Heute in den Feuilletons: "Wirtschaftliche Apartheid" - DER SPIEGEL
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Heute in den Feuilletons "Wirtschaftliche Apartheid"

In der "FR" wiederholt Richard Rorty seine Vorwürfe gegen den Islam. In der "SZ" kritisiert Naomi Klein das "hasenherzige Programm" des südafrikanischen ANC. Die "FAZ" erzählt die Geschichte des amerikanischen Rechtsextremismus und die "NZZ" schildert die sozialen Folgen der Anschläge in New York.
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Frankfurter Rundschau,

   30.11.2001

Die FR druckt ein Gespräch  mit dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty  (der kommende Woche in Düsseldorf den Meister-Eckhart-Preis erhält). Rorty präzisiert bei dieser Gelegenheit seine kürzlich für Wirbel gesorgt habende Aussage, die amerikanische Kultur habe nichts von den anderen zu lernen: "Ich dachte primär an ein politisch relevantes Lernen oder, noch allgemeiner, an ein Lernen bezüglich der Bildung einer gerechten globalen Gesellschaft. Ich glaube, dass der einzige Weg, diese Gesellschaft zu erreichen, der ist, dass man die westlichen politischen Institutionen globalisiert. Ich denke nicht, dass fundamentalistische Religionen dazu irgendetwas politisch beizutragen haben. Vielleicht gibt es eine Menge vom Islam über nicht-politische Dinge zu lernen. Aber ich finde, man sollte nicht meinen, dass der Islam automatisch etwas zur Bildung einer globalen Gesellschaft beizutragen hat."

Niels Werber vermisst noch immer  eine positive Begründung für die Entsendung von 3900 Bundeswehrsoldaten in den "Krieg gegen den Terror", den er gemäß der Clausewitzschen Formel nicht von der Politik trennen möchte. "Vielleicht will Deutschland einen Sitz im UN-Sicherheitsrat, wofür es beweisen muss, dass es weltweit für Sicherheit zu sorgen bereit ist; vielleicht will Deutschland in seinem militärischen Engagement Frankreich und England nicht nachstehen, um bei der Neugestaltung der europäischen Sicherheitspolitik entscheidend mitwirken zu können; vielleicht will Deutschland auch die Lebensweise des Westens, die auch die unsere ist und die von den Terroristen in Frage gestellt wurde, schützen helfen."

Weitere Artikel befassen sich mit  zwanzig Jahren Kölner Saxophon Mafia, mit dem Holland Dance Festival, auf dem das Nederlands Dans Theater, wie Sylvia Staude weiß , reichlich vertreten war. Und bei Petra Kohse klingeln die Glocken ganz und gar  nicht vorweihnachtlich: Biedermeier-Alarm! In deutschen Wohnzimmern mit "indisch inspirierten, lichtvollen orange-rosa-lila" Polstermöbeln, aber laut Umfrage auch schwerwiegender: "Für Deutsche zwischen 14 und 29 Jahren (stehen) Werte wie Pflichterfüllung und Fleiß ganz oben auf der Liste". Brr.

Besprochen wird nicht viel: Der parabelhafte Gefängnisfilm  "Die letzte Festung" und Peter Chelsoms romantische Filmkomödie  "Weil es Dich gibt".


Frankfurter Allgemeine Zeitung,   30.11.2001

Dietmar Dath erzählt  die Geschichte des amerikanischen Rechtsextremismus und bezieht sich auf ein neues Buch - Martin A. Lees "The Beast Awakens"  -, um festzustellen, "dass es durchaus einen genuin amerikanischen Faschismus gegeben hat". Auch die Milzbrand-Briefe könnten nach Dath von Rechtsextremisten versandt worden sein. "Jüngste Hinweise zum modus operandi bei der Versendung der tödlichen Milzbrandbriefe, die in den Vereinigten Staaten nach wie vor Angst und Schrecken verbreiten, legen den Verdacht nahe, dass die Absender dieser Briefe Zugang zu Einrichtungen des amerikanischen Biowaffen-Forschungsprogramms hatten. Sollten tatsächlich Regierungsangestellte verantwortlich sein, etwa Forscher, die sich dann zur Erfindung des Drittmittel-Beschaffungsterrorismus beglückwünschen könnten, wäre das ein ebenso bizarrer wie düsterer politischer Treppenwitz." Einen Auszug aus Lees Buch können Sie hier  lesen.

Marion Aberle berichtet  über die Eröffnung eines Apartheid-Museums in Johannesburg: "Das Museum wird an diesem Freitag einfach seine Pforten öffnen, ohne Zeremonien und Pomp. Eine offizielle Feier ist erst für nächstes Jahr geplant. Die Ausstellung steht nicht am Ende einer öffentlichen Diskussion, sondern am Anfang - so hoffen zumindest die Betreiber. Es wird einen eigenen Raum geben, in dem die Besucher ihre Geschichte erzählen oder auch nur ihren Gefühlen Ausdruck geben können."

Weitere Artikel: Zhou Derong schildert die Stimmung in Taiwan vor den Wahlen - immer mehr fühlt man sich von den Umarmungsversuchen der Festlandchinesen bedrängt. Julia Schürmann zeichnet  den Streit um die Universitätsreform nach. Wolfgang Schneider resümiert  eine Tagung über den Biedermeier-Dichter Karl Immermann. Mark Siemons eröffnet eine neue Kolumne "Aus der Hauptstadt" mit Impressionen aus dem Arbeiterbezirk Wedding. Gerhard Rohde meldet  die Gründung eines Dirigierwettbewerbs, der ab 2002 in Frankfurt stattfinden soll. Joseph Hanimann resümiert eine Pariser Tagung über das "Patrimoine", in der der Historiker Henri Rousso in einem Vortrag einen Schlussstrich unter die Gedenkkultur der letzten 20 Jahre zog. Kerstin Holm schreibt zum Tod des russischen Schriftstellers Voktor Astafjew.

Auf der letzten Seite bilanziert Frank Pergande das zu Ende gehende Preußenjahr. Edo Reents berichtet über eine Klage von Aretha Franklin  gegen American Media Inc. (die Firma wurde jüngst als erste von Milzbrandbriefen heimgesucht) - die Soulsängerin will 50 Millionen Dollar Schadenersatz, weil ein Boulevardblatt des Hauses behauptete, "Aretha Franklin trinkt sich ins Grab". Und Andreas Rossmann porträtiert  die Bonner Kulturdezernentin Karin Hampel-Soos.

Auf der Medienseite porträtiert  Michael Hanfeld den Politikkoordinator der ARD Hartmann von der Tann. Nebenbei erfahren wir aus einem aktuellen Beispiel, wie sich im öffentlich-rechtlichen Sender Information zu Quote verhält: "Auf welchen Wegen die beiden sich ins Gehege kommen, war Donnerstag vergangene Woche wieder einmal zu beobachten, als die aufsehenerregende Dokumentation 'Die Todespiloten' erst mit einer dreiviertelstündigen Verspätung im Ersten lief. Die Sportgala 'Victoria', für deren heilloses Tralala sich gerade einmal drei Millionen Zuschauer begeistern ließen, hatte brachial überzogen. Das Meisterstück der ARD-Information, für das sich nach Auskunft des NDR-Chefredakteurs Volker Herres inzwischen vierzehn ausländische Sender um Übernahmerechte bemühen, musste warten, bis Jennifer Lopez sich ausgetobt hatte." Außerdem auf der Medienseite: die Forstetzung der Berichterstattung über die Intendantenkür beim ZDF durch einen Leserbrief von Miriam Meckel und Joachim Neuser (wer das ist, erklärt uns die FAZ nicht). Und ein kleiner Bericht über das Fernsehen des Iraks, das mobil macht. (Man kann es tatsächlich live  im Internet betrachten!)

Rezensionen gelten dem Kinderfilm  "Eine kleine Weihnachtsgeschichte", einer Ausstellung  mit Zeichnungen der Sammlung Maenz im Weimarer Neuen Museum , einer Ausstellung über den Renaissance-Maler Macrino d'Alba in Alba , einer Ausstellung  mit norwegischer Landschaftsmalerei in Ferrara und Peter Timms Film  "Der Zimmerspringbrunnen".

Auf der Schallplaten- und-Phono-Seite geht's um mittelalterliche Musik, um Klaviermusik von Saint-Saens, um Lieder junger Komponisten und um Blues-Rock-Jazz-Platten vone Uffe Steen  und Pat Martino .


Die tageszeitung,   30.11.2001

Warum nicht Robbie "The smile" Williams loben? fragt sich  Holger In't Veld. Schließlich gehört der Mann (Williams natürlich) inzwischen zu den einfallsreicheren unter den Dauerbrennern im Popgeschäft. "Doch Musik war für Robbie Williams immer nur ein Mittel, um die Arme auszubreiten." Dass das eigentliche Ziel dieser Verkleidung eine weitere, größere Plattform für sein Ego sei, meint In't Veld, stelle Williams in seinem neuen Album ("Swing When Youre Winning", mehr hier ) denn auch von Anfang an klar: "'I Will Talk And Hollywood Will Listen' heißt das erste und zugleich einzig selbst geschriebene Stück in dieser Sammlung von Bigbandklassikern. Die Absage als nächster James Bond ist offenbar nicht verwunden, jetzt wird selbst Initiative übernommen: bevor sich Hollywoods Studiotüren irgendwann gnädig öffnen, tritt er schon mal gut gelaunt dagegen."

Außerdem zu lesen: Thomas Girst besucht  die Neue Galerie , Museum for German and Austrian Art, in Manhattan, die mit Beckmann unverglast und Linzer Torte glänzt, Christoph Wagner porträtiert  den britischen Gitarristen Justin Adams (mehr hier ), der die Synthese von Mississippi-Blues und orientalischen Klängen in Nordafrika probt, Christian Beck plaudert über  "eine schrecklich nette Kapelle": Die 17 Hippies (mehr hier ) aus Berlin , Micha H. Haarkötter stellt Peter Watsons Buch  "Das Lächeln der Medusa" vor.

Und in den Themen des Tages  erinnert Sabine am Orde an die Ereignisse  in Seattle vor genau einem Jahr, die Geburtsstunde der neuen Anti-Globalisierungsbewegung.

Schließlich Tom .


Neue Zürcher Zeitung,   30.11.2001

Dass der 11. September in New York auch soziale Folgen zeitigte, entnehmen wir der jüngsten New-York-Kolumne  von Andrea Köhler: "Es sind Bilder wie Ende der zwanziger Jahre: am Madison Square stehen morgens Trauben von Arbeitslosen auf der Suche nach einem Gelegenheitsjob. An die 100 000 Menschen haben am 11. September ihre Stelle verloren; die wenigsten haben Rücklagen, krankenversichert ist ohnehin kaum einer. New York ist eine Stadt der Schlangen geworden. Lange Reihen vor den städtischen Essensausgaben und den Suppenküchen der Wohlfahrtsverbände - mehr als doppelt so viele Leute wie letztes Jahr stehen für eine Mahlzeit an; insgesamt wird die Zahl derzeit auf eine Million New Yorker geschätzt."

Weiteres: Marc Zitzmann resümiert  den Saisonstart in den französischen Staatstheatern. Hanno Helbling liest  einen nur italienisch erschienenen) Essay des Renaissance-Historikers Vittore Branca über Machiavelli. Besprochen werden Zürcher Klavierabende  von Jewgeni Kissin und Mikhail Pletnev, Konzerte  Schweizer Ensembles beim Basler Musikmonat , Micha Puruckers Dance Energy  in Luzern und ein Auftritt  Gidon Kremers (mehr hier ) in Basel.


Süddeutsche Zeitung,   30.11.2001

Naomi Klein ("No Logo" )  war auf einer Party zu Ehren Nelson Mandelas - ganz nett, meint sie, nur um im Anschluss die Erfolge des ANC in Zweifel zu ziehen , "das hasenherzige Programm, ein Wachstum der Wirtschaft durch Unterwerfungsgesten gegenüber ausländischen Investoren anzustreben ... Die Resultate waren niederschmetternd. Seit 1993 sind eine halbe Million Arbeitsplätze verloren gegangen. Die Löhne für die ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung sind um 21 Prozent gesunken. In armen Gegenden sind die Wasserkosten um 55, die Stromkosten um sage und schreibe 400 Prozent gestiegen". Eine "wirtschaftliche Apartheid", so Klein, die nach einer neuen Widerstandsbewegung schreit.

Alex Rühle untersucht  die Sprache der amerikanischen Kriegsherren. Brandsätze, meint Rühle. "Mit dem 'Krieg gegen den Terror' ist die martialische Sprache der Kriegsfilme in den Diskurs der Politik eingebrochen: Die Rhetorik der Falken des Pentagon hat etwas vom breitbeinigen Gang eines John Wayne", erklärt er und befürchtet, dass sich die Hardliner mehr und mehr von der Realität entfernen: "Vieles spricht dafür, dass sich Rumsfeld selbst inzwischen eher als mythische Figur denn als hohen Beamten sieht. Auf die Frage, ob es nicht gescheiter wäre, Ländern wie dem Iran diplomatisch zu begegnen, statt ihnen militärisch zu drohen, hat er mit einem Satz von Al Capone geantwortet: 'Mit einem freundlichen Wort und einer Pistole in der Hand erreicht man mehr als nur mit einem freundlichen Wort.'"

Weiteres: Es gibt ein Interview  mit John Cale u.a. über den unermesslichen Wert der Avantgarde, Sibylle Berg denkt nach über  männliche Diskurshegemonie im Geschlechterkampf, Gottfried Knapp annonciert  die Wiedereröffnung der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel, Wolfgang Schreiber verrät , warum der Dirigent Kent Nagano beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin bleiben muss, Christian Jostmann schreibt  etwas wehleidig über die anstehende Reform des Dienstrechts der Universitäten und den Abschied vom alten "Prof", Patrick Krause erinnert an  David Humes Hauptwerk "Enquiry concerning the Principles of Morals", das am 30.11.1751 erschien. Und Reinhard Schulz liefert einen Nachruf  auf die Komponistin Grete von Zieritz.

Besprochen werden die Filmkomödie  "Ein Mann sieht rosa" mit Gerard Depardieu, eine Ausstellung  im Literaturhaus Berlin  über das Jahr 1929, eine Schau  über das Verhältnis von Prominenz und Werbung im Bonner Haus der Geschichte  und eine neue französische Übersetzung  des Alten und des Neuen Testaments wird vorgestellt..


Die Zeit,   29.11.2001

Ein Verriss, aber so was von liebevoll! Klaus Harpprecht schreibt  im Aufmacher des Zeit-Feuilletons über Heinrich Breloers Dokudrama "Die Manns" . "Zehn Hauptdarsteller nennt die Besetzungsliste und achtzehn Nebenrollen, die mehr verlangen als gehobene Statisterie. Sie stehen auch für Persönlichkeiten von Rang und Gewicht" wie Joseph Roth, von dem wir nicht viel mehr erfahren als "den melancholischen Hinweis, dass er im Begriff war, sich zu Tode zu saufen". Und was nicht alles fehlt in diesem 270-minütigen Dreiteiler! Bruderliebe und Bruderhass, das "Generalthema", die Todessehnsucht, das "fatale Laster" der Manns, die Literatur, das "Lebenselixier" der Familie: "verschenkt". Dafür dominiert die Homoerotik. Und doch: aus jeder Zeile liest man, wie glücklich unser Rezensent ist, dass es überhaupt einen Film über die Manns gibt. Er empfiehlt allerdings, sich auf das Epos durch die Lektüre des Begleitbuchs  vorzubereiten, für das sich die Autoren "unschätzbares Verdienst" erworben hätten.

Der syrische Dichter Adonis beklagt, dass westliche Intellektuelle den Afghanistan-Krieg befürworten, statt die arabisch-islamische Welt "so zu unterstützen, dass sie aus eigener Kraft der Rückschrittlichkeit, Menschen Verachtung und dem Terrorismus den Krieg erklären". Dass die Moslems aus eigener Kraft etwas tun müssen, dass Bin Laden "nur von innen" besiegt werden kann und muss, zeigt Adonis in seinem Artikel immerhin eindrucksvoll auf: Sie sollen einen "Krieg für Demokratie, Freiheiten, Menschenrechte und für Institutionen, die diese Werte schützen" führen. Wenn die moslemischen Intellektuellen diesen Krieg nur endlich führen würden, kämen die westlichen Intellektuellen schon nach.

Weitere Artikel: Ausstellungsmacherin Ulrike Jureit erklärt im Interview , was die neue von der alten Wehrmachtsausstellung unterscheidet ("es gibt deutlich weniger Fotos"). Petra Kipphoff freut sich  über die restaurierte Alte Nationalgalerie in Berlin ("Die Prinzessinnen. Sie sind wieder da."). Christof Siemes analysiert  die generalstabsmäßige Planung des Musicals "König der Löwen". Walter Moers hat auf einer ganzen Seite eine Liebeserklärung an Walt Disney gezeichnet. Hanno Rauterberg stellt Bauminister Kurt Boediwgs Report zur Lage der Baukultur in Deutschland vor. Und Claudia Herstatt berichtet über Objekte des Art deco und des Jugendstils, die "begehrt und rar" seien.

Besprochen werden Aoyma Shinjis "großartiger" Film  "Eureka", die neue CD "Romantik" der Element of Crime ("Es ist der Altberliner Kneipenblues, den Regeners, tja: rauchzarte Stimme heraufbeschwört. Kreuzberger Nächte und Schöneberger Abstürze revisited", schreibt Thomas Gross, der es wissen muss) und Globalisierungstheater : "Smarthouse" in Stuttgart und "Push Up 1 - 3" in Berlin.

Im Aufmacher des Literaturteils bespricht  Elisabeth von Thadden ein Buch des Wirtschaftshistorikers Ernst Peter Fischer: "Die andere Bildung". Das Zeit-Dossier  ist Afghanistan gewidmet.