Internationales Sommerfestival: Wasser marsch!
Internationales Sommerfestival Wasser marsch!
Wenn es etwas auszusetzen gibt an der Kulturfabrik Kampnagel, dann ihre Lage: weit draußen im Hamburger Norden, im Stadtteil Winterhude, ohne direkten U-Bahn-Anschluss und daher schwer erreichbar aus St. Pauli, St. Georg oder Ottensen, aus den einschlägigen Szenevierteln, in denen viele der Hamburger wohnen dürften, die auf zeitgenössische Tanz-, Theater- und Kunstexperimente stehen.
Es ist ein oft beklagtes Problem, das sich einmal im Jahr pulverisiert: während des Internationalen Sommerfestivals. Ein kostenloser Bus-Shuttle verkehrt dann täglich zwischen Ottensen, St. Pauli und Kampnagel. Womit auch die letzte Entschuldigung dafür ausgeräumt wäre, den Hintern nicht hochzukriegen und das Kampnagel-Programm zu schwänzen.
Wider die Beliebigkeit
Der Bus-Shuttle passt zum Klima- und Umweltschutz, den sich das Festival unter seinem Leiter Matthias von Hartz auf die Fahnen geschrieben hat: Die Gastronomie verkauft vorwiegend regionale saisonale Lebensmittel aus ökologischem Anbau, das Programmheft ist auf zertifiziertem Papier gedruckt, und das Schwerpunktthema in diesem Jahr heißt Wasser. Es geht um den Zugang zu Trinkwasser, aber auch um den Zugang zu Seen und Flüssen, etwa um privatisierte Seen in Ostdeutschland oder den zunehmend verbauten Elbblick in Hamburg. "Ich habe keine Lust, einfach nur Kunst zu zeigen", sagt Festivalchef von Hartz. "Das inhaltliche Anliegen holt das Festival aus der völligen Beliebigkeit, die andere Festivals meist haben."
Die New Yorker Big Art Group entwirft ein theatralisches Weltuntergangs-Szenario, die Johannesburger Choreographin Robyn Orlin zeigt die Wasserknappheit in Afrika als freche One-Woman-Show, und die Hamburger Radiokunst-Gruppe Ligna inszeniert ein maritimes Hörspiel, das nur die wenigsten besuchen können, Busshuttle hin oder her. Denn der limitierte Zugang ist Programm: Ligna setzt Besucher auf einem Ponton auf der Außenalster aus, einen nach dem anderen, insgesamt nicht mehr als 150. Über das "Eiland", so der Titel der Arbeit, verfügt jeder der Besucher eine halbe Stunde lang exklusiv - ein Spiel mit Privilegien und mit der zunehmenden Privatisierung öffentlichen Raums.
Über Kopfhörer hört der Besucher zudem eine Stimme, die seine Situation deutet. "Man schaut auf die relativ banale Alster", sagt Ole Frahm von Ligna, "aber man kann den Blick öffnen für alle Dimensionen des Wassers". Für einen ambivalenten Stoff, der lebensnotwendig ist und lebensgefährlich sein kann. Vorausgesetzt natürlich, man legt den Kopfhörer nicht einfach ab, um ungestört den Blick zu genießen - oder gar schwimmend abzuhauen, was eine hübsche Variante des erbosten Türenknallens im Stadttheater wäre. "Das Schöne ist, dass die Besucher nicht dem Druck einer sozialen Situation ausgeliefert sind wie sonst im Theater", sagt Frahms Mitstreiter Torsten Michaelsen.
Stars der internationalen Szene
Neben den eher kleinen Produktionen rund um das Schwerpunktthema Wasser kommen etliche Stars der internationalen Tanz- und Performanceszene: zum Beispiel Alain Platel, Jérome Bel, Forced Entertainment, Philippe Quesne und natürlich das mächtig gehypte Nature Theatre of Oklohama, das Matthias von Hartz vor zwei Jahren als erster überhaupt nach Deutschland geholt hat. Die neue Produktion der New Yorker heißt "Life and Times", feierte ihre Uraufführung am Wiener Burgtheater und wurde geadelt mit einer Einladung zum Berliner Theatertreffen im Mai dieses Jahres.
Die amerikanische Musikerin und Performerin Kristin Worrall, 34, hat ihre gewöhnliche Mittelschichts-Lebensgeschichte den Regisseuren Kelly Cooper und Pavol Liska am Telefon erzählt - und die haben diese Erzählung ungekürzt und unkorrigiert, mit allen Pausen und Versprechern, ohne jegliche Dramatisierung transkribiert und zum Libretto einer Art epischen Musicals gemacht, das ebenso authentisch wie artifiziell ist. Kurzum: ein Super-Konzept, das leider nicht nur in einer langen, sondern auch in einer langweiligen Bühnenshow mündet. Was nicht zuletzt daran liegt, dass sich das komplette Konzept, inklusive der Zufallsgenerator-Funktion der Souffleuse, kaum jemandem erschließt, der nur zuschaut - und der nicht auch das Programmheft, Vorberichte oder Kritiken studiert.
Das lehrt zumindest die Erfahrung mit einer der Aufführungen beim Berliner Theatertreffen. In Hamburg, die Hoffnung besteht, könnte das anders laufen, denn die Gruppe musste ihre Arbeit für den Tourbetrieb umstellen: Die beteiligten Ensemblemitglieder des Burgtheaters hat sie durch New Yorker Darsteller ersetzt, die nicht in einem Repertoire-Betrieb gebunden sind, das nur schwer transportierbare Original-Set aus Wien hat sie umgebaut und die dort verwendeten Nobelscheinwerfer ausgetauscht.
Ganz nebenbei erzähle die Produktion so auch "von der Unfähigkeit der Stadttheater, sich auf internationalem Parkett zu bewegen", sagt Festivalmacher von Hartz. Etwa 50.000 Euro habe es gekostet, die Produktion nachträglich tourfähig zu machen. "Für das Geld hätte man sie fast produzieren können."
Internationales Sommerfestival Hamburg: 12. bis 28. August in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel , Jarrestraße 20, Kartentelefon 040/27094949.