Interview mit Gerd Ruge "Niemand kann mit CNN mithalten"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Ruge, wie beurteilen Sie angesichts der Ereignisse in New York und Afghanistan die Arbeit der Nachrichten-Redaktionen der deutschen TV-Sender?
Gerd Ruge: Die Arbeit, die die Redaktionen zu leisten haben, ist außerordentlich schwierig. Denn direkte Informationen sind kaum zu bekommen, die Informationspolitik wird auf beiden Seiten, auf Seiten der USA, aber auch auf der der Taliban, von PR-erfahrenen Leuten gesteuert. Die Schwierigkeit dabei ist es, diese gesteuerten Nachrichten auch richtig zu bewerten.
SPIEGEL ONLINE: Wie ziehen sich die deutschen Sender dabei aus der Affäre?
Ruge: Sie machen ihre Aufgabe, auch im internationalen Vergleich, ganz ordentlich und holen das an Information heraus, was möglich ist. Allerdings sollte man genau auswerten, ob nicht stellenweise versucht wird, sogar zu viel aus den Korrespondenten herausholen zu wollen. Denn die Korrespondenten sind durch die Konkurrenz der Sender gezwungen, viele Dinge zu sagen, die vor Ort gar nicht zu recherchieren sind und die sie gar nicht selbst erlebt haben können. Ein Korrespondent muss bisweilen zwei-, dreimal am Tag seinen Aufsager machen, die Nachrichtenlage aber hat sich in den wenigen Stunden dazwischen gar nicht geändert. Die Korrespondenten müssen dann zu viel berichten, was sie selbst nur vom Hörensagen kennen.
SPIEGEL ONLINE: Und dem Zuschauer wird so Kompetenz vorgegaukelt.
Ruge: Man glaubt bei den Sendern wohl, dass je öfter sie zeigen, dass sie einen Mann vor Ort haben, desto höher wird vom Zuschauer die Kompetenz des jeweiligen Senders eingeschätzt. Das ist ein falscher Weg, denn relativ bald kommt die Öffentlichkeit und damit der Zuschauer dahinter, dass es sich hier nur um eine scheinbare Kompetenz handelt. Um wirklich aussagekräftige Berichte zu bekommen, muss man den Leuten vor Ort auch mal zwei, drei Tage Zeit für eine Geschichte zugestehen.
SPIEGEL ONLINE: Zusätzlich setzten alle Sender unzählige Experten ein.
Ruge: Es war schon ein bisschen quälend, dass ich plötzlich innerhalb von 14 Tagen mehr über den Islam gehört habe, als zuvor in meinem ganzen Leben. Diese Art von Experten-Diskussionen in großer Länge scheinen mir jedenfalls übertrieben.
SPIEGEL ONLINE: Der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen hat gerade eine "uneingeschränkte Berichterstattung auch in kritischen Zeiten" gefordert, der CNN-Chef Walter Isaacson dagegen weigert sich "Zivilopfer in Afghanistan in den Mittelpunkt zu rücken". Heißt das, dass wir nur eine begrenzte Wahrheit serviert bekommen?
Ruge: Nein, ich sehe in den beiden Aussagen auch keinen Widerspruch und ich bin auch nicht sicher, ob es richtig wäre, Zivilopfer in Afghanistan in den Mittelpunkt zu rücken. Zum einen, weil wir selbst keine Möglichkeit haben, zu überprüfen, wie diese Menschen umgekommen sind, zum anderen, weil bei einem Krieg nun mal auch der Krieg im Mittelpunkt steht. Natürlich muss über Opfer in der Zivilbevölkerung berichtet werden, aber nicht proportional mehr, als über die anderen Dinge, die ein Krieg nun einmal leider mit sich bringt.
SPIEGEL ONLINE: Zu den indirekten Folgen gehört, dass die Sender bei der Berichterstattung um die Zuschauer streiten. ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hat den Privaten vorgeworfen, die Bilder aus New York zur Quotenjagd benutzt zu haben.
Ruge: Diese Einschätzung möchte ich so nicht bestätigen. Ich denke sogar, dass das Problem der Privaten darin liegt, dass sie in der Regel eher zu wenig Information bieten. RTL allerdings hat am ersten Tag der Katastrophe ganz ausgezeichnete Arbeit geleistet, weit über dem Durchschnitt dessen, was man dort sonst diesbezüglich produziert. Ich befürchte allerdings, dass dies nicht auf Dauer der Fall sein wird.
SPIEGEL ONLINE: Haben die deutschen Nachrichtenkanäle n-tv und N24 bewiesen, dass sie schon mit dem großen Vorbild CNN mithalten können?
Ruge: Niemand kann mit CNN mithalten, weder die beiden privaten Nachrichtenkanäle, noch die Nachrichtenredaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender. CNN ist ein ganz anderer, ein viel größerer Apparat. Für uns mit vielen Vorteilen, aber auch mit einigen Schwierigkeiten behaftet, weil die Beurteilung der Ereignisse eben eine sehr amerikanische ist. Ich bin sicher, dass uns CNN nicht bewusst betrügt, aber auch dort ist man schließlich angewiesen auf das, was das Pentagon an Information zur Verfügung stellt. Nichtsdestotrotz halte ich es für ausgeschlossen, dass irgendein deutscher Sender hier mithalten kann.
SPIEGEL ONLINE: Neu entbrannt ist in diesem Zusammenhang die Diskussion um einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal, wie ihn sich etwa ARD-Programm-Direktor Günter Struve wünscht. Macht das Sinn?
Ruge: Ich persönlich habe schon oft gedacht, dass ein öffentlich-rechtlicher reiner Nachrichtenkanal durchaus wünschenswert wäre. Natürlich ist das eine sehr teure Angelegenheit. Gut präsentierte Information und Nachrichten sind sehr teuer, viel teurer etwa als Unterhaltung oder andere Programme. Und wer einen Nachrichtenkanal stemmen will, der mit CNN konkurrieren kann, muss sich warm anziehen.
SPIEGEL ONLINE: Es hat immer wieder Stimmen gegeben, etwa die des französischen Philosophen Paul Virilio, die das "fabelhafte" Fernsehen, den Überbringer der schlechten Nachrichten, für diese Nachrichten auch verantwortlich sehen.
Ruge: Das ist Blödsinn. Den Überbringer kann man kaum für die schlechten Nachrichten verantwortlich machen, auch wenn das in der Antike in Griechenland mal so geschehen sein mag. Auch damals aber hielten die klügeren Leute es für einen Fehler, den Boten, der die Nachricht von einer Niederlage brachte, töten zu lassen.
SPIEGEL ONLINE: Uns über das Fernsehen alle live am Grauen teilhaben zu lassen war wohl die Absicht der Terroristen. Haben sich die Sender in die Kriegsführung hineinziehen lassen?
Ruge: Welche andere Wahl, als zum Beispiel den Einsturz des World Trade Center zu zeigen, hätten die Sender denn gehabt? Keine, denn diese Informationen sind sie dem Zuschauer schuldig, alles andere wäre eine gezielte Nachrichtenpropaganda und damit unverantwortlich gewesen. Wer sollte denn auch entscheiden, welche Nachrichten nun zu schrecklich sind, als dass man sie senden könnte?! Selbstverständlich gibt es aber Grenzen, etwa wie nahe man bei einer Katastrophe mit der Kamera an die zerstörten Körper heran geht. Da reicht es dann sicher, aus der Distanz zu zeigen, dass es viele Tote gibt.
SPIEGEL ONLINE: Peter Scholl-Latour, aber auch der ZDF-Programmdirektor Markus Schächter glauben, dass das Ereignis vom 11. September das Ende der viel beschworenen Spaßgesellschaft bedeuten könnte, zumindest was deren Auswüchse im TV betrifft. Stimmen Sie zu?
Ruge: Ich kann nur wenig anfangen mit dem Ausdruck "Ende der Spaßgesellschaft". Und ich habe das Fernsehen gar nicht als so lustig empfunden. Natürlich wird man in mancher Hinsicht schon bald wieder zu einem völlig "normalen" Fernsehprogramm übergehen. Ich erinnere mich an den Tag, als John F. Kennedy ermordet wurde. Damals sagte eine amerikanische Kollegin: "Nach diesem Tag werden wir nie wieder lachen!". Darauf entgegnete ihr ein Mann, der neben ihr stand: "Wir werden nie wieder jung sein, lachen aber werden wir ganz sicher wieder". Wahrscheinlich ist das auch richtig.
SPIEGEL ONLINE: Die Professorin Gertrud Höhler hat nach dem Anschlag in Amerika "eine grandiose Mischung aus Nationalstolz, Gottvertrauen, Trotz und Trauer ausgemacht, die für uns Deutsche Botschaften von einem anderen Stern sind, da wir schließlich auch die deutsche Einheit mit mittlerem Erregungspegel überstanden haben". Sind die von der deutschen Öffentlichkeit als oberflächlich belächelten Amerikaner doch ein Volk der ganz tiefen Gefühle?
Ruge: Zunächst würde ich die Ereignisse vom 11. September und die Reaktionen darauf in gar keiner Weise mit der Wiedervereinigung in Beziehung setzen wollen. Und ich bin auch nicht sicher, ob die Amerikaner noch lange in dieser Pose aus Nationalstolz und Trotz verharren werden. Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass die öffentliche Meinung in den USA ein monolithisches Gebilde sei. Die Diskussion darüber, ob dieser Krieg richtig ist, ist sehr vielfältig und wird auch auf intellektueller Ebene sehr kontrovers geführt.
SPIEGEL ONLINE: Eine indirekte Folge der Terror-Attentate ist auch die Neubewertung der russischen Haltung im Tschetschenien-Konflikt.
Ruge: In der Tat gibt es nun gerade auch in Deutschland mehr Verständnis für die russische Vorgehensweise dort. Zuvor war die moralische Empörung immer sehr groß, wenn Putin nach Deutschland kam, tatsächlich aber hat das nur sehr wenig Folgen gehabt. Diesmal hat man diese Töne zurückgestellt, weil man mit Putin eine Form der Zusammenarbeit finden muss, will man den Terrorismus wirksam bekämpfen.
SPIEGEL ONLINE: Realpolitik statt Menschenrechte also?
Ruge: Nein, Tschetschenien ist ein großes Problem, und man muss Russland helfen und darauf drängen, dass dieses Problem gelöst wird. Natürlich muss das aber auf eine menschlich möglichst erträgliche Weise geschehen; wo das nicht der Fall ist, muss man das auch kritisieren.
SPIEGEL ONLINE: Erstmals dürfen US-Truppen auch vom Hoheitsgebiet der ehemaligen Sowjetunion aus operieren. Könnte der Terror Ost und West langfristig einigen?
Ruge: Im Augenblick ist man sich einig darin, dass vom internationalen Terrorismus eine große Gefahr ausgeht. Afghanistan als Basis dieses Terrorismus ist auch für Russland unerträglich, weil die Gefahr von Bürgerkriegen wächst, also kooperiert man und räumt den Amerikanern zähneknirschend Überflugsrechte ein. Bald aber werden wieder nationale Interessen und Konflikte im Vordergrund stehen, weil es eben nicht der Fall ist, dass die Welt nach dem 11. September eine andere geworden ist. Dann wird man sich in Moskau fragen, wie man die Amerikaner, die nun in Usbekistan stationiert sind, möglichst bald wieder aus dem Land bekommen kann.
Das Interview führte Andreas Kötter