Hirnforschung Typisch Frau? Von wegen!
"Die Wissenschaft hat festgestellt ..." So beginnen häufig die Argumentationen in populärwissenschaftlichen Büchern, mit denen Klischees über die angeblich natürlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu unumstößlichen Wahrheiten deklariert werden. Noch genauer: Die Hirnforschung könne uns jetzt im Detail zeigen, wo die Ursachen dafür liegen, dass die Frau sozial, kommunikativ, emotional und häuslich sei, der Mann dagegen aggressiv, wettbewerbsorientiert und hinausdrängend in die Welt.
Geschlechter-Trennung und -Gemeinsamkeit: Dem Hirn ist's egal
Foto: DDPZwei Botschaften werden hiermit vermittelt. Diese Unterschiede seien unser Schicksal, wir könnten sowieso nichts daran ändern. Und diese Unterschiede hätten sich in unserer Evolution entwickelt und körperlich verankert, weil es eben so vorteilhaft für das Fortbestehen unserer Gesellschaft sei, wenn Frauen und Männer für unterschiedliche Arbeitsfelder biologisch prädestiniert sind: die Frau als Beziehungshüterin, der Mann als der Kämpfer um die überlebenswichtigen Ressourcen.
Die heutige Geschlechter- oder Genderforschung kann eine Menge zu dieser Diskussion beitragen. Anders als vielfach in den Medien verbreitet, ist der Feminismus weder tot noch bereiten wir Feministinnen uns darauf vor, mit Hilfe des "Gender Mainstreaming" die Weltherrschaft zu übernehmen, wie Volker Zastrow von der FAZ es gerne als Schreckensbild an die Wand malt. Tatsächlich allerdings verunsichern wir den Glauben an die angeblich so unumstößlichen wissenschaftlichen Wahrheiten zur Naturhaftigkeit der Geschlechterunterschiede. Und das ist nicht bedrohlich, sondern eröffnet ganz neue Möglichkeiten: Feminismus und Geschlechterforschung zeigen Wege auf, wie wir alle mit unseren Körpern oder unseren Gehirnen umgehen können, ohne immer gleich in die Glaubensfalle zu tappen, dass die Biologie uns schicksalhaft auf unveränderliche Verhaltensmuster festlege.
Es war eines der größten Verdienste der Geschlechterforschung, die Kategorien Sex (= biologisches Geschlecht) und Gender (= soziales Geschlecht) zu trennen. So konnte gezeigt werden, dass Weiblichkeit und Männlichkeit eben keine rein natürlichen Bestimmungen sind. Geschlechterzuschreibungen und Geschlechterrollen, ihre Bewertungen und Hierarchien werden in der Gesellschaft ausgehandelt und durch ihre Strukturen verfestigt. Jede und jeder einzelne wächst gewissermaßen in diese Geschlechterrollen mehr oder weniger hinein. Das Mehr oder weniger ist dabei wichtig, denn glücklicherweise ist dieses Doing Gender, dieses tagtägliche Herstellen von Geschlecht, eben nicht biologisch festgelegt. Mädchen müssen nicht nur mit Puppen spielen, Jungen müssen nicht immer nur raufen. Frauen können sehr wohl die angeblich männlichen Berufe ergreifen und als Managerin, Informatikerin oder Baggerfahrerin erfolgreich sein; Männer sind genauso gute Lehrer, Erzieher oder Krankenpfleger. Und so können wir zumindest für unseren Kulturkreis sagen, dass die angeblich so getrennten Geschlechterrollen zunehmend durchbrochen werden. Auf der Genderebene verschwimmen die Unterschiede zwischen Frauen und Männern immer mehr.
Was machen wir nun aber mit der Kategorie Sex, also dem biologischen Geschlecht? Sicherlich war es lange Zeit so, dass sich die sozialwissenschaftlich geprägte Genderforschung mit den körperlichen Aspekten des Geschlechts wenig befasst hat. Über den Sex zu forschen war eher verpönt, roch es doch nach Biologismus. Doch das hat sich in den letzten Jahren geändert. Heute ist es eine der spannendsten Fragen, wie biologisches und soziales Geschlecht zusammenwirken. Wir alle agieren mit unseren Körpern, wir verändern sie, wir setzen sie in der Interaktion mit anderen oder beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt ein. Nicht umsonst hat der Slogan 'Körper als Bioaktie' heute Konjunktur. Unsere gesamte Entwicklung, unser Denken und Handeln spielt sich ständig in einem Netzwerk aus Wechselbeziehungen zwischen Körper und Umwelt, zwischen Natur und Kultur ab. Biologie und Gesellschaft können nur zusammen verstanden werden.
Weil die Genderforschung diese Wechselbeziehungen genauer in den Blick nimmt, kann sie heute zwei Dinge deutlich machen. Sie kann erstens den Blick öffnen, wie vielfältig Geschlechter tatsächlich sind, und zwar sowohl was ihre Körper als auch was ihre gesellschaftlichen Rollen betrifft. Sie kann zweitens zeigen, wie sich gesellschaftliche Vorstellungen und die Wissenschaft, insbesondere die naturwissenschaftliche Forschung, gegenseitig beeinflussen. Denn auch Forscher und Forscherinnen arbeiten nicht im luftleeren Raum. Geleitet von ihren Vorstellungen über angeblich vorhandene oder fehlende Unterschiede zwischen Frauen und Männern entwickeln sie Theorien und Experimente, wählen sie Daten aus und lassen andere weg, publizieren sie bestimmte Interpretationen ihrer Ergebnisse. Das heißt nicht, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dies mit Absicht oder bewusst tun; vielmehr wirken Geschlechtervorstellungen auf ihre Arbeit ein, eben weil sie versuchen, diese zu ignorieren.
Umgekehrt werden bestimmte Ergebnisse der Wissenschaft, die zu den gängigen Vorstellungen passen, häufiger aufgegriffen als andere. Und damit schließt sich der Kreis. Denn das, was die Wissenschaft angeblich bewiesen hat folgen wir den populärwissenschaftlichen Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendungen oder Büchern , das beeinflusst nun auch wieder unsere Vorstellungen von Geschlecht. Genau hier können wir ansetzen und näher betrachten, welche wissenschaftlichen Befunde denn überhaupt vorliegen, wie sie entstehen, welche gesellschaftlich wirksam werden und wie wir den Blick für andere Umgangsweisen mit Körper und Geschlecht öffnen können.
Was die Wissenschaft so alles feststellt
Ich will das am Beispiel der Hirnforschung einmal genauer verfolgen. Denn die Hirnforschung ist heute einer der wichtigsten Referenzgeber, wenn es um die Ursachen von Geschlechterunterschieden in Verhalten und Leistungen geht. Sind Frauen tatsächlich sprachbegabter und können sich Männer tatsächlich räumlich besser orientieren? Lässt sich das durch ihre Hirnstrukturen und Aktivierungen im Gehirn belegen? Was zeigen uns die schönen bunten Bilder des Gehirninneren? Und was bedeutet es schließlich, wenn bei Erwachsenen Unterschiede im Gehirn festgestellt werden? Waren diese dann von vornherein festgelegt? Sind sie unveränderlich und gelten sie für alle Frauen und alle Männer?
Betrachten wir unsere Schaltzentrale einmal eingehender. Die moderne Hirnforschung verspricht mit ihren neuen Methoden den "Blick ins lebende und arbeitende Gehirn". Mithilfe der Computertomographie (u.a. funktionelles Magnetresonanzimaging, fMRI, oder Positronenemissionstomographie, PET) werden Aktivierungsmuster in bestimmten Hirnarealen bei der Lösung spezifischer Aufgaben gemessen. Die Befunde werden dann zur Erklärung von Leistungsunterschieden in diesen Aufgaben herangezogen.
Wenn es um die sprachlichen und räumlichen Fähigkeiten von Frauen und Männern geht, steht immer wieder die Frage im Mittelpunkt, wie die beiden Hirnhälften zusammenarbeiten. Seit den 1970er Jahren ist dabei eine Theorie leitend für die Forschung: Frauengehirne würden stärker mit beiden Hirnhälften gleichzeitig arbeiten und das führe zu besseren Sprachleistungen. Männergehirne seien asymmetrisch organisiert, sie würden vorwiegend die eine oder die andere Hirnhälfte nutzen und könnten deshalb besser räumliche Aufgaben lösen. Eng damit zusammen hängt die Frage nach der Dicke des Faserbündels, des so genannten Corpus Callosum, das die beiden Hirnhälften verbindet und über das die Informationsübertragung zwischen ihnen erfolgt. Wenn, so die Hypothese, bei Frauen beide Hirnhälften stärker zusammenarbeiten, sollte auch ihr Corpus Callosum oder zumindest Teile davon größer sein.
Bennet Shaywitz und sein Team untersuchten 1995 als erste mit den neuen Verfahren die Aktivierung im vorderen Hirnlappen bei der Reimerkennung. Sie berichteten von 19 Männern mit eindeutig linksseitiger Aktivierung, wohingegen sie bei 11 von 19 getesteten Frauen Aktivierung in beiden vorderen Hirnhälften feststellten. Somit war bewiesen, was bewiesen werden sollte: Im Durchschnitt arbeiten in Sprachaufgaben Männer einseitig und Frauen beidseitig. Die Gehirn-Bilder dieser Publikation erschienen nicht nur auf der ersten Seite der renommierten Fachzeitschrift "Nature", sie werden auch bis heute immer wieder gerade in Übersichtsartikeln oder in populärwissenschaftlichen Büchern zitiert, und zwar als Beleg für die unterschiedliche "generelle Sprachverarbeitung zwischen Frau und Mann".
Meistens wird jedoch nicht erwähnt, dass in dieser Untersuchung auch noch andere Sprachaufgaben getestet wurden, beispielsweise zur Orthographie oder zur Erkennung von Wortpaaren, bei denen sich keine Unterschiede fanden. Selten wird erwähnt, dass die Frauen und Männer beim Reimen, beim Buchstaben- oder Wortpaarerkennen gleich gut abschnitten. Und gar nicht wird erwähnt, dass innerhalb der Hirnforschung die Ergebnisse dieser Untersuchung ziemlich kritisch diskutiert wurden. Denn die Statistik war dann doch nicht so eindeutig, die Gruppenunterschiede waren nach der üblichen Schwelle nicht signifikant, und ob von jeweils 19 Männern und 19 Frauen auf generelle Geschlechterunterschiede geschlossen werden kann, wurde auch bezweifelt.
Seitdem sind mehr als zehn Jahre ins Land gegangen und eine Reise durch die aktuelle Forschungslage widerlegt einfache Zuschreibungen. Die Befunde sind enorm widersprüchlich. Publikationen, die bei Frauen beidseitige und bei Männern einseitige Sprachverarbeitung im Gehirn präsentieren, stehen Arbeiten gegenüber, die keine Unterschiede in der Verteilung der Aktivierungsmuster finden. So konnten beispielsweise Julie Frost und KollegInnen 1999 in einer fMRI-Untersuchung mit 50 Frauen und 50 Männern bei einer Wortpaarerkennung keine Unterschiede in der Asymmetrie der Hirnaktivierung feststellen. Das führte Iris Sommer und KollegInnen 2004 dazu, in einer Metauntersuchung einmal all die vorliegenden Studien und Ergebnisse vergleichend zu analysieren. Bei insgesamt 442 Frauen und 377 Männern (und auch das sind ja noch nicht so enorm viele) konnten sie keine übergreifenden Geschlechterunterschiede feststellen. Die Variabilität innerhalb der Geschlechtergruppen ist insgesamt weitaus höher als die Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Es gibt also bei der Sprachverarbeitung weder das typische Frauengehirn noch das typische Männergehirn.
Was Geschlechterforschung bewegen kann
Ähnliches gilt für Geschlechterunterschiede bei der räumlichen Orientierung. Beim Drehen von geometrischen Figuren im Kopf, der so genannten "Mentalen Rotation", sind beispielsweise Zentren im rechten Schläfenlappen beteiligt. Bei der Richtungsnavigation spielt der rechte Hippocampus (eine Region am Innenrand der Hirnrinde) eine wichtige Rolle. Und wieder finden wir widersprüchliche Ergebnisse dahingehend, ob bei Männern die Hirnhälften häufiger asymmetrisch arbeiten als bei Frauen oder nicht. Während eine Forschungsgruppe um Georg Grön 2000 in einer computersimulierten Raumaufgabe unterschiedlich aktivierte Hirnareale bei Frauen und Männern präsentierte, fand eine Nachfolgestudie von Richard Blanch und KollegInnen 2004 keine entsprechenden Unterschiede. Die unterschiedlichen Ergebnisse kommen auch daher, dass sich die Raumorientierung aus einer Vielzahl von Strategien zusammensetzt, die erlernt werden. Die individuelle Erfahrung in Kindheit und Jugend spielt für die Ausbildung von räumlichen Strategien ebenso eine Rolle wie die Verbindung mit Sicherheits- und Angstgefühlen. Doch wiederum finden vorwiegend nur solche Befunde den Weg in die Öffentlichkeit, die Unterschiede festschreiben. Prägnantes und bekanntestes Beispiel hierfür sind die pseudowissenschaftlichen Bücher von Allan und Barbara Pease, die eingeschränkt und teilweise sogar verfälscht angebliche Wahrheiten der Neurowissenschaften über Raumareale im Gehirn von Männern (Frauen fehlen hier ganz) verkünden.
Kommen wir schließlich noch zum immer wieder gerne angeführten angeblich größeren Balken bei den Frauen. Für nahezu jede Untersuchung zum Corpus Callosum, die einen Geschlechterunterschied präsentiert, lässt sich eine andere finden, die keine Differenzen zeigt. Auch hier wiesen Katherine Bishop und Douglas Wahlsten schon 1997 in einer Metaanalyse von über 40 Studien mit mehr als 1000 Versuchspersonen nach, dass auch im Corpus Callosum die Variabilität innerhalb der Geschlechtergruppen weitaus größer ist als die Differenzen zwischen Frauen und Männern.
Die Liste der widersprüchlichen Untersuchungen ließe sich noch lange fortsetzen, aber das würde irgendwann langweilig. Interessanter ist es, einmal nachzufragen, warum die Öffentlichkeit von diesen Widersprüchen und Diskussionen so wenig mitbekommt. In der gesellschaftlichen Verbreitung der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse tauchen gegensätzliche Befunde gar nicht mehr auf. Das hat auch etwas mit der naturwissenschaftlichen Veröffentlichungspraxis selber zu tun. Fehlende Unterschiede oder Gleichheiten der Geschlechter sind eben keine publikationsfähigen Ergebnisse. Sie werden höchstens am Rande erwähnt, aber selten in den Mittelpunkt einer Publikation gestellt. Das zeigt, dass die Naturwissenschaft nicht neutral ist, wenn es um die Erkenntnisproduktion und Wissensverbreitung geht. Auch sie ist geprägt von der grundsätzlichen Annahme, dass Frau und Mann zwei getrennte Kategorien sind. Und so werden zwischen ihnen vorwiegend Unterscheide gesucht. Passende Ergebnisse stehen im Vordergrund, unpassende im Hintergrund.
Doch ganz so einfach macht es sich die Hirnforschung nicht. Sie fragt nach, warum die Ergebnisse so unterschiedlich sind, warum die Variabilität der einzelnen Gehirne die Gruppenunterschiede übersteigt. Und tatsächlich ist die Theorie der von Geburt an unterschiedlich verdrahteten und zeitlebens unveränderten Frauen- und Männergehirne nicht die einzige, die in der Wissenschaft diskutiert wird. Die Theorie der Hirnplastizität liefert inzwischen viele Beispiele, wie dynamisch sich unser Gehirn beständig an Erfahrungen anpasst. Die Netzwerke der Nervenzellen in der Hirnrinde werden stabilisiert, ab- und umgebaut, immer abhängig von den Informationen, die sie verarbeiten müssen. Die Knotenpunkte zwischen den Nervenzellen, die so genannten Synapsen, verändern sowohl ihre Aktivität als auch ihre Anzahl und Vernetzung, je nachdem was und wie gelernt wird. Die Hirnplastizität beginnt schon vorgeburtlich, hat ihre höchste Dynamik in Kindheit und Jugend und ist zeitlebens für unsere Lernfähigkeit verantwortlich.
Wenn wir in diese Arbeitsfelder der Hirnforschung hineinschauen, finden wir durchaus auch andere Befunde. Die Arbeitsgruppe um Cordula Nitsch an der Universität Basel konnte beispielsweise 2001 zeigen, dass sich Sprachareale im Gehirn überlappen, wenn eine Person sehr früh zwei Sprachen gleichzeitig erlernt. Wird die zweite Sprache dagegen erst später erworben, bilden sich getrennte Sprachareale aus. Nach unterschiedlichen Erfahrungen ist das Gehirn also auch etwas anders strukturiert und funktioniert anders. Eleanor Maguire und ihr Team zeigten 2000, dass sich Areale der räumlichen Verarbeitung im Hippocampus bei Taxifahrern aufgrund des intensiven Navigationstrainings stärker vernetzen. MusikerInnen, die vom Kindesalter an intensiv beidhändig trainierten, entwickeln ein dickeres Corpus Callosum in den Bereichen, welche die Hirnareale für Motorik verbinden, so die Befunde von Gottfried Schlaug und Kollegen 1995. Selbst in kürzeren Zeitabschnitten verändert sich nach einer aktuellen Studie von 2004, die Bogdan Draganski und Kollegen durchführten, die Vernetzungsdichte in bestimmten Gehirnzentren: Ungeübte Studierende wiesen nach zweimonatigem Jonglier-Training eine erhöhte Synapsendichte auf, die nach Beendigung des Trainings wieder abnahm.
Das Konzept der Hirnplastizität erklärt also die Variabilität unserer Gehirne aus unseren unterschiedlichen Erfahrungen. Und so wird auch Ihr Gehirn, liebe Leserin und lieber Leser, nach diesem Artikel etwas anders aussehen als zuvor. Denn dieses faszinierende Netzwerk in unserem Kopf will einfach nicht stillhalten, es überschreitet ständig die Grenze zwischen Natur und Kultur. Damit lässt es sich auch nicht in ein einfaches binäres Geschlechterkorsett zwängen. Es gibt weder das männliche noch das weibliche Gehirn, es gibt auch kein Unisex-Gehirn. Jedes Gehirn ist einzigartig.
Aber man sieht es doch!
Ich komme noch einmal auf die Frage zurück, warum in der Öffentlichkeit die Festschreibung von Geschlechterdifferenzen im Gehirn einen Siegeszug beschreitet, wenn doch die aktuellen Theorien der Hirnforschung ganz andere Interpretationen zulassen oder sogar nahelegen. Hier spielen die neuen Bilder aus dem Innern des lebenden Gehirns bei der Arbeit und ihre rasante Verbreitung über Zeitschriften und das Internet eine wichtige Rolle. Machen wir uns nichts vor, diese Bilder sind faszinierend. Sie sind bunt, sie wirken überaus lebendig und sie vermitteln Eindeutigkeit. Rote Flecken im linken oder rechten Hirnlappen implizieren, dass genau an dieser Stelle das Sprachareal liege und es bei Frauen auf beiden Hirnseiten arbeite und bei Männern eben nur auf einer.
Doch was zeigen uns diese Bilder wirklich? Zunächst einmal sind sie keine direkten Abbilder aus dem Innern des Gehirns, denn erst mit Hilfe von komplizierten mathematischen, informatischen und computergraphischen Berechnungsverfahren werden aus den Daten, die im Scanner erhoben werden, Bilder konstruiert. Dabei benutzen verschiedene Laboratorien heute eine fast unüberschaubare Menge von Berechnungsverfahren in unterschiedlichen Kombinationen. Im Verlauf der Bildkonstruktion wird eine Vielzahl von Entscheidungen getroffen, was ins Bild hineinkommt, was weggelassen wird, was hervorgehoben wird oder in den Hintergrund tritt. Forscher und Forscherinnen aus einem bestimmten kulturellen Umfeld, geprägt durch bestimmte Vorstellungen von Geschlecht oder Geschlechterdifferenzen, treffen diese Entscheidungen. So konnte beispielsweise Anelis Kaiser aus der Forschungsgruppe von Cordula Nitsch 2004 zeigen, dass Geschlechterunterschiede in der Aktivierung von Spracharealen im Bild auftauchen oder nicht, je nachdem welche (wissenschaftlich anerkannte) statistische Schwelle bei der Berechnung der Gruppenbilder eingestellt wurde.
Die Bild gebenden Verfahren der Computertomographie haben zweifelsohne viele Vorteile für die neuromedizinische Diagnose und Behandlung von einzelnen Patientinnen und Patienten. Denn hier haben sich Kliniken auf bestimmte Verfahren spezialisiert, können Tumore entdecken oder vor einer Operation gefährdete Hirnareale genau bestimmen. Schwierig wird es jedoch, wenn die Ergebnisse von unterschiedlichen Forschungsgruppen nach unterschiedlichen Berechnungsverfahren verglichen werden sollen, ein Problem, das auch innerhalb der Hirnforschung intensiv diskutiert wird.
Noch schwieriger wird es, wenn generelle Aussagen über Gruppenunterschiede von Frauen oder Männern, Kranken oder Gesunden, Intelligenten oder weniger Intelligenten gemacht werden sollen. Ein Bild sagt zwar scheinbar mehr als tausend Worte, aber es lässt auch viele Dinge weg, die nur in Worten ausgedrückt werden können. Dem Gruppenbild "der Frau" oder "des Mannes" sind die Differenzen zwischen den einzelnen Befunden oder die zeitliche Dynamik, mit der sich das Gehirn verändert, nicht mehr anzusehen. Ein Befund zur Hirnaktivierung bei der Lösung bestimmter Aufgaben oder zur Größenbestimmung bestimmter Hirnareale, der zu einem bestimmten Lebenszeitpunkt von einer Person erhoben wird (im Brain Imaging werden vorwiegend Erwachsene untersucht), ist nur eine Momentaufnahme. Das Bild sagt uns nichts über die Entstehung dieser Struktur oder jener Aktivierung und über ihr weiteres Fortbestehen. Es hilft uns nicht bei der Frage, was die Ursache und was das Ergebnis unseres Verhaltens ist.
Es ist daher wichtig, immer wieder zu zeigen, dass die Gleichsetzung von Hirnstrukturen und -funktionen mit natürlichen Ursachen so einfach nicht funktioniert. Und damit sind wir wieder beim Körper angelangt und bei der Genderforschung. Wir kommen einfach nicht mehr darum herum zu sehen, dass Biologie nicht Schicksal ist, dass Körper beständig geformt und verändert werden. Aber das geschieht immer unter bestimmten sozialen und kulturellen Vorstellungen davon, wie der Körper der Frau oder des Mannes zu sein hat oder sein könnte. Damit werden dem Körper nicht nur geschlechtliche Bedeutungen zugeschrieben, er wird selber durch geschlechtlich geprägte Erfahrungen geformt und die Wahrnehmung dieses Körpers beeinflusst umgekehrt wiederum Denken und Handeln.
In der Genderforschung wird heute an vielen Phänomenen untersucht, wie Körper und Gesellschaft zusammenwirken. Ob beim Fitnesstraining oder Bodybuilding, über Schönheitsoperationen, Piercings und Tattoos oder mittels technischer Implantate, ob durch Hormonbehandlungen oder Geschlechtsoperationen bei Transsexuellen: Körper werden ständig in einem Netzwerk gesellschaftlicher und kultureller Praxen neu verhandelt. Welche Körpertechniken von Einzelnen oder von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen positiv oder negativ bewertet werden, ist hier gar nicht die entscheidende Frage. Vielmehr geht es darum, die Augen zu öffnen, wie vielfältig diese Gestaltungsprozesse sind, wie viele unterschiedliche Körper- und Geschlechterfacetten hier deutlich werden.
Denn nur durch das Sichtbarmachen von solchen vielfältigen Möglichkeiten lässt sich das Stereotyp von der universellen Frau und dem universellen Mann aufbrechen. Und nur wenn diese festen Kategorien aufgebrochen werden, kann eine Öffnung von Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten unabhängig vom Geschlecht vorankommen. Und wenn tatsächlich einmal nicht mehr gebetsmühlenartig heruntergebetet wird, wie ein typisches Mädchen sich zu verhalten hat, was ein typischer Junge darf und was nicht, können wir ja wieder nachschauen, was in deren Hirnbildern dann zu sehen ist.
Sigrid Schmitz ist Biologin und Hochschuldozentin für "Mediatisierung der Naturwissenschaften und Genderforschung" an der Universität Freiburg. Sie leitet zusammen mit der Professorin Britta Schinzel das "Kompetenzforum Genderforschung in Informatik und Naturwissenschaft [gin]": http://gin.iig.uni-freiburg.de.