Israel: Mehr Wagner wagen - DER SPIEGEL
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Israel Mehr Wagner wagen

Der Wagner-Boykott in Israel ist gebrochen. Erstmals wird ein staatlicher Musikkanal die Oper "Tristan und Isolde" in voller Länge senden.
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Tel Aviv - Fast 62 Jahre lang hat in Israel kein Orchester die Musik von Richard Wagner gespielt. Zu sehr war die Geschichte des antisemitischen Komponisten und der schwere Klang seiner Musik mit der Geschichte des jüdischen Volkes verbunden.

Der Dirigent Daniel Barenboim ist einer der vielen Wagner-Liebhaber in Israel. Seit Jahren schon ist er zudem ein Vorkämpfer derjenigen, die sich offen dafür einsetzen, dass Wagner-Musik wieder in das Repertoire der Symphonieorchester aufgenommen wird. Am Samstagabend wird der Musiksender des staatlichen Rundfunks dank Barenboim "Tristan und Isolde" zum ersten Mal in voller Länge ausstrahlen.

Am Tag nach der "Reichskristallnacht" im November 1938 setzte die Palästinensische Philharmonie das Vorspiel zu den "Meistersingern" spontan vom Programm ab. Seitdem scheiterten alle Versuche, die Musik Wagners in Israel auf die Bühne oder in den Konzertsaal zu bringen.

Mit seinem deutlichen Antisemitismus, der Deutschtümelei und Klanggewalt seiner Musik war Richard Wagner der Lieblingskomponist Hitlers. So kam es, dass Wagner-Musik in Konzentrationslagern erschallte und für die Häftlinge zur Begleitmusik des Holocausts wurde. Als Zubin Mehta, der Hausdirigent der Israelischen Philharmoniker, im Jahre 1981 im Rahmen eines öffentlichen Konzertes das "Tristan"-Vorspiel aufführen wollte, brachen ältere Zuschauer unter Tränen zusammen. Unter Buh-Rufen brachte das Orchester das Konzert zu Ende.

Während der ersten Tournee der Berliner Philharmoniker in Israel meinte damals Mehtas Kollege Barenboim: "Solange sich auch nur ein einziges Opfer durch diese Musik verletzt fühlt, sollten wir darauf verzichten."

Im Herbst wird das Symphonieorchester der Kleinstadt "Rischon le Zion" erstmals wieder ein Wagner-Stück in den Konzertsaal bringen. Das "Siegfried-Idyll" gilt zwar als politisch unverdächtig, doch vor einigen Jahren hätte die bloße Ankündigung einen Sturm der Entrüstung bewirkt.

Der israelische Sender "Stimme der Musik", der jetzt den ersten Schritt wagt, hat bereits vor zehn Jahren gelegentlich ein paar Takte "Lohengrin" oder "Siegfried" gespielt und erntete damit nie laute Proteste. Das könnte sich nun dennoch ändern, da die Oper jetzt auf dem Programm steht und öffentlich angekündigt wurde.

Doch an vielen Stellen ist auch die Freude über eine Erweiterung des Kulturprogramms nicht zu überhören. Der Musikkritiker des Tageszeitung "Haaretz" schrieb: "Der Bann gegen Richard Wagner geht zu Ende und dies ist ein Meilenstein bei der Bildung einer israelischen Kultur."