Interview mit Grimme-Chef Gäbler: "Tabubruch war gestern" - DER SPIEGEL
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Interview mit Grimme-Chef Gäbler "Tabubruch war gestern"

Der TV-Experte Bernd Gäbler, Chef des Grimme-Instituts, sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Zukunft des Trash-Fernsehens, die Gebührendebatte bei ARD und ZDF und den Spagat der öffentlich-rechtlichen Sender zwischen Unterhaltung und Anspruch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Gäbler, wofür hat sich der Chef des renommierten Grimme-Instituts am vergangenen Samstag entschieden, für die "Pisa-Show" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder für die private Konkurrenz und "DSDS?"

Bernd Gäbler: Ich habe den großen Vorteil, zuhause einen Fernseher mit Bild-im Bild-Funktion zu haben und damit zwei Programme zeitgleich verfolgen zu können, so dass ich bei beiden Shows reinschauen konnte. Meine Begeisterung hat sich aber in Grenzen gehalten, für mich war das eher Nebenbei-Unterhaltung. Allerdings gebe ich gerne zu, dass ich bei "Pisa" hier und da mit gespielt habe... und über mein eigentlich vorhandenes mathematisches Verständnis enttäuscht war.

SPIEGEL ONLINE: Eine repräsentative Umfrage der Zeitschrift "TV Today" hat ergeben, dass die öffentlich-rechtlichen Sender kein eigenes Profil in Sachen Unterhaltung zeigen. Warum fällt es ARD und ZDF so schwer, originäre Unterhaltungsformate zu entwickeln?

Gäbler: Das größte Problem der ARD ist sicher die föderale Struktur. Sie kann die Format-Entwicklung für große Unterhaltung behindern. Natürlich hatte etwa Radio Bremen mit Hape Kerkeling oder der Hessische Rundfunk mit Kulenkampff und Frankenfeld lange Jahre große Erfolge. Im Zuge der stetig zunehmenden Marktbeherrschung durch einzelne Unterhaltungskonzerne wie z.B. Endemol konnte man da aber nicht mehr mithalten.

SPIEGEL ONLINE: Also versucht die ARD nun wieder mit einer zentralen Format-Entwicklung dagegen zu halten...

Gäbler: Ja, aber auch die Zielgruppen-Unsicherheit bei ARD und ZDF ist ein Problem. Man möchte einen Querschnitt der Bevölkerung bedienen, traut sich aber nicht, bestimmte Zielgruppen zu verprellen und hat so zum Beispiel eine bestimmte Art von Comedy, z.B. die Ethno-Variante mit Kaya Yanar, schlicht verpasst, bzw. mit Rücksicht auf die durchschnittliche Seherschaft gar nicht erst angefasst...

SPIEGEL ONLINE: Und daher versucht man nun mit beträchtlichem finanziellen Aufwand den Vorsprung der Privaten zu verkürzen?

Gäbler: Ja, aber dieser Wettbewerb darf nicht so aussehen, dass ARD und ZDF darum buhlen, wer Endemol und Co. die höheren Preise bezahlen darf. Es geht darum, Talente zu entwickeln oder viel versprechende Newcomer zu fördern, weniger darum, fertige Stars einzukaufen. Weder ARD noch ZDF aber ist es beispielsweise gelungen, für Barbara Schöneberger ein geeignetes Format zu finden. Man lässt sie stattdessen zurück zu den Privaten wechseln. Oder ein kleines Sat.1-Format wie "Genial Daneben" mit Hugo Egon Balder: Das steht durchaus für charmantes Unterhaltungshandwerk, und es stellt sich die Frage, warum das ZDF nicht zugegriffen hat, dem Balder das Format auch angeboten hatte.

SPIEGEL ONLINE: Arbeiten bei ARD und ZDF die falschen Leute in den Entwicklungsabteilungen und Redaktionen?

Gäbler: Das Wichtigste zum Gelingen zeitgemäßer, moderner Unterhaltung ist eine klare redaktionelle Führung. Und es hat mit der schon erwähnten Zielgruppen-Unsicherheit von ARD und ZDF zu tun, dass aufgrund einer langen Zeit der Versäumnisse kompetente Leute fehlen. Wer etwa in der jüngeren Vergangenheit in Köln Theater- und Fernsehwissenschaften studierte und zum Fernsehen wollte, der ging eben nicht mehr zum WDR, sondern zu Brainpool. Um ein Bild aus dem Fußball zu bemühen: Der SC Freiburg oder Stuttgart, das wären gute ARD-Formate, während Bayern München eindeutig RTL wäre.

SPIEGEL ONLINE: Während Sie eine Lanze für öffentlich-rechtliche TV-Unterhaltung brechen, raten andere TV-Experten ARD und ZDF eher dazu, sich wieder mehr auf ihren klassischen Programm-Auftrag zu beschränken...

Gäbler: Natürlich bleibt das A und O für ARD und ZDF verlässliches, sicheres, kompetentes Informationsfernsehen zu machen. Ich bin aber der Auffassung, dass es der gesamten Fernseh-Landschaft gut tut, wenn es einen Wettbewerb in allen Sparten gibt, also auch bei der Unterhaltung. Umgekehrt halte ich es auch für richtig, RTL und Sat.1 zu ermuntern, in Zukunft auch einmal auf Dokumentationen zu setzen.

SPIEGEL ONLINE: Gerade wegen der Kosten für Unterhaltungsformate oder Sport sprechen viele Politiker ARD und ZDF das Recht auf eine Gebührenerhöhung in 2005 ab...

Gäbler: Aus dieser Diskussion halte ich mich weitgehend heraus. Ich bin niemand, der wegen ein paar Cent mehr oder weniger auf die Palme geht. Dafür ist mir öffentlich-rechtlich verfasstes Fernsehen generell zu wichtig. Klar ist aber auch, dass es eine strukturelle Reform bei ARD und ZDF geben muss.

SPIEGEL ONLINE: So, wie es derzeit von den Ministerpräsidenten aus Bayern, Sachsen und NRW gefordert wird?

Gäbler: Wie weit das gehen wird, muss man abwarten, zumindest aber haben die beiden Anstalten ihre Bereitschaft signalisiert und ich bin sicher, dass es eine Lösung mit allen am Staatsvertrag beteiligten Parteien geben wird. Einiges ist bereits aus der Welt, wie die Forderung, Arte und 3Sat zusammenzulegen, gegen die ich mich scharf gewandt habe. Andere Dinge befürworte ich vehement, etwa, dass es zu den Kinder- und Wissenssendungen wie "Quarks und Co." Programm begleitende Internetauftritte geben darf.

SPIEGEL ONLINE: Gerade diese so genannten Programm begleitenden Aktivitäten sind aber vielen Gebühren-Kritikern ein Dorn im Auge, weil sie nichts mehr mit dem Kerngeschäft der Sender zu tun haben.

Gäbler: Natürlich ist "Programm begleitend" schwer zu definieren. Die Grenze lautet: Mit den Gebühren darf kein E-Commerce finanziert werden.

SPIEGEL ONLINE: Das Duale System stellen Sie aber nicht in Frage?

Gäbler: Nein! Ich kann mir zwar auch crossfinanzierte Programme vorstellen, wie Channel Four in England, bin aber auf gar keinen Fall dafür, das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf eine Art erweitertes Phönix zu reduzieren. Es wird dem Fernsehen per se gut tun, wenn sich die Konkurrenz auf allen Gebieten entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: RTL-Boss Gerhard Zeiler glaubt schon jetzt, dass Fernsehen heute so gut ist wie noch nie. Erinnern die Programme gerade der Prime Time aber nicht vielmehr an das Prinzip "Brot und Spiele"?

Gäbler: Herr Zeiler misst Qualität in erster Linie in Reichweite, und RTL hat eine große Routine darin entwickelt, diese Reichweite durch entsprechenden Audience Flow, Programm-Aufbau etc. zu erzielen. Das zeigt durchaus eine Zunahme an Fähigkeiten bei RTL. Dass das Programm aber auch inhaltlich auf breiter Front an großer Qualität gewonnen hätte, das kann ich beim besten Willen nicht sehen.

SPIEGEL ONLINE: Bleiben also für die Qualität nur Nischen?

Gäbler: Viele ordentliche Formate, etwa Dokumentationen werden bei den Vollprogrammen immer mehr an die Ränder gedrängt und sind kaum noch vor 23 Uhr zu sehen, nicht zuletzt, weil auch die Öffentlich-Rechtlichen zu sehr nach Marktanteilen schielen. Ich gebe aber auch zu, dass es ungemein schwierig ist, sich in der Prime Time mit gut gemachten Stoffen zu etablieren.

SPIEGEL ONLINE: Hier machen die privaten Sender Quote mit purem Voyeurismus, etwa bei "Big Brother". Wie weit wird die Enttabuisierung noch gehen?

Gäbler: Ich glaube, dass sich auch der Tabubruch erschöpft. Es gibt zurzeit einen Extremismus des Angeschrieen-Werdens und ein Gieren nach Quantität. Das aber halte ich für ein Auslaufmodell aus einer früheren Fernseh-Zeit, das sich mit dem digitalen Fernsehen und seinen unzähligen Möglichkeiten überleben wird. In der ersten "Big Brother"-Staffel reichte es für eine gute Quote noch, unter der Decke zu kuscheln, heute können sie das Grundkonzept radikalisieren, wie sie wollen, und es interessiert trotzdem niemanden mehr. Schlimmer als den Tabubruch empfinde ich die Auswirkungen auf üblich werdende Umgangsformen: Häme, Beleidigung, Missbrauch scheinen alltäglich zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Auch mit dem "Dschungelcamp" wurden Grenzen überschritten; hat RTL leichtsinnig damit die in den letzten Jahren erworbene Seriosität aufs Spiel gesetzt?

Gäbler: Ja, ich glaube dieser Erfolg wird zum Pyrrhus-Sieg für RTL, denn mit diesem Format ist man vom Weg zu einem familienorientierten Vollprogramm doch wieder ein ganzes Stück abgekommen. So haben zum Beispiel Werbekunden wie Wüstenrot ihre Spots gestoppt. Und man hört auch, dass der Sender "Dschungelcamp 2" und "Fear Factor" erst einmal auf Eis gelegt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sat.1 bekommt in diesem Jahr von Ihrem Institut gleich fünf Preise verliehen. Sehen Sie hier eine Entwicklung zum Qualitätsfernsehen?

Gäbler: Man muss bei Sat1. abwarten, was nun unter dem neuen Geschäftsführer Roger Schawinski geschieht. Zumindest unter der alten Führung mit Martin Hoffmann aber gab es ein klares Bekenntnis zu aufwendig produzierten Stoffen, wie "Das Wunder von Lengede." Zudem lässt die Tatsache, dass man die Spielfilm-Verantwortliche Alicia Remirez zur stellvertretenden Geschäftsführerin gemacht hat, durchaus für die Zukunft hoffen.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Institution Grimme-Preis und Einzelstücke wie "Das Wunder von Lengede" letztlich nicht nur eine Art gutes Gewissen oder Feigenblatt für alle Fernsehschaffenden, unter dem Motto: So schlimm kann es doch nicht stehen ums deutsche Fernsehen, solange es dieses Korrektiv gibt?

Gäbler: Wir haben weder Geld- noch Machtmittel zu vergeben. Solange unsere Argumente für Qualitätsfernsehen aber angenommen werden und es zu einem Dialog mit den Machern kommt, dann ist das durchaus eine begrüßenswerte Funktion und nicht nur ein Feigenblatt. Und ein gutes Gewissen, das Anstöße gibt, ist doch allemal besser, als ein Schlechtes.

Interview: Andreas Kötter