Hochhäuser Trendige Relikte am Alexanderplatz
Berlin, Alexanderplatz ist das Gegenteil einer coolen Adresse. Der Anblick des "Kaufhofs" erinnert an die Fußgängerzonen westdeutscher Kleinstädte, im Berolina-Haus sitzt die Sparkasse, auf dem Dach des "Saturn"-Markts hat jemand einen leuchtendes Saturn-Logo mit Knollennase platziert und die Wanderklampfe des Hippie-Mädchens am Brunnen ist mit der herausgestreckten Zunge der Rolling Stones dekoriert.
Bongos sind gelegentlich zu hören und Plakate der KPD vereinzelt an Bauzäunen zu entdecken - die Wahrscheinlichkeit, an diesem Ort auch nur einen szenigen Jungmenschen anzutreffen, liegt im Nullbereich. Dennoch finden sich bei großen Anlässen im Haus des Lehrers am Alexanderplatz 4 Hipster zu Hunderten ein und drängeln sich auch gerne ein Stündchen im dichten Pulk draußen vor der Tür. An diesem eigentlich so unlässigen Ort gelten wieder die beiden schlichten Gesetze des Berliner Nachtlebens: "Die einen zählen, die anderen zahlen", sagt der harte Kern und klopft dem Türsteher auf die Schulter, für den Rest zählt immerhin: "Wer drin ist, ist in."
Noch cooler als zum gemütlichen Beisammensein "Klänge und Stullen" in kleinen Ambient-Lounges, zum Minigolfspielen mit den Künstlern der "Bewegungselite" um Jim Avignon, Fehmi Baumbach und Evelin Höhne oder zum zehntägigen Club-Event zu kommen, ist inzwischen, in dem mit einem denkmalgeschützten sozialistischen Heldenfries verzierten Bau aus dem Jahr 1964 eine feste Geschäftsadresse zu haben. Architekten, Grafik-Designer, Musikproduzenten, Filmemacher, Internet-Designer und multimediale Künstler haben sich in dem Gebäude niedergelassen.
Doch in den unteren Etagen gibt es im "Café Creativ" Soljanka für 1,80 Mark und eine Firma bietet im Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt Mitte Coaching für Arbeitslose an. Die oberen Etagen hat die Landesarbeitsgemeinschaft Spiel und Theater Berlin e.V. in ein "Kreativhaus" verwandelt.Mit diesem Begriff, den die Kreativhäusler gerne weithin deutlich sichtbar machen wollten, haben die professionell Kreativen aus den Etagen 6 bis 9 natürlich ihre Probleme.
Staatlich geförderte und professionell Kreative unter einem Dach
Die Macher und Mitmacher des Kunstprojekts "Obzone" etwa: Sieben junge Künstler und Architekten aus Berlin, Düsseldorf und London zeigen vom 23.6. bis zum 8.7. im Rahmen der Ausstellung "In Touch", was sich mit Video, Computer, Fotografie und Raum zum Thema "Begegnung" entwickeln lässt. Zwischen Tanzperformance und Filmfestival dürfen auch DJs auflegen. Monolake, Vertreter der Minimal-Techno-Ästhetik, mischt bei der Vernissage seine nicht für den Tanzbereich gedachte Musik live ab. Der 30-jährige Künstler und Architekt Peter Sandhaus hat mit Monolake außerdem ein Video über das Haus des Lehrers gedreht.
Einer der exemplarischen neuen Berliner Gründer hat ebenfalls seit Jahresbeginn sein Büro in den Sozialistenbau verelegt: der 32-jährige Diplomkaufmann und Kulturmanager Mike Riemel, der unter anderem die gigantische Flyer-Ausstellung "Flyer Soziotope" um die Welt schickt, mit Border 2000 Internet-TV streamt, mit seiner Agentur Mikea 2.4+ fleißig kommuniziert und eine 60-Stunden-Woche hat. Mit seiner Energie wäre er früher wohl "verdienter Aktivist" geworden, denn als Motor und Visionär entfaltet er seine größte Begabung und imaginiert das "Tacheles" der Generation @ : "Mit einigen engagierten Mietern entwickeln wir ein Nutzungskonzept, das man dem Senat vorlegen kann. Die Stadt könnte dieses Haus behalten und ein freies Entwicklungsfeld für junge Unternehmer schaffen. Hier könnte ein TV- und Radiosender ganz anders funktionieren. Und weil ab nächstem Jahr hier Hochhäuser gebaut werden, sollte man die Info-Box am Potsdamer Platz abbauen und mit dem Cargo-Lifter zu uns aufs Dach setzen lassen."
Für die Szene entdeckt hat das Haus des Lehrers gemeinsam mit anderen ein weiterer Berliner Held der Arbeit: Der Konzertveranstalter und Musiker Marc Weiser, der sich ansonsten um den Club "Maria am Ostbahnhof" kümmert, seine Musik als "Verhaltensgestörtenelektronik" rubriziert und gerade als "Rechenzentrum" gemeinsam mit Videokünstler Lillevän ein Debütalbum veröffentlicht hat. Im Februar 1999 organisierte er im Haus des Lehrers den "Club Transmediale", dessen diesjährige dritte Ausgabe mit Künstlern von Plattenlabeln wie Kitty-Yo, Elektro Music Department und Raster-Noton viertausend Besucher anzog. Befragt nach den Gründen für den Erfolg des Ortes, erläutert er: "Das liegt an der gehypten 'neuen Berliner Mitte' und der alten Architektur. Aufgewachsen ist niemand hier, doch sie haben alle eine Idee vom Charme der alten DDR im Kopf. Selbst der Pförtner, über den sich alle aufregen, gehört dazu, weil sie den trashig finden."
Die Subkultur zieht schon wieder weiter
Doch die Bewegung zieht schon wieder weiter - ins ehemalige Juwel der Republik zum Beispiel: "Wir gehen als nächstes in die Berliner Bank an der Frankfurter Allee", begeistert sich Weiser. "Die Immobiliengesellschaft, die die ehemalige Stalinallee verwaltet, wird in über 30 leerstehenden Locations Partys, Veranstaltungen und Modenschauen veranstalten. Die wollen damit die Gegend aufwerten - das ist zwar ein käsiges Konzept, aber problematisch wäre das für mich nur, wenn ich die Location danach für einen anständigen Preis nicht mehr bekäme." Welche sozialen Konsequenzen der Kulturboom haben kann, sieht man an New York:. Inzwischen kann sich sogar der bekannte Schriftsteller Paul Auster Manhattan nicht mehr leisten und ist nach Brooklyn gezogen.
Wohin die Reise geht, wenn sich die subkulturelle Szene erst einmal eingeloggt hat, haben inzwischen auch andere schnell verstanden: Im ehemaligen "Haus des Reisens" am Alexanderplatz 5 locken die "No Ufos" in ihrer neuen Location "Sternradio" mit Techno, House und Drum'n'Bass. Es wäre also nicht verwunderlich, wenn es in Berlin bald wieder hieße: Treffpunkt Weltzeituhr.