"Hustler": Die Studentin und das Herren-Heft - DER SPIEGEL
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"Hustler" Die Studentin und das Herren-Heft

Susanne Dinklage wollte der deutschen Ausgabe des Herrenmagazins "Hustler" zu gesellschaftlicher Relevanz verhelfen. Inzwischen ist die 24-jährige Studentin Chefredakteurin des Online-Auftritts, die Printausgabe wurde eingestellt.
Von Tobias Moorstedt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - Als Larry Flynt es endlich geschafft hatte, drehte er so richtig durch. Er zog etwas an, das entfernt an eine Südstaaten-Uniform erinnerte und feierte ein Land, das selbst einen Typen wie ihn machen ließ, was er wollte. Ein Feuerwerk erhellte die 24 Zimmer seiner Villa und den Nashornkopf an der Wand und die nackten Mädchen auf den Betten. Den klaren Blick behielt der Chefredakteur des "Hustler"-Magazins trotzdem: "Ich bin das größte Schwein der Welt." Und: "Ich breche Tabus." Dazu hatte er jedes Recht, fand Flynt. Die Gesetzeshüter sahen das anders, mehrmals ging er ins Gefängnis und wurde dadurch noch berühmter. Flynt, sexbesessen, verrückt und nach einem Attentat teilweise gelähmt - ein Porno-Popstar, dessen Leben so glänzte, dass es für einen Hollywood-Film reichte.

Dreißig Jahre später im Münchner Vorort Halbergmoos: Flugzeuge donnern über Traktoren, Heuernte, in Hochhäusern spiegeln sich ein paar Baukräne, drum herum nur Wiesen - Laptop und Lederhosen halt. Im zweiten Stockwerk sitzt Susanne Dinklage, 24, Chefredakteurin des "Hustler" Deutschland, in einem Konferenzraum mit Yucca-Palme. Die Hände hat sie auf dem Tisch gefaltet. Sehr seriös wirkt das alles. Sehr normal. Die Vorhänge sind zugezogen, der Teppich ist grau, auf dem Konferenztisch stehen Wasserflaschen: Hier könnte man alles verkaufen: Schweinehälften, Südfrüchte, Elektrobauteile. Oder eben Erotik. 30 Jahre nach Flynts großer Party ist das Geschäft mit der Nacktheit nicht mehr verrucht.

Und das ist ein Problem. Früher musste Flynt für seine Bilder noch ins Gefängnis, heute kann man Titten schon um zwei Uhr nachmittags im Fernsehen sehen. Nackte Brüste sind irgendwie langweilig geworden. Darunter leidet auch das "Hustler"-Magazin. Seit der Markteinführung in Deutschland verlor das Blatt mit billigen Bildern und billigen Sprüchen beständig an Auflage. 1998 erwarb die Firma e-tainment aus Halbergmoos als dritter Lizenznehmer die Rechte für die Marke in Deutschland. Drei Chefredakteure sind seither gegangen. Am Ende wurden nur noch 10.000 Stück verkauft, und es gab nicht viel mehr Abonnenten als Flynt noch Zähne im Mund hat. Der Abwärtstrend ging weiter, bis eines Tages Dinklage, Studentin der Journalistik an der Universität München, in den Redaktionsräumen stand, und das Heft bei einer Blattkritik, zu der sie eingeladen worden war, verriss.

Als sie das Gebäude am Abend wieder verließ, war sie Chefredakteurin eines Erotikmagazins. Und sie hatte einen Traum: Ein "Hustler" mit gesellschaftlicher Relevanz: "Es soll nicht nur um den puren Sex gehen, sondern darüber hinaus um sämtliche Themen, die damit im Zusammenhang stehen." Eine Reportage über Menschen, die sich beim Sex als Pferde verkleiden, das konnte sie sich vorstellen. "Frech und irgendwie anders." Oder eine Geschichte über Frauen, die in der Fabrik am Fließband Dildos herstellen. Und weil sie dazu noch über Lifestyle und Technik berichten wollte, hätte das am Ende wohl ganz nach einem normalen Männermagazin ausgesehen. Wie "GQ" etwa, mit noch mehr Titten natürlich. "Wer viel wagt, kann viel gewinnen", sagte Dinklage, und plante eine Auflage von "nicht unter 150.000 Stück".

Der Markt schien reif für das Männermagazin. Vor allem für ein Blatt mit dem Rückenwind der Flynt'schen Eskapaden. Im Zeitalter des Neo-Machismo ist es für Männer eben wieder angesagt, sich schlecht zu benehmen. Da kommt Porno gerade recht. Deshalb zeigen seit einiger Zeit auch etablierte Männermagazine wie "Men's Health" verstärkt nacktes weibliches Fleisch auf der Titelseite, Hefte wie "FHM" und "Maxim" verkaufen weltweit Millionen an Auflage. Die Studentin aus Karlsfeld, einem Vorort von München, und das Erotik-Magazin - eine Geschichte mit Happy End?

Dann kam Robert Keen nach Halbergmoos. Noch so einer, der überhaupt nicht nach Porno ausschaut, sondern nach Bankkaufmann, gestreiftes Hemd, dunkler Anzug. Durch und durch Geschäftsmann, ließ der neue Geschäftsführer die Produktion des Magazins einstellen. Vorläufig, hieß es. Das Dinklage-Konzept sei zu teuer und zu riskant, sagte Keen, feuerte die Chefredakteurin und stellte sie für das jetzt im Internet erscheinende Magazin wieder ein. Irgendwann soll Dinklage auch wieder ein Heft machen. So ist der Plan. "Sie ist die Frau auf die wir bauen", sagt Keen. "Sie hat unser vollstes Vertrauen."

Keen ist ein Mensch, der an die Macht der Zahlen glaubt - und an das Internet. Einer, der alle fünf Minuten "online" sagen muss, weil ihn irgendetwas, ganz tief drin, dazu zwingt. Er sagt: "Erotik finanziert seit Jahren das Internet." Er sagt auch: "Die großen Geschäfte werden im FSK 18-Bereich gemacht." Dort habe die Kostenlos-Mentalität des Internet noch nie etwas gezählt. Über das Netz - diskret und anonym wie es ist, könne man Erotik eben am besten verkaufen, sagt Keen: "Das Internet ist der Zigarettenautomat des Erotikmarkts. Den Männern bleibt die Blamage an der Tankstelle erspart." Und so sieht Porno im dritten Jahrtausend aus: kalt und am Bildschirm, ganz diskret mit der Kreditkarte, abends oder im Büro. So ist es, sagt Keen. Das ist die Zukunft, Baby.

Auch Dinklage spricht nun von User-Profilen, Klick-Raten und Marktchancen in der Virtualität. Des "Hustlers" Chefredakteurin wählt die Erotikbilder für die Internetseite aus, schreibt Geschichten über fleißige Möbelverkäuferinnen, die sich umsatzfördernd auf den Produkten räkeln, und plant eine Serie über Erotik in der Literatur - ein bisschen Inhalt zwischen die Titten quetschen. Nein, Probleme mit Erotik und der Rolle der Frau im Pornogeschäft hat Dinklage nicht. Ist eben so. Sie weiß, wofür ihre Werke auf den Toiletten der Republik verwendet werden, und es ist ihr egal. "Man kann auf jedem Markt gute Produkte machen", sagt sie. Hinter ihr an der Wand hängen die Klick-Raten der vergangenen Tage. Es geht aufwärts. Immerhin. Und sie ist stolz. Ganz Geschäftsfrau, nach drei Monaten im harten Erotik-Geschäft.

Sollte sie dennoch scheitern, will Dinklage dem Porno-Markt übrigens den Rücken kehren und an die Uni zurückgehen: "Dann schreibe ich meine Diplomarbeit darüber."