"Into the Blue" Jan Pusch erfindet Videospiele
Das Stück ist der erste Teil einer Projektreihe, die Jan Pusch mit Video- und Soundkünstlern entwickelt, und wurde mit "fettFilm" (Torge Müller und Momme Hinrichs) realisiert. In drei fulminanten Soli erarbeitet Choreograf Pusch mit den Tänzern Detlev Alexander, Mata Sakka und Fiona Gordon neue Körper-Sprachen, neue Video-Spiele.
Zu Beginn ist da nur ein Rücken im weißen Raum, ein biegsames Rückgrat, das nach links, nach rechts gezogen wird - und eine Musik (Beat Halberschmidt), die rauscht, blubbert, kratzt. Der Raum wird blau, wird Projektionsfläche, wie auch der Körper. Detlev Alexander trägt flimmernde Rechtecke auf der Brust. Er beginnt ein Spiel mit ihnen, lässt sie unter der Hand hervorblitzen und wieder verschwinden. Was für Möglichkeiten!
Tänzerin Mata Sakka nimmt die Idee auf, hinter einem milchigen Stoff auf der Bühne. Die Körperdrehung, das Kreisen der rechten Hand sind Bewegungsmerkmale des konsequenten Choreografie-Konzeptes - Merkmale, die alle drei Tänzer aufgreifen. Die kreisende Hand Mata Sakkas wird zur Kamera, die an der buntgemusterten Hose, dem gestreiften Pullover entlangfährt. Die Aufnahme ist auf dem milchigen Stoff zu sehen: Eine gemusterte Hose, ein gestreifter Pulli, Füße, ein Gesicht, ein Bauch, Darmwindungen. Wir sind drin im Körper. Und gleich wieder draußen. Auf dem Hof. Dort steht Mata Sakka sich selbst gegenüber.
Vervielfältigungen in der Videowelt
Den Wunsch nach Omnipräsenz hat Jan Pusch im modernen Menschen entdeckt, nach einer Möglichkeit, sich zu vervielfältigen. Doch er zeigt auch die Tücken solcher Träume. Tänzerin Fiona Gordon lebt in einer Videowelt: Ihr Perserteppich, ihre Tapete sind Projektionen. Sie selbst ist eine, nein zwei. Ihre Bilder lösen sich von ihr, krabbeln über Boden und Wänden. Drei Fionas kreisen im Gleichtakt hintereinander. Am Ende setzt die erste sich an den Tisch, stützt das Kinn auf die Hände - und bricht mit dem Ellbogen durch die Tischplatte. Auch das Holzmuster war Projektion.
Doch, es gibt eine Hamburger Tanztheater-Szene außerhalb von John Neumeiers Ballett, das beweist Jan Pusch immer wieder, auch mit diesem Abend. Zwar führte den heute 35-Jährigen nach der Tanzausbildung einst ein Neumeier-Engagement nach Hamburg, doch hat er sich seit 1994 als freier Choreograf und Regisseur einen Namen gemacht.
Die meisten seiner Stücke waren Koproduktionen mit der Kulturfabrik Kampnagel: In "Scope - second hand memories" beschäftigte Pusch sich mit Film und Realität, in "Until the cows come home" ließ er seine Tänzer auf die Zukunft warten, sie in "Wish I was real" nach "Echtheit" suchen. Wie ein roter Faden ziehen sich Zeit und Raum, Zukunft und Realität als Themen durch die Choreografien.
Ausgezeichnet wurde sein Solo "über die Sekunde vor dem Ereignis" ("Please help yourself") beim Solo-Tanz-Theater-Festival Stuttgart, es folgten Gastspiele von Berlin bis Beirut. Und einige Gast-Inszenierungen: "Wish I'd be here" beim Ballet des Theater Vorpommern, "Who knows. Maybe Tennessee" für die Tanz Companie Lübeck, "Cross Dissolve" in der Krefelder Fabrik Heeder. "Cross Dissolve" ist ein Begriff aus der Videobranche und beschreibt die Überblendung zwischen zwei Szenen - das Jetzt. "Into the Blue" führt den Film fort, auf höchst intelligente Weise.