film  "En la cama".

In der zweiten taz liefert  Klaus Raab eine umfangreiche Einführung in das Gerangel um den zum Verkauf stehenden Süddeutschen Verlag (Website ). Außerdem berichtet  er von einer Berliner Lesung von Bildblog -Texten mit Charlotte Roche, bei der sich das Publikum offenbar besser amüsierte, als den Machern lieb war. Im politischen Teil spricht  der argentinische Filmregisseur und Präsidentschaftskandidat ohne Erfolgsaussichten Fernando Solanas über die bevorstehende Wahl. In einem Reise-Sonderteil haben sich die Autorinnen auf die Spuren Walter Benjamins , Heinrich Heines  und Goethes  begeben. Online spekuliert  Ben Schwan über mögliche Gründe für die drastische Abwertung vieler wichtiger Websites - von Washington Post  über Zeit  und Netzeitung  bis zur taz  - im Google-Pagerank (hier  eine genaue Erläuterung), einem in seiner Bedeutung selbst umstrittenen Wert für die Wichtigkeit der Websites.

Im Dossier des taz mag berichtet  Bert Schulz von einer Reise nach Birma, die zum "Trip ins Ungewisse" wurde. In einem Vorabdruck aus einem neuen taz-Buch mit dem Titel "Endlich. Tod - kein Tabu mehr" schreibt  eine namenlos bleibende Frau über den Tod ihres Sohnes, dem sie keine Sterbehilfe geben durfte. Auf den Literaturseiten gibt es unter anderem Besprechungen von Richard Wagners Roman  "Das reiche Mädchen" und den Erinnerungen  der ehemaligen chinesischen Staatsanwältin Xiao Rundcrantz an ihre Tätigkeit in einem korrupten Rechtssystem (mehr dazu in der Bücherschau  des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom .

Süddeutsche Zeitung, 27.10.2007

Thomas Steinfeld plädiert dafür, den Mythos 68 endlich zu beerdigen, der die Ambivalenzen der damit verbundenen Modernisierung verdeckt: "Viel eher, als dass die Studentenrevolte tatsächlich in die 'gesellschaftlichen Verhältnisse' eingriff, verstärkte und beschleunigte sie Veränderungen, die Jahre zuvor begonnen hatten, um sich viel später zu vollenden. Was das bedeutet, lässt sich daran erkennen, dass jede vermeintliche Errungenschaft der 'Achtundsechziger' eine andere, gar nicht revolutionäre, sondern äußerst 'systemkonforme' Seite besitzt: Die Demokratisierung der Universität diente eben nicht nur der intellektuellen Emanzipation bildungsferner Schichten - falls sie dies überhaupt tat -, sondern lieferte der deutschen Wirtschaft auch die gebildeten Angestellten, die sie in den sechziger Jahren noch dringend gebraucht hatte."

Weitere Artikel: Alex Rühle berichtet von einem Besuch beim Autor  und Zeichner Tomi Ungerer. Petra Steinberger unterhält sich mit dem marxistischen Urbanisten  Mike Davis über die Brände in Kalifornien und die Zersiedlung als wichtige Ursache. Martin Kaluza porträtiert die Berliner Balkan-Diva Miss Platnum (Website ) alias Ruth Maria Renner. Vorabgedruckt werden Alice Schwarzers Erinnerungen an ihre Begegnungen mit Simone de Beauvoir, ab nächster Woche als Vorwort einer Neuauflage ihrer Gespräche mit der Philosophin nachzulesen.

Auf der Literaturseite schreibt Ijoma Mangold mit viel Sympathie über die Fusion der Verlage Klett-Cotta  und Tropen . Jörg Magenau berichtet von einer Schriftstellerkonferenz, die sich mit dem Berlin vor dem Mauerfall befasste. Rezensiert wird ein Band mit Texten des Kabarettisten Georg Schramm.

Besprochen werden ein von Christian Thielemann dirigiertes Konzert mit frühen Werken von Richard Strauss in München, Ann-Kristin Reyels Film "Jagdhunde"  und Royston Maldooms neues Community-Tanz-Programm "Can do can dance" am neuen Hamburger Tanzzentrum K 3 .

Im Aufmacher der SZ am Wochenende fragt Gerhard Matzig, warum wir uns in Deutschland nicht mit Schuluniformen anfreunden wollen. Sarah Khan erzählt uns was von Gespenstern in Berlin. Tanja Schwarzenbach kennt die Geschichte der Männer-Striptease-Truppe Chippendales (Website ). Auf der Historienseite geht es um den Mord an den namibischen Herero. In Henning Ahrens'  Erzählung "Schwarzer Tag für Autor Ecks" geht es um einen Schriftsteller, der in sein Heimatdorf zurückkehrt, in dem sich alle in seinen Romanfiguren wiedererkennen. Im Interview spricht der Kunstsammler Robert Lauder unoriginellerweise über das Sammeln und seine Sammelprinzipien: "Ich kaufe immer die besten Stücke der besten Künstler, egal ob es Malerei, Skulptur oder Design ist."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2007

Umweltschutz hat für Nicolas Sarkozy und die übrigen Franzosen den "deutschen Rübengeschmack" verloren, meldet Joseph Hanimann, Ökologie sei tatsächlich Thema in Frankreich geworden: "Baustopp für Autobahnen, neue Kohlenstoffsteuer, Halbierung der chemischen Schädlingsbekämpfung, Pause im Anbau genmanipulierter Produkte, Energiesparauflagen bei Alt- und Neubauten: Das sind Maßnahmen, die in manchen Ländern pragmatisch, diskret, effizient längst zum Alltag gehören. Dass sie in einem technologie-, experten- und obrigkeitsgläubigen Zentralstaat pauschal verordnet werden, ist neu."

Weitere Artikel: An Rande spießt  "rik" die neue Tchibo-Literatur auf, die man sich persönlich erstellen lassen kann. Hannes Hintermeier annonciert die "Vernunftliebesheirat" zwischen Klett-Cotta und dem Tropen Verlag. Frank Pergande berichtet vom Knatsch um eine Walter-Kempowski-Straße in Rostock. In seiner Geschmackskolumne ruft Jürgen Dollase die Neue Deutsche Küche aus, die sich unter anderem durch ihre universelle Sicht auf die Kochkunst auszeichnet. Thomas Thiel lässt die Forschergruppe  "Textkultur und Lebenspraxis" ihre Arbeit bilanzieren. Sabine Frommel berichtet, dass die späten Anhänger Napoleon III. die Tuilerien in Paris wieder aufgebaut sehen wollen. Joseph Croitoru liest das neue Osteuropa-Heft , das sich noch ein wenig mehr nach Osten erweitert hat und auf die zentralasiatischen Länder blickt. Andreas Eckert gratuliert dem Historiker Frederick Cooper zum Sechzigsten. Und auf der letzten Seite sind erste Einträge aus Michael Maars Handbuch  zu Harry Potter zu lesen.

Auf der Medienseite empfiehlt Andreas Platthaus die arte-Doku zum französischen Comic-Zeichner Moebius. Besprochen werden die Ausstellung mit Bob-Dylan-Bildern  in der Kunstsammlung Chemnitz , die Schau "Japan und der Westen" im Kunstmuseum Wolfsburg , auf der Plattenseite neue Buxtehude-Einspielungen sowie Alben von Animal Collective  und Emma Pollock .

Für Bilder und Zeiten liefert Camilo Rodriguez Beltran Reiseeindrücke aus dem Iran, in dem er nur reizende Leute getroffen hat: "Wir betreten einen Laden, in dem es nur Schleier zu kaufen gibt. Die Schleier im Schaufenster sind regenbogenartig in allen möglichen Farben und Designs arrangiert. Einige sehen irgendwie psychedelisch aus, als stammten sie geradewegs aus den siebziger Jahren. ‚Welche sind besonders trendy?’, frage ich. 'Das kommt auf das Alter an', antwortet Fariba und bestätigt, was mir zwei Tage zuvor ein Verkäufer in Schiras gesagt hatte. 'Dunkle Farben für junge Frauen, helle Farben für ältere.'"

Weiteres: Tobias Rüther stellt die amerikanische Autorin Gina B. Nahai vor, die sich vor allem mit der Geschichte der Juden im Iran beschäftigt. Dieter Bartetzko unterhält sich  mit Tippi Hedren über ihre Liebe zu Tieren und ihre Abneigung gegenüber Vögeln. Besprochen werden Annette Pehnts Roman "Mobbing" und Hugo Balls "Gedichte".

In der Frankfurter Anthologie stellt Ludwig Harig Hans Magnus Enzensbergers Gedicht "Kurze Geschichte der Bourgeoisie" vor:

"Dies war der Augenblick, da wir,
ohne es zu bemerken, fünf Minuten lang
unermeßlich reich waren, großzügig
und elektrisch, gekühlt im Juli..."