Interview: "Kann ein Jude Bundespräsident werden?" - DER SPIEGEL
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Interview "Kann ein Jude Bundespräsident werden?"

Was bedeutete es, als Jude in Deutschland zu leben? Welche Hoffnung gibt es für die jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik? SPIEGEL ONLINE befragte den wissenschaftlichen Leiter der Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin, Thomas Friedrich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Friedrich, die Ausstellungsmacher des Jüdischen Museums Berlin wollen die gesamte Geschichte der Juden in Deutschland von der Römerzeit bis heute darstellen. Wie haben Sie die Ausstellung konzipiert?

Thomas Friedrich: Wir konzentrieren uns weitgehend auf das Schicksal Einzelner und zeigen anhand ihrer Biografie, was es bedeutete, als Jude in Deutschland zu leben. Das heißt nicht, dass wir auf Schriften und Edikte vollständig verzichten. Zur Einleitung taucht ein antikes Dekret von Kaiser Konstantin auf, das die Kölner Juden 321 erwähnt. Der Vatikan hat uns zur Eröffnung übrigens das Original überlassen. Aber gerade für die Antike und das Mittelalter wollen wir kein historisches Disneyland aufbauen. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Leben in den jüdischen Gemeinden von Worms, Speyer und Mainz, die am besten dokumentiert sind. Für die Judengasse in Worms haben wir eine virtuelle Animation herstellen lassen. Aber schon im vierten Kapitel des Rundgangs kommt man in die frühe Neuzeit. Von den insgesamt 14 Kapiteln widmen sich also lediglich vier der Zeitspanne bis 1750.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, Ihr Konzept greift nur für die Moderne und scheitert in früheren Zeiten, in deren Lebenswelt man sich nicht mehr einfühlen kann?

Friedrich: Nein, wir hatten von Anfang geplant, die Zeit von Moses Mendelsohn (1729 bis 1786) bis zu Hitlers Machtergreifung 1933 als Kernbereich zu zeigen, denn damals entwickelte sich die reiche deutsch-jüdische Kultur. Ein erstaunlich hoher Prozentsatz der Berufsfelder und Wirtschaftszweige, die für die Moderne maßgeblich waren, wurde von jüdischen Unternehmern und Intellektuellen bestimmt. Auch die moderne Kunst verdankt vieles jüdischen Künstlern, Philosophen, Galeristen und Journalisten. Trotz der breiten, über Jahrhunderte währenden Emanzipation wurde die Gleichberechtigung von Juden in Deutschland jedoch nie gesellschaftliche Wirklichkeit. Dieses Problem zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Wir sind kein Holocaust-Museum, und wir zeigen die Geschichte der Juden nicht als Weg, der auf die Vernichtung zuführt. Aber wir zeigen, dass es niemals eine echte deutsch-jüdische Symbiose gab, sondern ein geradezu verzweifeltes Bemühen eines großen Teils der deutschen Juden akzeptiert und nicht bloß toleriert zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Haben nicht viele Flüchtlinge nach 1933 in ihrem wenigen Gepäck noch ihre Goetheausgaben mitgeschleppt?

Friedrich: Ja, Goethe musste dabei sein. Es herrschte eine geradezu kritiklose Verehrung der deutschen-humanistischen Kultur. Und als der Erste Weltkrieg begann, gab es einen ungeheuren Patriotismus unter der jüdischen Bevölkerung. Die häufigsten gestifteten Objekte sind Orden und eiserne Kreuze. Dass dann zwei Jahre später eine Judenzählung im deutschen Heer stattfand, richtete große psychologische Verwüstung an. Als sich der Nationalsozialismus als politische Staatsmacht aufwarf, musste die Illusion der Akzeptanz endgültig zerbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Wie binden Sie den Holocaust dann ein ?

Friedrich: Gerade jüngere Leute, die mit dem Ergebnis der Geschichte bereits aufwachsen, sollen nachvollziehen können, warum Hunderttausende von Juden 1933 nicht einfach ihre Koffer gepackt haben. Viele Berufe waren für die Auswanderung völlig unbrauchbar. Deshalb richteten die jüdischen Gemeinden in Eigenregie praktische Ausbildungs- und Umschulungslager für Jugendliche ein. Wir zeigen zum Beispiel Mobiliar, das in einer Schreinerwerkstatt angefertigt wurde - und man sieht es den Möbeln an, dass sie nicht unbedingt von Meistern ihres Fachs angefertigt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Wie emotional soll die Ausstellung wirken? Ein Vorbild ist für Sie das Holocaust-Museum in Washington.

Friedrich: Ich glaube schon, dass diese Personalisierung der Fragestellungen immer eine gehörige Portion Emotionen auslöst. Wir hätten, wenn es etwa um die ab 1939 stattfindenden Kindertransporte nach England geht, Urkunden und Zeitungsartikel zeigen können. Stattdessen haben wir ein gefaltetes Handtuch, das ein Kind von seiner Mutter mitbekam. Wahrscheinlich werden sich viele erst einmal fragen, warum wir so einen trivialen Gegenstand ausstellen. Doch wenn man im Begleittext die dazugehörige Geschichte liest und das Foto der Mutter sieht, die in Auschwitz ermordet wurde, findet man im Handtuch den Schlüssel zu einer viel ergreifenderen Darstellung.

SPIEGEL ONLINE: Es wurde viel über die Unbespielbarkeit des Libeskind-Baus gesprochen. Gab es bei der Umsetzung ihrer Ideen deswegen Probleme?

Friedrich: Der Bau ist eine hervorragende Voraussetzung für unser Konzept. Sie können ihn ja gar nicht anders durchwandern als immer im Zickzack von Ost nach West oder von West nach Ost. Manchmal sind die Korridore und Räume jedoch sehr eng.

SPIEGEL ONLINE: Kann sich also die pessimistische These des Scheiterns der deutsch-jüdischen Beziehungen bewahrheiten?

Friedrich: Im letzten Kapitel der Ausstellung stellen wir die Frage nach einem neuen gesellschaftlichen Modell. Das bezieht sich zum einen auf den Umgang mit den erneut wachsenden jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik, generell aber auch auf die politische Debatte um Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus, die wir seit vielen Jahren führen. Wir stellen so simple Fragen wie die, ob ein Jude Bundespräsident werden kann? Wir wollen also auch ein Stück weit provozieren.

Das Interview führten Susanne Grieshaber und Henrike Thomsen