Jom Kippur Das Glück der reinen Leere
Alle Räder stehen still. Kein Bus fährt, kein Taxi, kein Auto, kein Moped und keine Vespa. Die Stadt gehört den Fußgängern, den Kindern und den Hunden. Rad- und Rollschuhfahrer flitzen durch Einbahnstraßen gegen die Fahrtrichtung, und niemand hält sie auf. Hunde laufen auf der Fahrbahn Frisbee-Scheiben hinterher. Alle Geschäfte sind zu, die vielen Kioske und Saftbuden auch. Sogar in "Alberts Schnitzelhaus" und schräg gegenüber im "Cafe Mersand", die praktisch immer auf haben, stehen die Stühle auf den Tischen.
Jom Kippur: Ruhig bleiben in Tel Aviv
Aber es ist nicht autofreier Sonntag in Hamburg, ausgelöst durch eine Ölkrise, es ist Jom Kippur in Tel Aviv, der höchste jüdische Feiertag. Und während die frommen Juden in den Synagogen beten und Gott und ihre Mitmenschen um Vergebung bitten, gehen die weltlichen in der Stadt spazieren.
Sie könnten auch zu Hause bleiben und das Ende des Feiertags bei Anbruch der Dunkelheit abwarten, nur: Auch das Fernsehen hat den Sendebetrieb eingestellt und aus dem Radio kommt nichts als Rauschen. Richterin Barbara Salesch auf Sat.1 und das Familiengericht auf RTL, die man neben CNN und al-Dschasira im israelischen Kabelnetz empfangen kann, sind nicht jedermanns Sache.
Es ist der totale Stillstand. Rien ne va plus. Einmal im Jahr wird Israel wie ein Computer herunter gefahren. Für viele weltliche Juden ist Jom Kippur der schönste Tag des Jahres. 24 Stunden völlige Ruhe. Kein Kampf um Parkplätze, man muss nicht wegfahren und nichts unternehmen, die Schwiegereltern bleiben daheim, die Vision einer entspannten Gesellschaft nimmt Gestalt an.
Die Frommen erleben Jom Kippur ganz anders. Sie beten und fasten von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang. Bei 35 Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent muss man in guter Verfassung sein, um ohne Wasser auszukommen. Nicht alle schaffen es, und deswegen sind immer wieder Ambulanzen unterwegs. In der König-Salomon-Straße klappen Feuerwehrleute eine Leiter aus und steigen über den Balkon in eine Wohnung im ersten Stock ein.
In der König-George-Straße hockt ein Mädchen mitten auf der Fahrbahn und ruft übers Handy ihren Vater an: "Hol mich bitte ab, das Fahrrad ist kaputt!" An der Kreuzung Allenby, Sheinkin und Shuk Ha-Karmel, früher auch "Potsdamer Platz" genannt, stoßen eine Radfahrerin und ein Rollschuhfahrer in voller Fahrt zusammen. Beide kippen um und bekommen einen Lachkrampf.
Fünf Kilometer weiter südlich, in Jaffo, wo Christen, Muslime und Juden leben, findet Jom Kippur mitten im Ramadan statt. Während die Juden und die Muslime fasten, nutzen die christlichen Araber den Feiertag, um sich etwas Gutes zu gönnen. In der Luft liegt der Geruch von Gegrilltem. Das wiederum empfinden manche als Provokation und rufen die Polizei.
Doch sobald die Sonne untergegangen ist, sind alle Unterschiede beseitigt. Man darf wieder essen und trinken! Gelobt sei der Herr! Baruch Haschem! Allahu Akbar!