Holocaust-Mahnmal Die Narbe wächst
Berlin - Da staunen sie Bauklötze. Touristen, die Berlin besuchen, kennen die riesige, umzäunte Baugrube hinter dem Hotel Adlon am Brandenburger Tor und wundern sich, was hier wachsen soll. Seit Freitag sehen sie klarer. Elf unterschiedlich graue Steinquader liegen im Sand, jeweils 2,38 Meter lang und 95 cm breit. Dies sind Musterbblöcke für die 2.700 Betonstelen, aus denen sich hier bis zum 27.1.2004 das deutsche Holocaust-Mahnmal formen soll.
An diesen elf soll getestet werden, wie wetterverträglich sich welches Material erweist, und das Kuratorium des Holocaust Mahnmals soll sein Wunschgrau auswählen. Das Herz des amerikanischen Architekten Peter Eisenman schlägt offenkundig für ein mittelgraues bzw. blaugraues Material. Zusätzliche Beimischungen sollen aber noch erfolgen, zumal sich Eisenman einen besonders feinkörnigen Beton wünscht, den auch ein metallischer Schimmer prägen soll. Denn wichtig sei ihm, dass keine Assoziation "zu einem Sarg oder Grab" entsteht.
Geringfügige Veränderungen
Zugleich kündigte Eisenman geringfügige Änderungen an seinem Entwurf an, mit denen auch Befürchtungen ausgeräumt werden sollen, dass hier nur eine monotone, militärisch exakt ausgerichtete Betonquaderarmee entsstehe. Jeder Block soll um bis zu 2 Grad geneigt sein, damit sich das Gefühl einer Welle im "wogenden Meer" ergebe. Dabei ragen die Stelen bis zu viereinhalb Meter in die Höhe und wachsen zugleich nach unten, in die Decke des geplanten, unterirdischen, Informationszentrums hinein.
Dort soll jetzt auch ein Register mit den Namen von 4,4, Millionen ermordeter Juden eingerichtet werden. Damit entwaffnet Eisenman diejenigen Kritiker, denen das Denkmal bisher zu anonym erschien. Auch die Mitbegründerin der Denkmals-Initiative, die Journalistin Lea Rosh, hatte zunächst bedauert, dass die Namen der Holocaust-Opfer nirgendwo festgehalten würden. Nunmehr will die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem die Daten zur Verfügung stellen.
Baubeginn im Spätsommer 2001
Der Erdaushub für das Mahnmal soll im Spätsommer beginnen. Ab Juni soll eine Lichtinstallation aus mehreren Hundert stehenden Leuchtstäben die Struktur des Mahnmals markieren. Damit wird eine bundesweite Spendenaktion für das Mahnmal starten. Mehr als 50 Millionen Mark, soll das Bauwerk definitiv nicht kosten, versprach Architekt Eisenman erneut. Sonst lasse er sich "in die letzte Stele einmauern", scherzte er am Rande der Bauklotzpräsentation.
Für das wogende Betonstelenmeer hatte sich der Bundestag nach einer langen und hitzigen Debatte im Juni 1999 ausgesprochen. Seitdem hatte sich Eisenman mit der Detailplanung seines umstrittenen Bauwerks beschäftigt. Das Mahnmal markiert nichts anderes, als deutlich sichtbar eine Narbe in der Deutschen Geschichte - die auch auf Dauer nicht verheilt, sondern sichtbar bleibt.