Jauchs "6! Setzen" Terror an der Tafel
Am Ende, als sich nach gut zweieinhalb Stunden bei RTL der Rauch der Wissensschlacht gelegt hatte, blinzelte man verstört in die eigene Familienrunde. Konnte es sein, dass man da zum Teil von Fragen aufgerieben wurde, die offenbar jeder Viertklässler beantworten können müsste? Es waren die alten Dämonen einer im ängstlichen Dämmerzustand verbrachten Schulzeit, die da gestern vor dem Fernseher heraufbeschworen wurden. Sie heißen: Mathe, Bio, Sport.
Die Sender rüsten zurzeit bildungstechnisch ja gehörig auf. Nach dem Pisa-Schrecken wird auf allen Kanälen mit Wissen gehökert. Nach Jörg Pilawa im Ersten, Johannes B. Kerner im Zweiten und Cordula Stratmann bei Sat.1 sendet nun auch der RTL-Bildungsbeauftragte Günther Jauch aus seinem eigenen humanistischen Gulag.
"6! Setzen" lautet der Titel der Sendung, der von den Zuschauern im Studio immer dann martialisch angestimmt wird, wenn einer der kleinen oder großen Kandidaten versagt. Doch anders als bei der großen Samstagabendshow sonst üblich kann man sich nicht wirklich freuen über das Versagen der anderen. Zu tief sitzt der Schock, dass man eben gerade selbst an einer Viertklässler-Frage gescheitert ist. All die neuen Wissensformate, ob sie nun mit amüsantem Sadismus daherkommen oder staatstragender Feierlichkeit, haben eines gemein: Sie verändern die Perspektive aufs Medium. Man schaut keineswegs mehr aufs Fernsehen und seine Protagonisten hinab, man duckt sich jetzt vielmehr ein wenig ängstlich vor dem Apparat so wie damals in der Schule, wenn der Lehrer jemand aufzurufen drohte und man sich hinter seinem Sitznachbarn versteckte.
Mit dem gemütlichen Voyeurismus am Samstagabend, kultiviert durch die unendlich vielen Casting-Shows der letzten Jahre, ist es hier jedenfalls erstmal vorbei. Man schämt sich jetzt nicht für Sänger ohne Stimme oder Tänzer mit motorischen Störungen, sondern nur noch über sich selbst und die bescheidenen Bildungsrückstände aus der eigenen Schulzeit.
Ein Gefühl, dass sich bei "6! Setzen" schon deshalb einstellte, weil Jauchs Redaktion ein halbes Dutzend veritabler Wunderkinder zusammen gecastet hatte: Die dampften vor Ehrgeiz, waren nie um einen überheblichen Spruch verlegen und neben ihrem vorbildlichen Wissensdurst auch noch mit sportlichen und musischen Talenten gesegnet. Schadenfreude kam da gestern allenfalls auf, wenn der kickende Mathe-Fuchs Mika oder der Tango tanzende Bildungs-Tiger Steven auch mal einen Fehler machten. Allein, den Gefallen taten einem die Viertklässler selten.
Calmund scheiterte am Tuschkasten
Immerhin war der Privatsender gnädig genug, den sechs kleinen Alleskönnern ein Trio aus eher schlichten Gemütern der RTL-Familie entgegenzusetzen. Die boten dem gestressten erwachsenen Publikum Identifikationspotenzial. Im Studio anwesend: der rheinischen Genussmensch Reiner Calmund, die nervöse Plappertasche Gaby Köster, der gediegene Box-Privatier Henry Maske. Als Schulkinder, so konnte man sich das gut vorstellen und so bekam man das auch zum Teil in Geständnissen bestätigt, waren das bestimmt alle drei klassische Unterrichtswegdöser und Klassenkasper.
So blieb ihnen in der Sendung oft auch nichts anderes übrig, als der jugendlichen Konkurrenz nach verlorenen Wissensduellen eine lange Nase zu ziehen oder andere Faxen zu machen und sich auf diese Weise durchaus amüsant dem üblichen Mediennieten-Gebaren hinzugeben. Dann und wann musste Jauch, dessen neue Brille in seiner Funktion als Delinquenten-Dompteur ihm äußerst zu Pass kam, entsprechend hart durchgreifen. Calmund etwa wurde nach einem verpatzten Einsatz schon mal nach vorne gerufen: In einem Kindertuschkasten musste er Gelb und Rot zusammenrühren, weil er vorher behauptet hatte, so entstünde die Farbe Braun. Das Ergebnis: natürlich ein beschämendes Orange. So fühlt er sich an, der Terror an der Tafel.
Der Zuschauer kam sich also ein bisschen vor wie in der eigenen Schulzeit, die er bis zum Aufkommen dieses neuen geballten Pisa-Entertainments im deutschen Fernsehen doch so erfolgreich verdrängt hatte: Gut, dass man nicht selber an die Tafel gerufen wurde.