Tageskarte Küche: "Fill & Grill"-Platte
Highend-Grillen Gegen den Bratwurst-Blues
Bevor der Elektrogrill aufgeheizt wird, ein kleiner Rückblick in die Lebensphase, in der mein Grillbewusstsein seinen Anfang nahm. An diesem Anfang war, nein, nicht das Feuer. Zumindest nicht im Elternhaus. Dort gab es aus Trotz keinen Grill, mussten die Ausgebombten nach dem Zweiten Weltkrieg doch bis zum Wiederaufbau des eigenen Hauses ohne ein echtes Dach über dem Kopf ihr Essen am offenen Feuer erwärmen. Nein, bei uns daheim brannte allenfalls das Holz unter dem Waschzuber.
Erst das Moped brachte mich und meine Freunde zum Open-Air-Garen. Die "Oswaldshöhle" in der Fränkischen Schweiz nahe Bamberg, vor Jahrhunderten schon als einfach bewachbarer Unterschlupf von Abenteuer suchenden Burschen genutzt, hat einen gut 15 Meter weiten Felsüberhang, unter dem man relativ wetterunabhängig hervorragend lagern, Feuerholz klein hacken, zündeln, die Bratwürste auf dem Rost mit Weidenstöckchen im Zaum halten und auf die neue Freiheit mit einem Kasten Bier anstoßen konnte.
Hier erwachte das Grilltier in mir, hier komponierte ich auf der Wandergitarre meinen ersten kleinen Fetenhit ("Black Bratwurst Blues"), hier entdeckte ich die Vorzüge des ausgemusterten Army-Schlafsacks - mit Ärmeln, um die großen Insekten zu vertreiben, deren Lebensraum wir mehr oder minder einvernehmlich teilten. Und hier holte ich mir auch die erste Nierenbeckenentzündung. Die von der Glut aufgeheizten Lagerfeuerbegrenzungssteine wärmten ja nur die Vorderseiten der im tiefen Bierrausch Schnarchenden.
Fill & Grill für Mann & Frau
So viel Rückblende sollte schon sein, bevor wir heute mal eben den Elektrogrill an die Balkonwandsteckdose anschließen, die Heizspirale hochlaufen lassen und ein paar edle Highend-Grillgüter auf den Rost legen. Fleisch ist beim heutigen Rezept außer ein bisschen Tatar, mit dessen Endprodukt wir dampfgegarte rote Zwiebeln vor dem Grillen füllen, aber keines dabei.
Fill & Grill bringt Spaß und Spannung für alle, die gerne gut essen. Die Kalamar-Tuben zum Beispiel, vielen nur als Gummiring in der Frittierpanade bekannt, werden bei unserem Rezept butterzart und tragen ihre Beilage gleich als Füllung in sich: orientalisch gewürzter Couscous mit kleinst geschnittenen Gemüsen, Oliven und peruanischen Limquats (Baby-Limetten).
Weit mehr als nur eine Sättigungsbeilage sind auch die Kartoffelhälften mit Ziegenkäsefüllung, die man sogar auf der Füllungsseite dekorativ angrillen kann, während bei den mit asiatisch abgeschmeckten Garnelen vollgestopften Zitronen die Schachuhr mitlaufen muss: Nach spätestens vier Minuten ist die Füllung gar und kann ausgelöffelt werden. Wer länger wartet, wird das bitter büßen. Eine Minute mehr oder weniger macht dagegen dem gleich mitgegrillten Nachtisch nichts aus. Langsam schmilzt der Zucker auf dem Strudel unter dem Grilldeckel zu knusprigem Karamell und vermischt sich mit dem Pistazienkernöl zu einem Dessert-Traum aus 1001 Nacht.
Einzig die gefüllten Tomaten zickten etwas, sie sind zu empfindlich für die direkte Hitze des Elektrogrills und wurden bei unserem Experiment matschig, noch bevor der Mozzarella in der Füllung geschmolzen war. Hier sind die Systeme mit Gas oder Kohle, die indirektes Garen erlauben, klar im Vorteil. Deshalb bei der Elektro-Version entweder die Tomate straff in eingeölte Alufolie einschlagen oder gleich auf ein anderes Gemüse (Paprikaschoten, Zucchini) ausweichen.
Von all dem träumten wir noch nicht einmal, kurz bevor wir in der Oswaldshöhle mit klammen Knochen aufwachten und die Restglut wiederentzündeten für die Frühstückswürstchen.
Rezept für Fill & Grill (Grillgericht für 2 Personen)
Vorbereitungszeit: 2 Stunden
Zubereitungszeit: 15 Minuten
Schwierigkeitsgrad: mittelschwer
Zutaten
Hackzwiebeln
2 große rote Zwiebeln
2 El Zwiebelwürfel
2 El Trehalosezucker*
1 Tl Knoblauch, gewürfelt
1 El brauner Zucker
100 ml Rotwein
100 ml Kalbsfond
100 g Rindertatar
1 El Thymianblättchen
1 El gehackter frischer Oregano
etwas gehackte rote Chilischote (nach Belieben)
4 El Tomatenwürfel
0,5 Tl bunter Pfeffer aus der Mühle
0,5 Tl Kräutersalz
Orientalische Kalamare
2 große Kalamar-Tuben
120 g Couscous
1 Tl Kurkuma
150 ml Gemüsebrühe
2 El kleine Karottenwürfelchen
1 Tl Baharat (oriental. Gewürzmischung)
1 Prise Sternanis, gemahlen
3 El schwarze Oliven ohne Stein, gehackt
1 Limquat (Mini-Limette; Alternativ: eine viertel kleine Bio-Limette)
3 El glatte Petersilie, grob gehackt
1 El kleine Knoblauchwürfelchen
2 El Stangensellerie, geschält und sehr fein geschnitten
2 El Frühlingszwiebel in feine Ringe geschnitten
1 Prise Pfeffer und Salz
1 El Olivenöl
2 Tl Kräutersalz
Spinat-Tomaten
2 große Fleischtomaten (z.B. cœur de bœuf)
100 g junger Spinat, blanchiert & grob gehackt (Nassgewicht)
2 El Pinienkerne
3 El Mozzarellawürfel (aus der Sorte Mozzarella Cucina, die durchgehend schnittfest ist)
2 halbtrockene Tomatenfilets
1 Prise bunter Pfeffer aus der Mühle
1 Prise Kräutersalz
Garnelen-Zitronen
2 große Bio-Zitronen
2 El Garnelen, in grobe Stücke geschnitten (auch TK-Ware geeignet)
0,5 Tl extrem fein geschnittener frischer Ingwer
1 Prise gemahlene australische Lemon Myrtle
1 El Pistazienkernöl
1 Prise weißer Pfeffer aus der Mühle
2 El frisch ausgelöste Erdnusskerne
2 Tl Erdnussöl
1 Prise Salz
1 El Bambus-Stifte (Asialaden)
1 El Frühlingszwiebel in feine Ringe geschnitten
Käse-Kartoffeln
2 große Kartoffeln
75 g Ziegenfrischkäse, mild
1 El Rosmarinspitzen, sehr fein gehackt
100 g glatter Frischkäse
0,5 Tl Limettenschalenabrieb
1 El Frühlingszwiebel in feine Ringe geschnitten
1 Prise Pfeffer und Salz
Kumquat-Strudel
150 g Kumquats
4 El brauner Zucker
eine halbe Tonkabohne
1 El englische Orangenmarmelade (bitter)
1 El Vanillezucker (mit echter Vanille)
75 ml frischer Orangensaft
50 g Mandelblättchen
3 El fein geriebene dunkle Kuvertüre (mind. 75 Prozent Kakaoanteil)
4 Blatt Yufkateig (ca. 30 x 30 cm)
3 El Pistazienkernöl
Zubereitung
Hackzwiebeln
Die großen Zwiebeln schälen, am Strunk minimal und oben etwas breiter abschneiden. Im Dampfgargerät (oder Backofen bei 100 Grad) bissfest garen, auskühlen lassen.
Trehalosezucker in einer Sauteuse schmelzen, Zwiebelwürfel 3 Min. darin dünsten. Knoblauch, Hack und braunen Zucker zugeben, oft umrühren. Nach 5 Min. mit Rotwein ablöschen, auf ein Viertel reduzieren, Fond zugeben, wieder auf ein Viertel reduzieren. Chili und Tomaten zugeben, ca. 20 Min. bei leiser Hitze cremig einkochen lassen. Kräuter zugeben, weitere 5 Min. garen. Im Mixer zu einer glatten Farce mixen.
Zwiebeln von oben mit einem scharfen Melonenausstecher vorsichtig aushöhlen, mit der Fleischmasse füllen. Bereit halten.
Übrige Farce kann mit weiteren Yufkateigblättern zu einem Strudel verarbeitet werden.
Orientalische Kalamare
Tuben ausführlich unter fließendem Wasser innen und außen abwaschen, trocken tupfen, auf Zimmertemperatur bringen.
In der Zwischenzeit den Couscous mit den Karottenwürfeln und dem Kurkuma kurz in der Brühe aufkochen, 20 Min. quellen lassen. Limquat (oder Limettenstück) gründlich waschen und in sehr feine Stückchen schneiden. Zusammen mit den restlichen Zutaten unterheben.
Tuben füllen, dabei vorsichtig stopfen. Am Rand ca. 4 cm frei lassen, Öffnung mit einem Holzspieß schließen. Tuben mit dem Öl einpinseln und dem Kräutersalz bestreuen.
Spinat-Tomaten
Tomatenfilets klein schneiden. Pinienkerne in einer Pfanne ohne Öl kurz anrösten, sie dürfen nicht schwarz werden. Von den gewaschenen Tomaten oben einen Deckel abschneiden, aushöhlen. Restliche Zutaten vermengen, Tomaten damit füllen, Deckel aufsetzen.
Garnelen-Zitronen
Zitronen unten leicht beschneiden, so dass sie aufrecht stehen. Oben Deckel abschneiden, aushöhlen.
Erdnusskerne im Öl mit etwas Salz anrösten, auskühlen lassen, im Mörser grob zerstoßen. Mit den restlichen Zutaten vermengen, Zitronen damit füllen, Deckel aufsetzen. Noch besser schmeckt es, wenn die Garnelen mit dem Öl, dem Ingwer und der Myrtle ein paar Stunden mariniert werden.
Käse-Kartoffeln
Kartoffeln waschen, horizontal halbieren und im Dampfgarer halbfest garen. Abkühlen lassen, mit einem Löffel aushöhlen. Kartoffelmasse mit den restlichen Zutaten mit einer Gabel zu einem Stampf vermengen, Kartoffelhälften damit füllen.
Kumquat-Strudel
Kumquats waschen, in feine Scheiben schneiden. Tonkabohne im Mörser fein zerkleinern. In einer Sauteuse den Zucker schmelzen, Kumquats darin karamellisieren, Tonkabohne, Vanillezucker und Marmelade zugeben, mit dem Saft ablöschen, langsam zu einer zähen, honigartigen Masse einkochen. Mandeln unterheben. Auf eine Backmatte streichen, abkühlen lassen.
Je 1 Yufkablatt mit dem Pistazienöl einpinseln und die Schokoflocken darauf verteilen. Im unteren Drittel einen ca. 6 cm breiten Streifen mit der Kumquat-Matte belegen, zweites Teigblatt oben auflegen. An der Rändern mit Wasser einpinseln. Seitlich an den Rändern ca. 5 cm weit einschlagen und von der Füllungsseite aus vorsichtig zu einer platten Rolle aufrollen. Ränder mit Wasser bepinseln und andrücken.
Rollen beidseitig mit Pistazienöl bestreichen & mit braunem Zucker bestreuen.
Anrichten
Wichtig ist bei Verwendung eines Elektrogrilles, der im Gegensatz zu einem guten Gasgrill mit drei Brennern oder einem Kohlegrill ja kein indirektes Grillen erlaubt, die exakte Reihenfolge, mit denen die Komponenten auf den Rost gelegt werden: Zuerst die Kalamare, diese nach 2 Min. bei geschlossenem Grilldeckel umdrehen. Nun die Zwiebeln und die Kartoffeln (mit der Füllung nach oben) auf den Rost legen, Deckel schließen. Nach 4 Min. die Kartoffeln umdrehen und die Tomaten (evtl. mit einem Stück Alufolie darunter) auflegen. Nach 2 Min. Zitronen dazu stellen und bei geschlossenem Deckel 4 Min. grillen. Sofort servieren - weitere Beilagen oder Saucen werden nicht benötigt.
Die Zitronen dürfen nur kurz in die Hitze, weil sie nach ca. 6-8 Minuten auf dem Grill unangenehme Bitterstoffe an die Füllung abgeben würden.
Der Strudel kann zusammen mit den Zitronen, aber auch nach dem Verspeisen der anderen fünf Komponenten auf dem Grill gebraten werden, wenn der Grillmeister in Ruhe essen will.
Küchen-Klang
Globalisiert und dennoch bodenhaftend wie dieses Rezept ist auch die Musik der Südafrikanerin Velile, die auf "Lion Queen" (Polydor) den massenkompatiblen, aber keineswegs flachen Afro-Dance-Pop ihres Debüts "Tales From Africa" verfeinert.
Getränketipp
Wir versuchten ein paar Weißweine, stellten aber fest, dass zu der Aromenvielfalt von "Fill & Grill" am Besten ein Spezialbier passt: Das "Sorachi Ace"* des Brooklyner Craftsbrewery-Gottvaters Garett Oliver, der diese Mischung aus Saisonbier und Farmhouse Ale erfrischend ins Limonige gedreht hat. Der japanische "Sorachi"-Aromahopfen sorgt dafür, dass sich nach Öffnen der Flasche der ganze Raum auf wunderbare Weise mit Holunderblüten zu füllen scheint.
*Bezugsquellen:
Trehalosezucker ;
Sorachi Ace.