Islam-Schmähung: Prozess gegen Fallaci verschoben - DER SPIEGEL
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Islam-Schmähung Prozess gegen Fallaci verschoben

Sie ist aggressiv, radikal und polemisch: Die italienische Schriftstellerin Oriana Fallaci hat mit ihrem jüngsten Buch die muslimische Welt provoziert. Heute hat der Prozess wegen "Schmähung des Islam" gegen die 75-Jährige begonnen - und wurde bereits wieder vertagt.
Von Arndt Breitfeld
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bergamo - Der islamische Einwanderer uriniere auf die Denkmäler des Westens, die Kirchenstufen würden mit Kot beschmiert und der Islam säe anstelle von Liebe nur Hass. Solch derbe Äußerungen sind es, die Oriana Fallaci vor Gericht gebracht haben. Vor etwa einem Jahr zeigte die Gemeinschaft der italienischen Muslime die 75-jährige Schriftstellerin an, weil ihr 2004 erschienenes Buch "Die Kraft der Vernunft" den Islam beleidige und zum Generalangriff auf die muslimische Religion anstifte. "Die Kraft der Vernunft" ist das Folgebuch von "Die Wut und der Stolz", mit dem Fallaci bereits 2001 ihren öffentlichen Islam-Kreuzzug begonnen hatte. Der Anwalt der Muslime sagte, die Organisation behalte sich vor, die Anzeige um den Tatbestand der Verbreitung von Rassenhass zu erweitern.

Das Gericht im norditalienischen Bergamo hatte zur Eröffnung des Verfahrens eine Zwangsvorführung der Angeklagten zum heutigen Prozessauftakt angeordnet. Doch Fallaci kam nicht: Ihre Anwälte legten ein ärztliches Attest vor, das belegte, dass sie nicht reisefähig sei. Die schwerkranke Autorin leidet seit zehn Jahren an Krebs und lebt in Manhattan. Laut "Süddeutscher Zeitung" ließ Fallaci in New York erklären, dass ihre Zitate aus dem Zusammenhang gerissen seien, dass sie aber "inhaltlich dazu stünde, so lange sie noch zu leben habe". Der Prozess wurde heute, kurz nach Beginn, auf den 26. Juni vertagt, "um die Verfahrensanforderungen prüfen zu können" so die Richterin.

Oriana Fallaci vertritt die These, dass Europa islamistisch unterwandert werde und sich im Würgegriff fanatischer Mullahs befinde. Die westliche Staatengemeinschaft sei Ziel islamischer Expansionspolitik, denn Erobern sei "die einzige Kunst, in der die Söhne Allahs stets unübetrefflich waren, die Kunst einzudringen, zu erobern, zu unterwerfen" schreibt Fallaci, und: "Ihre heiß begehrte Beute war stets Europa, die christliche Welt". Ihr Satz "Sie vermehren sich wie Ratten" brachte ihr in Paris bereits eine Anklage wegen Anstiftung zur Volksverhetzung ein.

Warnen und anklagen

Fallaci will den Westen jedoch nicht nur warnen, sondern auch anklagen: In einem Rundumschlag empört sie sich gegen eine "Demokratie, die "anstatt auf die eigenen Bürger zu hören, sie zum Schweigen bringt, dem Feind ausliefert". Europa verkaufe sich "wie eine Hure an die Sultane" und schaue der feindlichen Übernahme einfach nur dumm zu. Eines ihrer Beispiele: Deutschland. Das Flugzeug, das 1988 über dem schottischen Lockerbie explodierte, sei mit der Bombe in Frankfurt gestartet, Mohammed Atta, der Terroristenführer des 11. September, habe in Hamburg studiert und gelebt, die logistische Zentrale von al-Qaida sei in Deutschland – alles Belege dafür, dass Deutschland doch nur noch eine Provinz der islamischen Welt sei.

Oriana Fallaci verallgemeinert, sie schreibt derb, vulgär und beleidigend. Jegliche Art von Diplomatie ist ihr fremd. "Mit populistischem Pathos gibt sie Binsenweisheiten als ihre große Erkenntnis aus" schreibt die "Neue Zürcher Zeitung". Fallaci empfindet ihr Schreiben jedoch als Pflicht, denn es gehe "ums Überleben". Ihre radikalen Thesen finden durchaus eine breite Leserschaft. Die ersten drei Auflagen von "Die Kraft der Vernunft" – rund 150.000 Exemplare – waren innerhalb weniger Wochen vergriffen, insgesamt verkauften sich etwa eine Million Bücher.

Auch im italienischen Wahlkampf fand die radikale Kreuzzüglerin ihren Einsatz: Berlusconis Wochenzeitung "Panorama" und die konservative Zeitung "Corriere della Serra" brachten Vorabdrucke ihres neuen Buchs; die rechtspopulistische italienische Partei "Lega Nord" und Berlusconis konservative "Forza Italia" feierten die wütende Autorin für ihre aggressive Deutlichkeit.

Treffen mit dem Papst

Fallaci war Kriegsberichterstatterin in Vietnam und wurde in den Siebzigern bekannt für ihren aggressiven Interviewstil. Sie sprach mit Chinas Diktator Deng Xiaoping und Irans Ajatollah Chomeini. Das Gespräch mit dem geistlichen Staatsoberhaupt wurde angeblich abgebrochen, weil sie im Interview den Schleier vom Gesicht nahm. Als sie die Anschläge vom 11. September 2001 in New York miterlebte, erwachte in ihr der Drang, sich mitzuteilen und der Welt die Augen zu öffnen.

Nur knappe zwei Wochen soll die zornige Autorin an "Die Wut und der Stolz" gearbeitet haben, angetrieben von Angst und Hass auf die muslimische Welt. Terror-Anschläge wie in Madrid und London ließen sie immer wieder aufs Neue zetern, etwa im  "Corriere della Sera": Ziel der Muslime sei es, "uns physisch auszulöschen mit unseren Körpern, unsere Prinzipien und unsere Werte zu zerstören".

Zuletzt machte Fallaci Schlagzeilen, als Papst Benedikt XVI. sie im Vatikan empfing. "Ich fühle mich weniger allein, wenn ich Bücher von Ratzinger lese", hatte sie dem "Wall Street Journal" gesagt. Sie wollte wissen, für wie dialogfähig Benedikt den Islam halte. Was das kurze Gespräch Ende August 2005 ergab, verlautete nicht nach außen, doch laut SPIEGEL wertete der Ratzinger-Biograf John Allen das zuerst geheim gehaltene Treffen als Zeichen, dass der Papst "in seiner Haltung zum Islam eher eine 'Falken-Linie' verfolge als sein Vorgänger."

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