Illustrationsausstellung: Ehrfurcht vor dem Strickpullover
Illustrationsausstellung Ehrfurcht vor dem Strickpullover
Der eine ist eine lebende Legende, der andere der wohl Beste seines Fachs, in Deutschland zumindest. Beide sind seit Jahren gute Freunde, nicht zuletzt durch die gemeinsame Arbeit am Cover der -"Anthology". Die Rede ist von , Grafiker, Musiker und Grammy-Gewinner für das Beatles-Kultcover "Revolver", und Alfons Kiefer, fotorealistischer Maler und Illustrator aus München (nicht verwandt, nur um Missverständnissen vorzubeugen, mit dem Autor dieser Tageskarte und natürlich nicht zu verwechseln mit dem Maler Anselm Kiefer). Im Museum Schloss Fellenberg in Merzig zeigt zunächst Kiefer seine Arbeiten bis zum 31. Oktober, Voormann folgt dann im Mai 2011.
Voormann wurde als Zeichner früh berühmt - und als Musiker sogar zur Legende. Fast 30 Jahre nach seinem legendären Beatles-Cover kam im Mai 1995 ein Anruf von Apple Records aus London: Ob er nicht Lust hätte, ein Bild zu entwickeln für die geplante dreiteilige Beatles-Anthology? Na klar hatte er Lust, auch Ideen, allerdings extrem wenig Zeit, ein so aufwendiges Werk umzusetzen. Voormann brauchte also einen kongenialen Partner für dieses Projekt.
Typisch für eine ganze Branche übrigens, dieser Zeitdruck, unter dem auch die in Merzig gezeigten Arbeiten entstanden. Denn wenn der SPIEGEL oder der "Stern" oder eben Apple Records anrufen, dann muss es schnell gehen, und der Rest ist Problem des Künstlers. Aber erstklassig gemalt oder gezeichnet soll es dann trotzdem sein, das Titelbild oder die Doppelseite im Heft. Das können nur wenige, und in diesem Feld behaupten sich auch nur eine Handvoll herausragender Illustratoren.
So einer wie Alfons Kiefer eben. Schulter an Schulter, der eine Rechts-, der andere Linkshänder, arbeiteten Voormann und Kiefer sich Tag und Nacht in Kiefers Atelier auf einer fast zwei Meter breiten Leinwand vorwärts, um dann in drei Teilen das Ergebnis als Reproduktion nach London zu schicken - wo das Original der Beatles-Anthology heute im Apple-Hauptquartier hängt.
Neue Welten, die erst im Original ihre wahre Wirkung erzielen
Neben Skizzen zur Anthology kann man derzeit fast vierzig Originale aus fast 30 Jahren des Schaffens von Alfons Kiefer an den Wänden des Museums Schloss Fellenberg in Merzig bewundern. Kiefers Werke sind bekannter als er selbst: Den SPIEGEL-Titel über die Kanzler-Kandidatur von Merkel und Steinmeier im vergangenen Jahr zum Beispiel, der als "Wackelbild" veröffentlicht wurde, haben Millionen von Menschen gesehen oder zumindest wahrgenommen.
Dass hier kein Foto als Druckvorlage genommen wurde, sondern ein überaus begabter fotorealistischer Maler vom SPIEGEL beauftragt wurde, um zu malen, was nicht fotografierbar war (Merkel wollte sich für diesen Zweck nicht fotografieren lassen), dürfte den wenigsten Betrachtern klar geworden sein. Hierin liegt allerdings gerade die große Stärke und die Kunst von Alfons Kiefer: hyperrealistisch zu malen, was die Realität eines Fotos noch übertrifft.
Ebenfalls zu sehen sind die Illustrationen zum Vorabdruck des Romans "Polarstar" von Martin Cruz Smith im "Stern", und auch hier der verblüffende Effekt der Übertreibung im Fotorealismus: Denn selten zuvor hat man einen banalen Strickpullover fast ehrfürchtig betrachtet, weil man ahnt, wie viel Zeit und Aufwand der Künstler in jedes einzelne Detail gesteckt hat.
Bis ins Letzte akribisch, geradezu versessen auf die Überhöhung der fotografischen Vorlagen erschafft Kiefer in Öl oder Acryl neue Welten, die großformatig und im Original erst ihre wahre Wirkung erzielen.
Und das ist der Grund, warum der Weg nach Merzig, in die saarländische Provinz, lohnt. Auch um zu verstehen, dass das, was von Kiefer hier zu sehen ist (und von Voormann im nächsten Jahr zu sehen sein wird), wirkliche Kunst ist. Denn, auch wenn Joseph Beuys es einmal anders postuliert hat, kann man durchaus der Meinung sein, dass Kunst von "Können" kommt.
Auftragskunst Voormann & Kiefer - Teil 1: Alfons Kiefer. Ausstellung noch bis zum 31. Oktober im Museum Schloss Fellenberg , Torstr. 45 a, 66663 Merzig (Saar), Di-So 14-18 Uhr.