Interview mit Schlingensief "Schmutzige Bilder"
SPIEGEL ONLINE:
Sie wollen mit "Bitte, liebt Österreich" Haider nachspielen, "in ihn hineinkriechen", um zu verstehen, wie er funktioniert. Verstehen Sie es schon?
Schlingensief: Ja. Haider kann zugeben, dass der Mensch extrem schweinische Ideen haben kann. Er erlaubt sich all das, was sich ein Kind vorstellt, das abends im Bett im Kopf seine Schulkameraden vermöbelt. Er muss das durchspielen, denn wenn er das Leben mit all seinen Wehwehchen akzeptieren würde, dann müsste er zugestehen, dass ihm zehn Minuten fehlen, um die Welt zu verstehen. Und das kann er nicht.
SPIEGEL ONLINE: Die zehn Minuten, von denen Sie sagen, sie fehlen auch Ihnen.
Schlingensief: Mir fehlen sie auch, ja.
SPIEGEL ONLINE: Außer Haider verstehen, was wollen Sie mit diesem Projekt?
Schlingensief: Ich möchte Wolfgang Schüssel die Hand reichen. Ich will ihm vermitteln: Wenn er diese Koalition auflöst, wenn er sagt, sie ist mit Leuten zu Stande gekommen, die mit Sachen zu tun haben, mit denen er nichts zu tun haben will -, dann wird er in Europa der König sein.
SPIEGEL ONLINE: Sie wissen, dass er es nicht tun wird.
Schlingensief: Es bleibt ihm aber nichts anderes übrig, um zu überleben. Und deshalb spielen wir mit ihm die FPÖ-Parolen mal durch.
SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, die meisten Leute finden Sie scheiße, und "wäre es andersrum, hätte ich verloren." Haben Sie für die Wiener Container-Aktion nicht schon gefährlich viele Sympathisanten?
Schlingensief: Ich habe damit abgeschlossen, mir Gedanken über Zustimmung und Ablehnung zu machen. Hier geht es um eine ernste Sache. Die Selbstveredelung wurde mit meiner Partei beerdigt. Die Politik besitzt angeblich ein Monopol auf Ernsthaftigkeit. Das bezweifle ich.
SPIEGEL ONLINE: Und wenn sich Ihr Projekt einfach in eine endlose Reihe von Happenings einfügt, die man sich gibt und rasch wieder vergisst?
Schlingensief: Die Aktion hier vor der Oper produziert schmutzige Bilder aus Österreich. Diese Bilder werden bleiben. Dreharbeiten sind vergänglich, aber den fertigen Film kann man immer wieder betrachten. Deshalb versuche ich zu meiner früheren Filmarbeit zurückzukehren. Demnächst drehe ich einen Film ohne Kamera. Da sitzen wir abends vor der leeren Leinwand, und jeder schaltet seinen Kopf ein. Der Einschlag einer Rakete ist nicht so interessant wie die Folgen. Es gibt nicht so viele Bilder, die die Qualität haben, nicht nur im Moment der Produktion zu funktionieren. Außerdem brauche ich die Leute, die sagen, das ist ja langweilig.
SPIEGEL ONLINE: Warum gerade die?
Schlingensief: Weil sie andere veranlassen zu sagen, das kann doch nicht sein, dass Container-Abschiebung oder Hasstiraden der FPÖ jetzt einfach langweilig sind. Deshalb funktioniert das Projekt. Es ist eine leere Fläche, die benutzt werden muss, kein Bonbon zum Lutschen. Es ist eine Plattform, die Jelinek genauso nützen kann wie Cohn-Bendit oder jedermann. Wer halbwegs mit sich im Reinen ist, der weiß, wie lächerlich er ist, und tut sich mit anderen Bescheuerten zusammen. Und dennoch ist es kein Idiotenclub der Spaßgesellschaft, sondern eine reinigende Selbsteinschätzung.
SPIEGEL ONLINE: Sie sagen im Zusammenhang mit der Abschiebe-Aktion: "Der Nazi wohnt in mir, der Linke auch." Schrecken Sie durch solche Aktionen auch den Nazi in sich selber auf?
Schlingensief: Klar. Hans Kresnik zum Beispiel sagt immer nur: "Der Rechte ist scheiße, und das zeige ich den Zuschauern jetzt mal." Ich sage, der Rechte ist scheiße, und ich zeige mich.
SPIEGEL ONLINE: Täten Sie das nicht, müsste dann der Nazi auf andere Art raus?
Schlingensief: Ich würde die Nazi-Rolle in mir gegen mich richten. Das ist das, was bei Haider und mir nicht zusammenpasst: Er will alleine sterben. Das ist sein gutes Recht. Allerdings glaube ich, dass es noch etwas Anderes zu tun gibt. Die radikalste Form der Revolution ist, sich ins Krankenhaus einliefern zu lassen, und auf einer Operation zu bestehen. Rekonvaleszenz hat noch keinem geschadet, aber: Zurück in den OP! Diese Selbstoperation hat Haider noch nicht verstanden.
SPIEGEL ONLINE: Wann würden Sie bei diesem Projekt sagen: Es ist aufgegangen?
Schlingensief: Ich kann nur hoffen, dass in den sechs Tagen eine Stunde ist, wo es keine Bedenken gab. Weder von mir als auch von anderen. Einen Moment, in dem sich Vorstellungen und Realität verweben, in dem irgendetwas berührt wird. Das ist der Moment, in dem Musik ist. Und der bleibt. Wer dann dabei war, hat Glück gehabt. Die anderen müssen noch warten.
SPIEGEL ONLINE: Manches klingt überraschend harmoniebedürftig.
Schlingensief: Ja, das ist das Anstrengende. Ich hoffe auf eine für alle angenehme Lösung - mit der Betonung auf "alle". Diese Aktion ist für mich nicht unwichtig. Das einzige, was man sich am Ende noch sagen kann, ist: Ich habe was probiert. Das würde mir völlig reichen.
Das Interview führte Gerlinde Pölsler