Islam-Kunst: Schrift aus Licht - DER SPIEGEL
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Islam-Kunst Schrift aus Licht

"Antworten auf die Fragen von heute" will die Berliner Ausstellung "Taswir" geben: Klassische islamische Objekte wie Koranschriften oder Bilder werden zusammen mit den Werken zeitgenössischer Künstler wie Pablo Picasso präsentiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So klingt ein großer Anspruch: In Zeiten, in denen der Blick von außen auf den Islam "von Misstrauen und Unverständnis" geprägt sei, wolle man den weiten Horizont der historischen Kunst und Kultur des Islam von den Anfängen bis hin zur Gegenwart zeigen und damit "anschaulich" über eine der großen Kulturen unserer Welt informieren. Das Zitat stammt vom Berliner Festspiele-Intendant Joachim Sartorius und bezieht sich auf die Ausstellung "Taswir - Islamische Bildwelten und Moderne", die an diesem Donnerstag, dem 5. November, im Berliner Martin-Gropius-Bau beginnt. Die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe muslimischer Gesellschaften sei dringend vonnöten, so Sartorius, um die Gegenwart besser zu verstehen - "deutsche Muslime und Nicht-Muslime können im Reichtum und in der Vielfalt islamischer Kulturgeschichte Antworten auf die Fragen von heute finden".

Hört sich doch gut an. Das Wissen über die islamische Kunst ist tatsächlich in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, und das Interesse für zeitgenössische Kunst aus muslimischem Kontext ist groß. Eine aktuelle Sicht auf islamisch geprägte Bildwelten soll "Taswir" eröffnen, mit Zuordnungen und Sinnzusammenhängen, durch Bezüge zwischen alter und zeitgenössischer, östlicher und westlicher Kunst, mit 250 Kunstwerken in 18 Themenräumen.

Islam

Kostbare Objekte klassischer islamischer Kunst werden zusammen mit Arbeiten von 50 zeitgenössischen Künstlern ausgestellt, damit eine Art Bildcollage entsteht, die wie "ein Teppich oder ein poetischer Text agiert". Und anders als in den meisten klassischen Islam-Ausstellungen sollen "Muslim", " " "Orient" oder "Islamische Kunst" nicht als kollektives Anderes gezeigt werden.

Kalligraphie, Ornament, Miniatur

Drei große Themen gibt es traditionell in der islamischen Kunst: Die Kalligraphie, das Ornament und die Miniaturmalerei.

Mit der Kalligraphie und dem legendären "Himmlischen Qur'an", einem sakralen Ur-Buch, beginnt die Ausstellung. Der Sage nach sind die Seiten der "Mutter aller Bücher" aus rotem Hyazinth, mit Schrift aus Licht, aus dem Gott Himmel und Erde schuf - alle kalligraphischen Abschriften von Qur'an gelten damit als die höchste Form der visuellen Künste.

Pablo Picasso

Solche wertvollen Manuskripte aus mehreren Jahrhunderten werden gezeigt und dazu eine Installation des Deutschen Wolfgang Laib, der mit flüchtigem Material wie Blütenstaub arbeitet. Gleich nebenan ist ein portugiesisches Qur'an zu sehen, zusammen mit Lithographien von , in denen er auf Texte des Dichters Pierre Reverdy rhythmische Linien und Zeichen gemalt hat.

Das Thema "Ornament" spielt heute nicht mehr nur im islamischen Kulturkreis eine Rolle. Besonders Künstler, die kritische zeitgenössische Positionen vertreten - wie Mona Hatoum, Susan Hefuna, Parastou Forouhar und Hale Tenger - interessieren sich für die "Ambivalenz von Hierarchie und Ordnung, Perfektion und Macht, Symmetrie und Asymmetrie, Ohnmacht und Gewalt".

So benutzt die 1962 in Teheran geborene Parastou Forouhar, die in Offenbach lebt, das Ornament nicht als Dekor, sondern als kritische globale Sprache. Ornamentale Stoffe mit Spruchbändern, die bei schiitischen Beerdigungsfeiern die Särge der Märtyrer bekleiden, verarbeitet sie zu Sitzsäcken.

Das dritte Thema, die Miniaturmalerei, wird anhand klassischer und figurativ gemalter persischer Liebesgeschichten aus dem 15. Und 16. Jahrhundert gezeigt. Es gab und gibt kein striktes Bildverbot in der islamischen Tradition, denn es wurden sogar Porträts der Geliebten gemalt, männliche oder weibliche Körper.

Phallusförmige Hörner

Genau Hinsehen sollte man bei den funkelnden, mit Halbedelsteinen besetzten Lack-Bildern des 1974 geborenen Pakistani Raqib Shaw, der in London lebt. Denn Shaws märchenhafte Welt von fantastischen Motiven und Mustern entpuppt sich als dekadent und frivol - mit gemalten Folterwerkzeugen und sadomasochistischen Szenen. Hier rühmt keine Poesie die Liebe, wie auf den alten Darstellungen. Und kein Schleier bedeckt die phallusförmigen Hörner oder die gefesselten Körper.

Auch das kann der Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe islamischer Gesellschaften dienen - besonders wenn man wüsste, ob solche Arbeiten auch im islamischen Kulturkreis gezeigt werden können. Das Heftchen mit Kommentaren zu den 18 Ausstellungsräumen gibt dazu allerdings keine Auskunft. In ambitioniertem, oft unverständlichem Kunsthistoriker-Jargon wird hier lieber vom "Erstaunen vor der Unendlichkeit" oder von der "visuellen Eigenständigkeit der Schrift" als einer "gestalthaften Körperlandschaft" gefaselt.

Wer auf der visuellen Kultur-Weltreise Unterstützung braucht, sollte lieber den sehr guten Katalog durchlesen.


Taswir - Islamische Bildwelten und Moderne. Berlin. Martin-Gropius-Bau. 5.11.2009 bis 18.1.2010. www.gropiusbau.de 

Veranstaltungen zur Ausstellung siehe www.ha-atelier.de 

Katalog: Taswir - Islamische Bildwelten und Moderne
Nicolai Verlag. 248 Seiten, 300 Abb., Euro 34.95