Heute in den Feuilletons: Wenn die Wut kalt wird - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Heute in den Feuilletons Wenn die Wut kalt wird

Wie hängen mediale Gewaltdarstellungen und reale Gewalttätigkeiten zusammen, fragt die "FR". Zum Beispiel durch das Internet, schreibt die "FAZ", das den Mördern das Gefühl gibt, nicht allein zu sein. Mit dem Blutbad in Erfurt beschäftigt sich auch die "NZZ" erneut, die den Gestaltwandel des Amoklaufs beschreibt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurter Allgemeine Zeitung,   30.04.2002

Aus gegebenem Anlass nimmt die FAZ die Popkultur heute ernst, zumindest sofern sie Jugendliche zu Straftaten motiviert.

Frank Schirrmacher erblickt  im Internet ein Gewaltmedium für junge Männer: "Alles spricht sich aus und erreicht erst gar nicht den Status der Ideologie, gar des Weltbildes. Eine Mischung aus Song, Newsgroup, Chatroom und Online-Baller-Spiel ersetzt das, was noch vor ein paar Jahren 'Bewegung', Weltbild, Gang, Ideologie war." Und Schirrmacher nennt eine Internetadresse  des Journalisten Raymond A. Franklin mit einem achtzigseitigen Hassverzeichnis.

Auf der Seite 3 des Feuilletons gibt die Redaktion eine Menge weiterer Linktipps für gewaltinteressierte Leser. Eine der Inspirationen für jugendliche Amokläufer ist das Videospiel The Doom . Genannt werden ferner das vom Erfurter Täter Robert Steinhäuser präferierte Spiel Counterstrike , die "Schockrocker" von Slipknot , die Comicfigur "The Punisher" , der Film "The Basketball Diaries" , eine wichtige Quelle für die Amokläufer von Littleton, sowie populäre Figuren von Serienmördern a la Zodiackiller  und der Fernsehsender MTV .

Jürgen Kaube fand  unterdes keinen Rat auf dem Buchmarkt: " Für die einfachsten Umgangsweisen in den einfachsten Situationen existiert inzwischen eine Legion von Ratgebern. In den Buchhandlungen stapeln sich die Erziehungsbücher, die den Eltern mal Stärke, mal gut plazierte Schwäche, mal Autorität und mal Laissez-faire anraten. Und man muss fürchten, dass die Produkte dieser Verständnisindustrie auch gelesen werden."

Mehr zur Gewalt: Michael Hanfeld schreibt über die Vorladung von Fernsehchefs durch Gerhard Schröder und berichtet über eine Studie , die den Zusammenhang von Fernsehkonsum und Gewalt nachweist. Richard Kämmerlings empfiehlt auf der Bücher-und-Themen-Seite Romane, die die Gewalt an Schulen zumThema machen wie Marc Höpfners "Pumpgun" Norbert Niemanns "Schule der Gewalt".

Und Heinrich Wefing empfiehlt  auf der Medienseite ein juristisches Vorgehen gegen Gewaltfilme wie es etwa John Grisham gegen Oliver Stones Film "Natural Born Killers" versuchte. "Wenn Studios, Produzenten, Autoren mit Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe rechnen müßten, so die Hoffnung, würden sie ziemlich schnell zu einem sehr viel vorsichtigeren Umgang mit Gewalt kommen. Eine Hoffnung, die nicht nur naiv ist."

(Zwischenfrage: Sollte man nicht für weiterreichende Verbote plädieren? Der Pop ist ja noch vergleichsweise harmlos. Die Bibel und der Koran, aber auch Marx, Darwin und Nietzsche verführten gebildete junger Männer zu Amoktaten ganz anderen Formats!)

Weiteres: Joseph Croitoru erzählt die Geschichte der großen alten israelischen Chansonniere Jaffa Jarkoni, deren Geburtstagsehrungen abgesagt wurden, weil sie einen Rückzug der Israelis aus den besetzten Gebieten forderte. Christian Schwägerl enthüllt, dass die vor zwei Jahren von der FAZ veröffentlichten Gensequenzen aus den Genen von Craig Venter persönlich stammten - Venter hatte das übrigens im Gespräch mit der FAZ schon vor zwei Jahren zugegeben, aber in den USA gibt es darum jetzt Debatten. Klaus Englert schildert den Umbau einer Fabrik bei Barcelona zum Museum für La Caixa durch Arata Isozaki. Auf der Medienseite schildert Jörg Hahn, "was der Fußball im Fernsehen verloren hat". Felicitas von Lovenberg stellt den Autor Charles Frazier vor, der nach seinem Bestseller "Cold Mountain" nun von Random House einen der höchsten Vorschüsse aller Zeiten auf sein nächstes Buch bekam - irgendetwas zwischen fünf und elf Millionen Dollar.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite legt Hans Ulrich Gumbrecht einen längern Essay über amerikanische Sexbücher vor. Auf der letzten Seite erzählt Lisa Zeitz vom Kampf der Söhne von George Grosz um den Nachlass ihres Vaters. Jürg Altwegg zeichnet ein Profil des Japanologen Bruno Gollnisch, der die Wahlkampagne von Jean-Marie Le Pen leitete. Und Andreas Rossmann berichtet von der Kölner Veranstaltung "Colonia Corrupta".

Besprochen werden Jaan Tätes Stück  "Brücke" in Stuttgart, Gerhard Stäblers Stück  "Madame la peste" in Duisburg, ein Auftritt von Polt und der Biermösl Blosn in München, das Medienkunstfest in Osnabrück und der Film "Die Mothman Prophezeiungen".




Frankfurter Rundschau,   30.04.2002

Auch die FR widmet sich noch einmal der Erfurter Tragödie. Manfred Schneider interpretiert  die allgemeine Rat- und Hilflosigkeit der Reaktionen und die Tat als Spiegelung: "Der Täter, dem sich die Alternativen zum Mord und zum Tod verschlossen hatten, und die Welt, die mit der Sinnlosigkeit dieser Tat konfrontiert ist und der auch alle Erklärungen verloren gegangen sind, stehen sich in entfernter Ähnlichkeit gegenüber. Denn alles, was uns im Anschluss an die Tat zunächst einfällt, das ist die Serie ähnlicher Taten in der Welt und in den Medien, die Namen von Orten ähnlicher Schulmordserien... Und dabei fällt auf, dass wir tatsächlich nur noch die Orte und nicht mehr die Namen der Täter wissen. Wir können nur aufzählen, in welche Serie diese Tat gehört." Der Hass des relegierten Schülers aber zeige, "welche Liebe gekränkt worden ist. Vermutlich müssen wir unsere Ratlosigkeit noch bis zu diesem Punkt steigern, dass wir sagen: Die Schule hat alles richtig gemacht".

Konrad Lischka beschäftigt sich  mit dem jetzt erneut behaupteten Reiz-Reaktionsschema von medialer Gewaltdarstellung und realer Gewalttätigkeit. Lischka zitiert neben mehreren Untersuchungen zum Thema, die diesbezüglich allesamt zu anderen Schlüssen kommen, auch mehrere CSU-Politiker mit wohlwollenden Worten zu Schützenvereinen. Sein Text schließt mit der Feststellung: "Ein Mitglied der Charles-Manson-Gang rechtfertigte vor Gericht den Mord an Sharon Tate so: 'Wir sind, wozu ihr uns gemacht habt. Wir sind mit Gunsmoke, Have Gun, Will Travel, FBI, Combat im Fernsehen aufgewachsen.' Würde das stimmen, wäre in den Vereinigten Staaten heute kaum jemand am Leben."

Außerdem: Reinhart Wustlich wirft einen Blick  auf das immer noch in Bau befindliche große Konzerthaus (Bild ), das Robbrecht und Daems in Brügge bauen. Thomas Fechner-Smarsly erinnert  an den spanischen Hirnforscher (er erhielt 1906 den Nobelpreis ) und Erzähler Santiago Ramon y Cajal, der vor 150 Jahren geboren wurde. Sascha Michel berichtet  von einer Tagung über das "Ereignis", und Dirk Fuhrig hat Jugendkultur-Forschern zugehört , die sich in Mannheim über "Identitätsbildungen in der HipHop-Kultur" austauschten. In der Kolumne "Times mager" geht es  um Bildung und möbelgewordene Geistesgrößen.

Besprechungen: Maßvoll gelobt wird die Uraufführung  von Michael Laubs "Porträts 360 Sekunden" am Hamburger Schauspielhaus (mehr hier ), ebenso wie die Uraufführung  von Andrea Breths Inszenierung des neuen Stücks von Albert Ostermaier in Wien und eine "Zauberflöte"  von Achim Freyer bei den fünfzigsten Schwetzinger Festspielen (mehr hier ). Vorgestellt wird schließlich noch der Film  "Jazz Seen" über den Cover-Künstler William Claxton von Julian Benedikt .




Die Tageszeitung,   30.04.2002

Wer hat Le Pen stark gemacht? Über sozial Vernachlässigte und Versäumnisse der Linken sprach  Dorothea Hahn mit dem französischen Filmregisseur  Bertrand Tavernier. Der glaubt nicht, dass Le Pen wirklich Präsident wird, sondern hält die "Sache" für einen möglicherweise "heilsamen Elektroschock" für die "eingeschläferte" und "verblödete" französische Jugend, von der er nicht viel zu halten scheint: "Ich verbringe viel Zeit mit Schulklassen, die eine Ignoranz gegenüber der Geschichte kultivieren. Sie werfen mir vor, dass ich sie mit Filmen über den Ersten Weltkrieg nerve und über den Algerienkrieg. Ich sage ihnen, dass sie Le Pen nicht verstehen können, wenn sie den Algerienkrieg nicht kennen. Sie sind nicht in der Lage, eine Rede zwischen den Zeilen zu analysieren. Sie lesen keine Zeitungen, sie machen Videospiele und gucken Fernsehen. Die reale Welt interessiert sie nicht." Im Übrigen glaubt er aber, "dass es weniger die Rechtsextreme ist, die Fortschritte gemacht hat, sondern die Linke und die republikanischen Parteien, die ihre Arbeit nicht anständig gemacht haben."

Weitere Artikel: Harald Peters hat auf Europas größtem asiatischen Filmfest, dem Far-East-Festival  im italienischen Udine, japanische Sexfilme (sogen. Pink Eigas, mehr hier ) gesehen und dabei eine "überraschende Abseitigkeit" entdeckt : "die relative Abwesenheit von Sex". Auf der "Wahrheit"-Seite porträtiert  Ralf Sotscheck den irischen Schriftsteller John McGuffin, der vorgestern, zwei Tage vor seinem 60. Geburtstag, starb.

Besprochen wird die Uraufführung  von Albert Ostermaiers Flughafendrama "Letzter Aufruf" im Wiener Arsenal des Burgtheaters , Rezensionen gibt es zu Ulrike Draesners Roman  "Mitgift", vier Frauenkrimis (hier ), einer "bösen" Parabel  von B.S. Johnson, einem Essay  des Philosophen Giorgio Agamben über den "Homo sacer" und einer Studie  zu Wehrmacht und Prostitution im besetzten Frankreich (siehe auch unsere Bücherschau  heute ab 14 Uhr).

Und hier  TOM.




Neue Zürcher Zeitung,   30.04.2002

Joachim Güntner stellt  einen "Gestaltwandel des Amoklaufs" in jüngster Zeit fest: " Der Amoklauf als Wutausbruch - das wäre immer noch schrecklich, aber nicht mehr schrecklich rätselhaft. Doch gegen die Deutung des Erfurter Dramas als Affektunfall spricht eines: die sorgfältige Planung. Planung braucht Zeit. Die Wut, die den Attentäter treibt, muss kalt werden: Sie muss sich als Hass auf Dauer stellen. Der Amoklauf an der Grenze vom 20. zum 21. Jahrhundert tobt nicht in hitziger Raserei, sondern mit nüchterner Kälte." Videospiele sind für Güntner keine Auslöser: "Sie verursachen den Amoklauf nicht, doch sie strukturieren ihn."

Weiteres: Urs Hafner stellt  das interdisziplinäre Forschungsprojekt "Translating Seen into Scene" des Schweizerischen Nationalfonds vor, "das unter der Leitung von Susanna Burghartz (Basel) die frühneuzeitliche Repräsentation der Fremden, des Anderen, wie auch die Konstruktion des Eigenen, der europäischen Identität" anhand von zeitgenössischen Reiseberichten untersucht.

Besprochen werden Rossinis "Il Turco in Italia"  im Opernhaus Zürich, das Theatertreffen  in Bern, schwedische Architektur und Kunst  im Bard Graduate Center in New York, Zürcher Konzerte  zum zehnten Todestag von Olivier Messaen und einige Bücher, darunter zwei biografische Studien  über Sandor Marai und Gedichte  von Kurt Drawert (siehe auch unsere Bücherschau  heute ab 14 Uhr).




Süddeutsche Zeitung,   30.04.2002

Viel zu lesen heute. Noch einmal beschäftigen sich zwei Texte mit Erfurt. Fritz Göttler analysiert  die "argumentativen Schnellschüsse" gegen das Kino: "weil die normalen Erklärungen in diesem Fall nicht greifen, sucht man Deutungsmuster im Bereich der Medien - und packt gleich noch die Schuldfrage drauf." Dabei mache es einem das Kino "nicht besonders schwer, in ihm den Sündenbock zu sehen ... weil es sich immer zu seinen schockhaften Komponenten bekannt hat. ... Der Bunuelsche Schnitt durchs Auge, im 'Chien andalou', ist ihm wesentlich." "Für heute reicht’s, Herr Heise ..." - dieser Szene sei "vielleicht die schrecklichste Erkenntnis von Erfurt: dass der Täter sein finales Glücksmoment gefunden hat, seine Erlösung, als er einen traf, der auf sein Spiel einging. Als aus dem Gewalt-Monolog, den er inszenierte, ein Dialog wurde, eine Interaktion."

Bernd Graff kommentiert  die Forderung des bayrischen Innenministers Günther Beckstein, sogenannte "Killerspiele" zu verbieten. "Becksteins Logik verkehrt Symptom und Krankheit, verkennt, dass es nicht die Spiele sind, die Menschen gewalttätig machen, sondern dass es gewaltbereite Menschen gibt, die unter anderem auch vor ihren Computern sitzen und massenhaft Aliens abschlachten. Somit bleibt es die oft genug grausam durchlittene Wirklichkeit, welche sich auch in der Virtualität der Bilder austobt. Nicht die Spiele sind darum gefährlich, sondern mancher ihrer zutiefst gedemütigten Spieler."

Weitere Themen: Gerd Krumeich berichtet  von den Vorbereitungen der Linken, Le Pen am 1. Mai - vier Tage vor der Wahl - Paroli zu bieten. Mit gleich drei Texten begeht die SZ die Eröffnung der "Alexandrina"-Bibliothek. Lothar Müller erinnert  an die antike Bibliothek von Alexandria, Sonja Zekri porträtiert  das Konzept der neuen, und Chris Lower lobt  die Architektur des "genialen Neubaus". Vorgestellt  wird eine "Kollektion von 50 Alltagsgegenständen fürs Volk" von Philippe Starck, die in der amerikanischen Kaufhauskette Target verkauft werden sollen. Berichtet  wird von der achten Jahrestagung der "Europäischen Totentanz-Vereinigung", die sich mit "Gestalten des Todes in der Kulturgeschichte" beschäftigte, außerdem von einer Tagung  am Berliner Marc Bloch-Institut zum Thema Regimegegner und Stasi. Joachim Kaiser erzählt , wie er sich im Briefwechsel Theodor W. Adorno - Thomas Mann wiederfand, und Danielle Darrieux zum wird 85. Geburtstag gratuliert . Krisenberichte erreichen uns von den Hamburger Kammerspielen (hier ) und der Deutschen Oper Berlin (hier ). Hingewiesen wird auf das diesjährige Programm  für den 1. Mai in Berlin und das Programm  der Bonner Biennale im Juni mit vielen neuen Stücken aus Osteuropa. Schließlich meldet  die SZ noch den Tod von Elsbeth Wolffheim, der stellvertretenden Präsidentin des Pen- Zentrums Deutschland.

Weiter geht es recht jugendmusikalisch: in einem Interview  mit dem englischen Musiker und Produzenten Joseph Malik sowie Kurzbesprechungen neuer CDs von Angelika Köhlermann und Casiotone (hier ), Bernadette La Hengst (hier ), Nico (hier ), Eileen Rose (hier ), Charlie Haden (hier ) und Rocket From the Tombs (hier ).

Besprochen werden außerdem Michael Laubs "Porträts. 360 sek"  am Schauspielhaus Hamburg (mehr hier ), eine Münchner "Creme Bavaroise"  von und mit den Biermösl Blosn und Gerhard Polt sowie James Mangolds Filmkomödie  "Kate und Leopold".Bücher:der neue Roman  von Jose Saramago und Louis Menands politische Geschichte des Pragmatismus (hier ). (Siehe auch unsere Bücherschau  heute ab 14 Uhr.)