HipHop-Soap "Unser Block": Charten statt Stylen - DER SPIEGEL
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HipHop-Soap "Unser Block" Charten statt Stylen

Wie bringt man ein Großstadt-Ghetto ins Teenie-Fernsehen? Mit dem Erfolg von Berliner Rappern wie Sido und Fler gehört Plattenbau zur Subkultur und darf nun auch vermarktet werden: Heute startet die HipHop-Doku-Soap "Unser Block" auf Viva.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hochhaussiedlungen garantieren nicht unbedingt Einschaltquoten. Bewohner von Betonwüsten sind oft arm, arbeitslos, alkoholkrank und wenig telegen. Doch seitdem sich einige junge HipHop-Musiker wie Sido und Fler aus dem Berliner Ghetto an die Spitze der deutschen Charts rappen, hat die Unterschicht eine Stimme.

Waren Berliner Problembezirke wie Neukölln oder das Märkische Viertel bisher bloß gefährlich und asozial, können die Ghetto-Kids nun auf plötzliche Berühmtheit hoffen. Sido hatte seinen ersten Charterfolg 2004 mit "Mein Block", ein Song, in dem der Rapper trotzig seine tiefe Bindung an eine Trabantenstadt besingt. "Unser Block" heißt die neue HipHop-Doku-Soap über das Leben in Neukölln, die von heute an in acht Episoden jeden Dienstag auf Viva ausgestrahlt wird.

Wollte man wirklich eine "Reality-Doku" über das Leben im Plattenbau drehen, bräuchte man in Neukölln nicht lange suchen, um Verlierer zu finden. Doch weil das Ghetto nicht bunt genug ist, um Teenager vor den Fernseher zu locken, hat die Münchener Produktionsfirma Tresor, die auch "Popstars" und "Die Abschlussklasse" auf die Mattscheibe brachte, das echte Leben etwas aufgehübscht. In "Unser Block" sind deswegen nicht die Nutten, Junkies und Dealer zu sehen, mit denen Sido seine Glaubhaftigkeit begründet.

Pimp my Ghetto

"Unser Block" begleitet nette Protagonisten aus der deutsch-türkischen Community durch ihren Alltag, porträtiert sympathische Rapper auf dem Weg nach oben und eine Tanzgruppe, die auf den Durchbruch wartet. Das Mädchen Leyla will lieber in die Disko als in die Schule, und der rechtschaffene Footballspieler Tom sorgt sich um seine alkoholkranke Mutter.

Charmante Aufreißer und niedliche Mädchen, garniert mit buntem Graffiti und in Szene gesetzt mit Handkamera, fetzigen Schnitten und sorgfältig ausgesuchten Soundschnipseln: Eine Mischung, die im aktuellen HipHop-Boom wohl einen Erfolg garantieren wird.

Zu sehen gibt es vor allem Alltagsprobleme von Berliner Teenagern, ganz banal und erfreulich unaufgesetzt. Leyla streitet sich zuerst mit ihrer Mutter und dann mit ihrem Freund Victor: "Ich bin ein türkisches Mädchen und darf nicht ständig ausgehen, du musst mich auch verstehen!". Victor wird in der nächsten Szene beim Schwarzfahren erwischt, nutzt aber die Situation, um eine Lady anzubaggern: "Eine Frau sollte ein übertrieben süßes Lächeln haben und auf jeden Fall blond sein - und Victor holt sie sich", sagt er selbstbewusst über sich.

Viel Realität ist an der Doku-Soap nicht dran. Die drei Hauptdarsteller She-Raw, Serk und Amun tragen zwar auch im wirklichen Leben ihre Künstlernamen, stammen aber nicht aus dem sozialen Brennpunkt Neukölln, sondern aus den bürgerlicheren Bezirken Steglitz und Tempelhof. Den Rest der Besetzung bilden Laiendarsteller von der Straße.

Das war's dann aber auch an echtem Streetlife. Die Handlung der Ghetto-Geschichten folgt einem Drehbuch, und auch wenn sich Dialoge in Neukölln ähnlich anhören dürften wie in "Unser Block", ist Viva von wirklicher Street-Credibility mit diesem fröhlichen Best-Of der Subkultur HipHop dennoch weit entfernt.

Ausrutscher oder Startrampe?

Die besten Szenen in "Unser Block" sind deswegen solche, die mit wenig Inszenierung auskommen: Rapper Serk MC und seine Kollegin She-Raw wollen endlich eine eigene Platte aufnehmen und haben für einen Tag ein professionelles Tonstudio gemietet. Doch die Aufnahmen wollen nicht so recht klappen, denn keiner hat seine Texte auswendig gelernt. Ihr Manager Yarit wird nervös, denn auch sein Geld steckt in dem Projekt.

Im echten Leben wird sich Amanda Murray alias She-Raw mit dem Projekt wenig Szene-Respekt verschaffen, an kommerzieller Prominenz gewinnt sie dafür enorm. Gerade hat die 22-Jährige ihr erstes Album veröffentlicht und findet sowohl für Battle-Punchlines wie für soulige Balladen Anerkennung. Jetzt schon scheint sie sich einen Platz in der Berliner Männerdomäne Deutschrap gesichert zu haben und wird für diesen Soap-Ausrutscher in der bunten Viva-Welt kräftig beschimpft. Aber vielleicht ist ihr das auch egal. "Alter, ich will charten!" ruft Serk seiner Kollegin in einer Szene der ersten Folge im Tonstudio zu. Charten statt stylen - das ist das Prinzip von "Unser Block". Plattenbau, ja, das muss wohl so sein im HipHop - aber bitte mit Lack.

"Pimp my Life" singt She-Raw dann auch folgerichtig auf ihrem ersten Album "Beauty And The Beats", das auf dem unabhängigen Berliner Label Maintheme Records erschienen ist. Sie will mit jedem ihrer Songs Millionen verdienen, singt sie auf Englisch, sie sehnt sich nach einer Wohnung mit 20 Zimmern und einem riesigen Garten. Aus Berlin-Steglitz stammt die Tochter eines Amerikaners und einer Deutschen, sie singt gut und rappt noch besser und überlässt die deutschsprachigen Anteile des Albums ihrem Kollegen Serk MC. Amanda Murray braucht die Vergleiche mit international berühmten Kolleginnen nicht scheuen, mancher nennt sie gar "die deutsche Missy".

Ersehnte Ziele: Geld und Ruhm

Den Soundtrack zu "Unser Block" allerdings hat die Berliner Crew von Maintheme Records in fünf Tagen aufgenommen, und wie ein einfallsloser Begleiter zur Soap klingt er auch. Sie habe für das Album mit dem Titel "41 Karat" jeden Tag zwei Tracks geschrieben und aufgenommen, schreibt She-Raw im Booklet. Herausgekommen sind dabei ganz passable Songs wie "Amun, She-Raw & Serk", "Berlin 4 Life" und "Topspitta", ansonsten bleibt die Platte eine eilige Produktion. Die "41" steht dabei für die Berliner Stadtteile Steglitz, Tempelhof und Schöneberg, der Heimat der "Block"-Hauptdarsteller She-Raw, Serk und Amun.

"Unser Block" kommt nicht umhin, ein bisschen nach "Unter uns" zu klingen, und auch wenn das neue Format mit der täglichen Seifenoper auf RTL nichts gemeinsam haben will, bleibt es doch eine inszenierte Pseudo-Doku mit durchschnittlichen Berliner Kids als Schauspielern, die relativ natürlich durcheinander plappern und zwischen den Handlungs-Abschnitten noch mal separat "interviewt" werden. Eine Handkamera suggeriert zusätzlich Authentizität. "Ein Format, hart und nah am Leben", wie Viva vollmundig verspricht, ist das nicht, nur weil es Jugendliche zwischen Hoffnung, Hochhäusern und HipHop zeigt. Um Erfolg und Misserfolg, Glück und Pech, Freund- und Liebschaften kreist auch "Unter Uns".

Immerhin ist die Serie inspirierter als andere deutsche Reality-Shows aus der Musikbranche wie etwa die unsägliche Doku "Sarah and Marc in Love". Letztlich geht es den mitwirkenden Rappern um dasselbe wie dem Kölner Sender: Geld und Berühmtheit ohne Produktionskosten. Und dieses Geständnis ist tatsächlich nah dran am Leben.


"Unser Block", acht Folgen, jeden Dienstag um 21.00 Uhr auf Viva