Interview mit Rufus Beck: "Ben wird sich in den Hintern beißen" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Interview mit Rufus Beck "Ben wird sich in den Hintern beißen"

Glück für Rufus Beck: Statt Ben Becker spielt nun er den "Tartuffe" am Berliner Ensemble. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Münchner über seine Rolle in dem Molière-Klassiker.
Von Harriet Dreier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich wollte Tamás Ascher ein Stück mit Ben Becker auf die Bühne bringen. Jetzt läutet Claus Peymann, Intendant am Berliner Ensemble, die neue Spielzeit mit Rufus Beck als "Tartuffe" ein. Beck, Jahrgang 1957, studierte an der Universität Heidelberg, ehe er sich dem Schauspielfach zuwandte. Unter der Regie von Robert Le Page, Frank Castorf oder Leander Hausmann spielte Rufus Beck zahlreiche Titelrollen. 1991 gab Beck sein Kinodebüt in Sönke Wortmanns "Kleine Haie" und spielte die Waltraud im Kassenschlager "Der bewegte Mann".

SPIEGEL ONLINE: Gefallen Sie sich als Bösewicht?

Rufus Beck: Im Theater sind die Abgründe des Menschen interessant, nicht die guten und angepassten Charaktere. Das Böse erfordert Talent zur Verführung: Jünger um sich scharen, charismatisch sein - das ist entscheidend. Einfach nur den Bösen spielen wäre dämlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren der Zauberer in "Tabaluga", sie lesen Harry Potter, waren Waltraud in "Der bewegte Mann" und spielen in TV-Krimis. Wonach wählen Sie Ihre Rollen aus?

Beck: Ein Schauspieler ist auch jemand, der verführt, verführt zum Zuschauen. Ich suche mir meine Rollen nicht nach einer politischen Aussage aus, sondern danach, ob die Geschichte menschlich interessant ist. Mich interessiert die Vielfalt. Nur auf der Bühne zu stehen könnte ich mir auch gar nicht erlauben.

SPIEGEL ONLINE: Das Stück "Tartuffe" ist von 1664. Hat es mit der heutigen Gesellschaft noch viel zu tun?

Beck: Wenn ich die Augen aufmachen, sehe ich viele unglückliche Familien. Molière schrieb einen Abgesang auf eine zerrüttete bürgerliche Familie, ausgehend von 20 Jahren Ehe. Da gibt es keine Erotik mehr, nur Alltag und Organisation. Die Kinder sind dann bald aus dem Haus und auf einmal steht man mit dem Ehepartner alleine da und fragt sich: "Kann das denn alles gewesen sein?"

SPIEGEL ONLINE: Eine Tragödie in Puderperücken?

Beck: Nein. Die Geschichte hat Regisseur Tamás Ascher in eine andere Zeit versetzt. So setzt sie sich besser ab, wird für den heutigen Zuschauer deutlicher. Das Stück spielt Ende der fünfziger Jahre in Deutschland. In die Hände spucken für Wirtschaftswachstum und Aufbau, das zählte. Dabei blieben einfach viele Familien auf der Strecke.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich auf ihre Rolle vorbereitet?

Beck: Ich kenne Filme, Bücher, Doku-Berichte. Ich muss nicht fünf Monate vorher in einer zu engen, karierten muffigen Hose rumlaufen, um ein Gefühl für diese Zeit zu entwickeln, dafür bin ich Schauspieler. Ich bin Profi: Es gibt einfach Dinge die man als Schauspieler und Handwerker kann. Mit dem Text habe ich mich viel beschäftigt. Der ist für mich hochaktuell, und ich spreche ihn so unprätentiös wie möglich, so dass er mit mir etwas zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Im "Tartuffe" wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Hätte sich nicht ein aktueller Bezug zur Spendenaffäre angeboten?

Beck: Der wird uns ja permanent geliefert. Es wäre banal, einen CDU-Mann auf die Bühne zu stellen. Die langweilen uns ja schon jeden Tag. Im Theater etwas eins zu eins abzubilden, etwa einen Tartuffe in der Maske des Ministerpräsidenten Roland Koch auftreten zu lassen, wäre platt. Und wenn ich ein Geschichte darüber erzähle, wie eine Familie zusammenbricht, dann hat das sehr viel mit Politik zu tun. Molière erzählt seine Geschichte mit viel Komik. Das muss man erst mal erreichen, dass man über eine tragische Figur lacht. Über den Roland Koch kann man leider nicht mehr lachen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Ersatzmann für Ben Becker. Hinterlässt das bei Ihnen ein komisches Gefühl?

Beck: Nein. Aber Ben wird sich in den Hintern beißen, dass er die Rolle nicht gespielt hat, wenn er mich sieht.