Interview "Der Tod im Glas ist eine Abstraktion"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Fuchs, Frau Fuchs, Sie haben in anatomischen Instituten Gesichtshäute, Embryos und Gehirne fotografiert. Wie sind Sie zu Ihrem jüngsten Projekt "Conserving Humans" gekommen?
Daniel Fuchs: Wir haben in Italien tausende von Gräbern mit Bildern der Verstorbenen gesichtet und fotografiert. Wir waren fasziniert, wie viel Leben die Porträts an diesem Ort haben, der ja eigentlich ein Ort des Todes war. Kurze Zeit später haben wir von den zoologischen Fischsammlungen erfahren und haben sie uns angesehen. Auch da waren wieder diese Schönheit und Lebendigkeit im Tod. Und die haben wir versucht, mit unseren Bildern festzuhalten. Wir sind von da aus immer weiter gegangen bis zu den Menschen.
SPIEGEL ONLINE: Einfach so vom toten Fisch zum toten Menschen? Hatten Sie keine Berührungsängste?
Geo Fuchs: Nein, bis "Conserving Humans" war es ja eine schrittweise Entwicklung. Die Arbeit mit den toten Fischen hatte überhaupt nichts Erschreckendes, so etwas sieht man ja auf jedem Fischmarkt. Aber der Drang, mehr zu sehen, wurde einfach immer stärker. Und so haben wir uns allmählich an die eigene Sterblichkeit, an die Vergänglichkeit des Menschen herangetastet.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Vergänglichkeit des Menschen präsentiert sich im anatomischen Institut als recht monströse Angelegenheit: fahle Embryonen schwimmen in Gläsern mit gelblichem Formalin. Haben Sie Lust am Widerwärtigen?
Geo Fuchs: Unsere Arbeit hat damit überhaupt nichts zu tun. Wir wollen keine Bilder zeigen, die erschrecken oder abstoßen. Auch die menschlichen Exponate haben wir nicht als etwas Ekelhaftes gesehen. Je nachdem wie man guckt, können sie unglaublich schön sein.
SPIEGEL ONLINE: Wenn es nur um das Bild geht, hätte Ihr Arbeitsplatz auch die Gerichtsmedizin oder eine Leichenhalle sein können. Oder machen Sie dann doch halt?
Daniel Fuchs: Es gibt sicherlich Grenzen, aber viele haben wir überwunden. Außerdem fotografieren wir für unser künftiges Projekt bereits in der Gerichtsmedizin. Das ist schon härter, und die ganze Fahrt dorthin ist eine riesige Überwindung. Aber wir stehen das durch, denn unser Ziel ist, ein bestimmtes Kunstwerk zu schaffen.
SPIEGEL ONLINE: Das ist ja das Problematische, finden Sie nicht? Körperteile aufzubewahren, diente eigentlich Forschungszwecken, manches Mal wohl auch fragwürdigen. Sie isolieren die Exponate völlig von ihrem ursprünglichen Kontext und machen sie so zu rein ästhetischen Anschauungsobjekten.
Daniel Fuchs: In der Tat klammern wir den medizinischen Aspekt aus. Die Wissenschaft interessiert uns nicht. Das Entscheidende passiert ja, wenn man das Glas fotografisch eliminiert. Auf unseren Bildern schwimmen die Objekte nicht im Glas. Der Betrachter ist hautnah bei dem Exponat und kann sich jede Pore ansehen. Damit fällt die Barriere weg. Viele reagieren genau darauf erst einmal geschockt, aber dann kommen die Neugier und der zweite Blick.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie wirklich frei von jedem Hang zum Morbiden und der Lust am Makabren?
Daniel Fuchs: Na ja, vielleicht gibt es diesen Hang zum Morbiden auch bei mir. Manche Ideen, die mich beschäftigen, klingen bösartig, sind es aber nicht. Es gibt Motive, da würden viele sagen, es sei furchtbar, sie zu fotografieren. Aber gerade diese Motive haben oft etwas unglaublich Schönes. Und mein Wunsch ist, sie so abzubilden, dass die Schönheit und das Interessante sichtbar werden. Etwas anderes wollen wir mit "Conserving" auch nicht. Daneben gibt es natürlich auch die Lust am Makabren. Bei jedem Autounfall verursacht sie einen Stau, weil jeder etwas erhaschen will. Das ist normal.
SPIEGEL ONLINE: In den Kirchen gab es heftige Reaktionen auf die "Körperwelten"-Ausstellung Gunther von Hagens, in der plastinierte Leichen zu sehen sind. Von der Verletzung der Menschenwürde war die Rede, wie auch von sensationslüsterner Gafferkultur. Wie werden Sie reagieren, wenn Ihnen ähnliche Dinge vorgeworfen werden?
Daniel Fuchs: Da können wir gut kontern. Gerade in den Kirchen werden doch Reliquien und Tote ausgestellt und verehrt! In Palermo kann man sogar 300 tote Mönche bestaunen. Da kann die Kirche eigentlich gar nichts sagen.
Das Interview führte Birgit Stallmann.