Histotainment im TV Geschichte in happy Häppchenform
Wie mächtig die Geschichte ist, sollte der Papst eigentlich am besten wissen. Gut zweitausend Jahre Erfahrung stehen ihm zur Verfügung, Inquisitions- und Folterprotokolle inklusive. Doch auch er erhält in diesen Tagen schmerzlichen Nachhilfeunterricht.
Sein fatales Signal an die Welt, einen christlich-fundamentalistischen Holocaust-Leugner zu rehabilitieren, hat einen wahren Sturm der Entrüstung hervorgerufen.
Denn wenn es irgendein historisches Ereignis gibt, das nie zu vergehen scheint, dann ist es der Völkermord an den europäischen Juden zwischen 1941 und 1945 Geschichte, die immer noch Gegenwart ist.
Gerade in Deutschland hat sich seit Jahrzehnten eine Kultur der Erinnerung und Vergegenwärtigung entwickelt, die mit dem Begriff "Vergangenheitsbewältigung" nur notdürftig umschrieben wird. Spätestens seit dem sensationellen Erfolg der US-TV-Serie "Holocaust", die 1979 im deutschen Fernsehen gezeigt wurde, haben die deutschen Fernsehmacher das Thema aller Themen auch für sich entdeckt.
Heute, 30 Jahre später, kann niemand mehr zählen, wie viele Dokumentationen, Features, Diskussionsrunden, Talkshows, Spiel- und Fernsehfilme über Hitler und den Nazi-Terror insgesamt ausgestrahlt worden sind. Allein die Produktionen des ZDF aus dem Hause Guido Knopp ("Hitlers Helfer" I und II, "Hitlers Krieger", "Hitlers Frauen", "Die Wehrmacht", "Holokaust" u.v.a.) sind schier unüberschaubar.
Viel Grauen, viel schauen
Dabei hat Knopps Fernseh-Dramaturgie durchaus Schule gemacht - eine süffige Mischung aus Zeitzeugen-Interviews, Originalaufnahmen, nachgestellten Szenen und einem eindringlichen, teils mit dräuenden Musikschwaden unterlegten Off-Kommentar.
So sehr sich in dieser Endlosschleife der fernsehgerechten Historisierung Bilder und Köpfe, Zahlen und Fakten wiederholen - sie trifft auf ein Bedürfnis des Publikums. Je ferner der Schrecken rückt, desto detaillierter entfaltet sich das ganze Panorama des Grauens. Zuweilen wird es konsumästhetisch derart mundgerecht serviert, dass böse Zungen schon von "Nazi-Pornos" sprechen.
"Der Führer geht immer", sagen die Zyniker, und manche von ihnen haben schon auf die sechsteilige Serie "Hitlers Hunde" gewettet.
Doch so dominant das deutsche Trauma des 20. Jahrhunderts nach wie vor ist - längst hat sich die intensive Beschäftigung mit Geschichte und Zeitgeschichte im deutschen Fernsehen auf viele andere Gegenstände und Epochen ausgeweitet. Im vergangenen Jahr war "1968" an der Reihe, das 40-jährige Dienstjubiläum der Studentenrevolte. RAF, "Mogadischu" und "Deutscher Herbst", der Terrorzusammenhang des "Baader-Meinhof-Komplexes", wurde derart ausdauernd und systematisch abgehandelt, dass man glauben konnte, nichts sei wichtiger gewesen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Zuvor liefen aufwendige Serien über den Beginn der Bundesrepublik, etwa die Doku-Reihe "Unsere fünfziger Jahre" und "Unsere sechziger Jahre", in denen eine "Geschichte von unten" präsentiert wurde, bei der die ineinandergeschnittenen Biografien ausgewählter Zeitzeugen ein Weichbild der Zeit ergaben.
Nun, zum 60. Jahrestag der Gründung der zweiten deutschen Republik, wird das mediale Gedenken neue Rekorde aufstellen.
Die Koinzidenz mit dem zwanzigjährigen Jubiläum des Falls der Berliner Mauer macht 2009 zum historischen Fernsehjahr genau neunzig Jahre nach der feierlichen Ausrufung der ersten deutschen Demokratie, der legendär unglückseligen Weimarer Republik.
Gemeinschaftsgefühl? Das Fernsehen macht's möglich!
"Die Geschichte gehört also zweitens dem Bewahrenden und Verehrenden, dem, der mit Treue und Liebe dorthin zurückblickt, woher er kommt, worin er geworden ist; durch diese Pietät trägt er gleichsam den Dank für sein Dasein ab."
Also sprach Friedrich Nietzsche in seiner Abhandlung "Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben", in der er zwischen der "monumentalischen", "antiquarischen" und "kritischen" Geschichtsbetrachtung unterscheidet. Auch wenn Knopp und Co. selbstverständlich darauf bestehen würden, ihre "Art der Historie" (Nietzsche) sei durch und durch "kritisch" die Elemente einer antiquarischen Geschichtsaufbereitung im deutschen Fernsehen sind unübersehbar. Sie dient eben nicht nur der Information und Aufklärung, sondern auch der rückwärtigen Sinnstiftung (besonders auffallend bei der ZDF-Serie "Die Deutschen") und der Konstruktion eines historischen Gemeinschaftsgefühls, die die Klippe eines prekären "Nationalgefühls" alter Schule umschifft.
Nietzsche hat das schon vor 135 Jahren beschrieben: "Der Besitz von Urväter-Hausrath verändert in einer solchen Seele seinen Begriff: denn sie wird vielmehr von ihm besessen. Das Kleine, das Beschränkte, das Morsche und Veraltete erhält seine eigene Würde und Unantastbarkeit dadurch, dass die bewahrende und verehrende Seele des antiquarischen Menschen in diese Dinge übersiedelt und sich darin ein heimisches Nest bereitet... So blickt er, mit diesem 'Wir', über das vergängliche wunderliche Einzelleben hinweg und fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist. Mitunter grüßt er selbst über weite verdunkelnde und verwirrende Jahrhunderte hinweg die Seele seines Volkes als seine eigne Seele."
Die moderne und fernsehgerechte Form der Seelenwanderung dient vor allem der Selbstvergewisserung in Zeiten, da die Inthronisierung des RTL-"Dschungelkönigs" aus dem vergangenen Jahr schon so weit zurückzuliegen scheint wie der Dreißigjährige Krieg. Die rasende, durch und durch virtualisierte und globalisierte Gegenwart bietet kaum noch Halt und Orientierung; Heraklits zweieinhalbtausend Jahre alte Weisheit des Panta Rhei ("Alles fließt") klingt heute eher wie eine angsteinflößende Drohung als eine zukunftsfrohe Verheißung.
Mit sich selbst vor Gericht ziehen
Gleichwohl gehört es zur Erfolgsgeschichte der nun 60 Jahre alten Bundesrepublik Deutschland, dass sie die "monumentalische" Selbsterhöhung durch den pathetischen Blick auf vermeintlich große Ereignisse der Nationalgeschichte weitgehend beiseite ließ und sich stattdessen einer nüchternen, kritischen wie selbstkritischen Reflexion unterwarf. Das war durchaus im Sinne Nietzsches, der von der Notwendigkeit sprach, "von Zeit zu Zeit" eine "Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können". Dies erreiche man dadurch, dass man sie "vor Gericht zieht, peinlich inquirirt, und endlich verurtheilt."
So kann die spontane Empörung über die weltfern-geschichtsvergessene (Ex-)Kommunikationspolitik des Vatikan bis in die deutsche Bischofskonferenz hinein auch als ein Zeichen dafür gelesen werden, dass die demokratische Identität der Nachkriegsdeutschen jenseits aller Zweifel und Peinlichkeiten längst eine feste Grundlage gewonnen hat. Ihre Liberalität, deren Kern in der Freiheit zum Leben besteht, gründet unhintergehbar auch auf der jahrzehntelangen schmerzhaften Selbstinquisition, wie, warum und durch wen Auschwitz möglich war.
Dass just in diesem Augenblick eine Studie der britischen BBC zum Ergebnis kommt, diese Bundesrepublik sei das derzeit "beliebteste Land der Welt", erscheint wie eine skurrile Ironie der Geschichte und ist doch Teil der Realität im Krisenjahr 2009.
History - handgemacht
Die Flut der historischen Dokumentationen hält derweil an erst am Sonntag lief im Rahmen der neuen ARD-Serie "Wo warst Du als...?" ein 30-minütiges Feature über die Terrorattacken vom 11. September 2001. Immer häufiger wird Geschichte dabei zur durchdesignten History, immer mehr "Zeitzeugen" tummeln sich in diesem schier endlosen Storytelling, das das hilflose Individuum aus dem reißenden Strom der Geschichte zieht und in den Mittelpunkt der Darstellung rückt. Nicht selten verfließt dabei die Grenze zwischen historischer Betrachtung und purer Unterhaltung: Emotion statt Reflexion.
Als Friedrich Nietzsche an seinem "Zarathustra" schrieb, ahnte er nichts von Guido Knopps History-Manufaktur. Doch schon damals diagnostizierte er das Phänomen der "Übersättigung einer Zeit in Historie", durch "welche die Lebenskräfte gelähmt und zuletzt zerstört werden" könnten.
Wir aber bleiben optimistisch und sagen es einfach mit dem Titel der NDW-Gruppe "Fehlfarben" aus den Achtzigern: "Geschichte wird gemacht/ Es geht voran"